Juso-Chefin Funiciello tritt ab – «dann fluche ich noch viel mehr»

Im Interview sagt Tamara Funiciello, warum sie die Führung abgibt, was sie jetzt vorhat und weshalb Empörung und Fluchen gut ist.

«Ich rede so, wie mir d'Schnurre gwachse isch. So bin ich halt»: Tamara Funiciello. (Video: Anja Ruoss. Bilder: Keystone)

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Tamara Funiciello, warum hören Sie als Präsidentin der Juso auf?
Ich mach das nun seit drei Jahren, und ich werde dabei auch nicht jünger. Wir haben inzwischen Mitglieder mit Jahrgang 2009! Ich habe mir viel vorgenommen für meine Präsidentschaft, und ich konnte viel davon umsetzen. Jetzt ist es Zeit, einen Schritt weiterzugehen.

Was haben Sie umgesetzt?
Wir haben super Personal in der Partei, höllenmotivierte Frauen und konnten ganz viele davon in kantonale Parlamente hieven. In Bern, Luzern, Zug, Graubünden, Zürich, Baselland – da haben wir viel bewegt. Ich habe mitgeholfen, das Frauennetzwerk in und ausserhalb der Partei auszubauen, diese Woche haben wir die 99-Prozent-Initiative eingereicht und jetzt – als letztes Projekt meiner Präsidentschaft – gehen wir die Sache der reduzierten Arbeitszeit an. Das wird der nächste grosse Verteilungskampf.

Freuen Sie sich, nach Ihrer Zeit als Juso-Präsidentin nicht mehr ständig empört sein zu müssen? Nein. Empörung ist nach wie vor meine Hauptantriebskraft. Wenn ich nicht mehr empört bin, höre ich mit Politik auf.

Ihre männlichen Vorgänger Cédric Wermuth und David Roth waren auch umstrittene Figuren. Doch bei niemandem ist die Situation so schnell eskaliert wie bei Ihnen. Warum?
Frauen in der Öffentlichkeit sind Reizfiguren. Nach wie vor. Jung und politisch ist schon schwierig als Konstellation. Und wenn man dann noch eine Frau ist! Mit Migrationshintergrund! Da kommt viel zusammen. Für viele zu viel. Ich ecke halt wirklich überall an, selbst bei älteren intellektuellen Linken. Die haben sich regelmässig beschwert, wenn mir im Radio ein «Gopferdammi» rausrutschte.

Ganz ehrlich: War das ständige Gefluche wirklich nötig?
Also so viel fluche ich nun auch wieder nicht – und planen tue ich es nicht. Ich rede so, wie mir d'Schnurre gwachse isch. So bin ich halt.

Als Sie vor einem Jahr den Song «079» als sexistisch bezeichneten, waren Sie plötzlich die meistgehasste Person der Schweiz. Wie geht man damit um?
Das hinterlässt Spuren. Aber man hat immer einen wahnsinnigen Fokus auf den Hass gelegt. Ich bekomme auch viel Unterstützung. Auch während des 079-Shitstorms. Ich habe neben dem Hass auch viel Solidarität erlebt. Und es geht über das hinaus: Mehrmals pro Woche sprechen mich ältere Damen an und danken mir für meine Arbeit. Über das redet man halt einfach nicht so oft.

Hat man nicht irgendwann einfach genug von den Anfeindungen? Und hat das keine Rolle gespielt bei Ihrem Rücktritt?
Nein, das hat keine Rolle gespielt. Ich bin länger im Amt, als es meine männlichen Vorgänger jeweils waren.

Politik als Aufmerksamkeitsspektakel. Wie nachhaltig ist das?
Wenn ich mir unsere Partei anschaue: sehr nachhaltig. Wir haben einen extremen Zuwachs an jungen Frauen, so viele junge Menschen, die sich engagieren. Die Jungen spüren Empörung, und die muss irgendwo raus. Das ist auch richtig so.

Das politische Marketing mag für die eigene Partei funktionieren, bei den Inhalten sieht es etwas anders aus.
Nein! Heute haben wir auch dank uns einen etablierten Diskurs über Hatespeech, der vor drei Jahren so nicht möglich gewesen wäre. Eine Woche nach dem 079-Vorfall machten wir eine Medienkonferenz über Gewalt an Frauen, und der Saal war voll. Auch das war früher anders. Wir haben Einfluss auf die politischen Themen in diesem Land. Wir provozieren nicht einfach, damit provoziert ist.

Auch über Lohngerechtigkeit haben die Juso einen Diskurs angeschoben. Die Boni haben sich währenddessen trotzdem nach oben geschraubt. Sie verändern nichts.
Es brauchte vierzig Jahre, um die AHV einzuführen. Und mit der 99-Prozent-Initiative greifen wir die Abzocker wieder an. Steter Tropfen!

Das Schrille und Laute und Vereinfachende: Machen die Juso nicht genau das gleiche wie die rechten Populisten, die Sie so verachten?
Sind wir Juso populistisch? Ja. Ist das schlecht? Nein. Uns geht es um Inhalte. Bei der Ausländerhetze der Rechten schwingt immer mit, dass diese Menschen weniger wert sind. Wir hingegen rufen nicht dazu auf, die Reichen zu verprügeln. Das ist der Unterschied. Aber dass wir gewisse Erfolgsrezepte der Rechten abkupfern, ist klar. Wenn man Populismus so versteht, dass komplexe Inhalte für alle verständlich werden, sind wir voll dabei.

Sie haben gesagt, die Juso sollen der «Stachel im Arsch» der SP sein. Hat das gut funktioniert?
Die Zusammenarbeit mit der SP war nicht so schwierig, wie es manchmal in den Medien dargestellt wurde. Zu 95 Prozent haben wir eine Übereinstimmung mit der SP. Zu fünf Prozent nicht.

Diese fünf Prozent betreffen aber existenzielle Fragen: die Altersvorsorge, die neue Unternehmensbesteuerung.
Ja. Weil wir uns in diesen Themen an die selber vorgegebenen roten Linien halten. Teilweise im Gegensatz zur SP. Gleichzeitig ist uns gemeinsam viel gelungen – dass wir zusammen das Frauenjahr ausgerufen haben, hat mich sehr gefreut.

Freut es Sie in diesem Zusammenhang auch, wenn Männer wie Cédric Wermuth oder Roger Nordmann für den Ständerat kandidieren?
Am Schluss ist das eine Entscheidung der Kantone.

Jetzt tönen Sie schon wie eine gewählte Nationalrätin – und nicht wie die Juso-Chefin.
Halt! Es stimmt halt einfach! Natürlich hätte ich mehr weibliche Kandidaturen gewünscht. Was man der SP aber zugute halten muss: In keiner anderen Partei legt man so grossen Wert auf eine ausgeglichene Vertretung der Geschlechter – im Nationalrat sind die Frauen in der SP-Fraktion in der Mehrheit. Und wir mussten im Kanton Bern neun Frauen von der Nationalratsliste kippen – weil wir schon so viele andere gute Frauen hatten. Das gibt es bei keiner anderen Partei!

Im Herbst wollen Sie in den Nationalrat gewählt werden, Ihre Chancen sind intakt. Wird man dann eine Tamara Funiciello erleben, die etwas weniger flucht?
Wenn die Mehrheitsverhältnisse im Nationalrat so bleiben, werde ich noch viel mehr fluchen.

Haben Sie Ihr Geschichtsstudium in der Zwischenzeit eigentlich abgeschlossen?
Nein, immer noch nicht. Es ist offensichtlich eine physikalische Regel, dass man als Juso-Präsidentin oder -Präsident keinen Bachelor machen kann … Aber ich habe es jetzt fest vor.

Erstellt: 06.04.2019, 15:25 Uhr

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