Kann ein linker Politiker «zu fest Mann» sein?

In der SP-Fraktion im Nationalrat haben die Frauen nun fast eine Zweidrittelmehrheit inne. Das frustriert einen Teil der SP-Männer. 

«Ich kann ja nicht als Frau kandidieren»: SP-Ständeratskandidat Hans Stöckli im Wahlkampf an einer SP-Veranstaltung in Wohlen. Foto: Adrian Moser

«Ich kann ja nicht als Frau kandidieren»: SP-Ständeratskandidat Hans Stöckli im Wahlkampf an einer SP-Veranstaltung in Wohlen. Foto: Adrian Moser

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Vor dem zweiten Wahlgang an diesem Sonntag hat der Berner SP-Parteisekretär per Twitter eine Warnung abgesetzt: Linke, die ihre Stimme nicht ihrem amtierenden Ständerat Hans Stöckli gäben, so schrieb er sinngemäss, würden faktisch den SVP-Kandidaten wählen. Einen Kandidaten, der gegen Lohngleichheit, gegen echte Elternzeit und gegen den Ausbau familienergänzender Kinderbetreuung sei.

Hans Stöckli hat im ersten Wahlgang das beste Resultat von allen 15 Kandidierenden erzielt. Dennoch sieht man in der Berner SP dem zweiten mit Sorge entgegen: Der 67-Jährige ist manchen zu alt und zu lange im Amt. Vor allem aber scheint er «zu fest Mann» zu sein, wie es bei den Grünliberalen hiess, als sie ihre Wahlempfehlungen diskutierten.

Jedenfalls hörte der SP-Parteisekretär von Frauen, sie wollten beim zweiten Wahlgang nur einer Frau ihre Stimme geben: der grünen Parteipräsidentin Regula Rytz. Legen aber viele Rytz/Leer ein, fehlen Stöckli die Stimmen dazu, den SVP-Mann zu schlagen.

Gleiche Chancen für Männer

In einem Interview mit dem «Bund» rechtfertigte sich Stöckli dafür, dass er als Mann seine Arbeit im Ständerat weiterführen will: Wenn man ihm das Amt absprechen wolle, nur weil er ein Mann sei, dann müsse er daran erinnern, dass die Chancengleichheit auch für Männer gelte, sagte er. «Ich kann ja nicht als Frau kandidieren.»

Regula Rytz, Präsidentin der Grünen Partei Schweiz, links, und Hans Stöckli, SP-Ständerat, informieren über ihre gemeinsame Kandidatur für den Ständerat, Ende Oktober 2019 in Bern. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Niemand hatte vor den Wahlen vom 20. Oktober erwartet, dass der Wind so rasch und so scharf drehen würde. Die Frauen überholten zahlenmässig die Männer auf den Wahllisten, und auch das Wahlresultat überraschte: 27 Männer, aber nur 4 Frauen wurden nicht im Amt bestätigt. Mit dem Resultat, dass 84 Frauen in den Nationalrat gewählt wurden und ihr Anteil von 33,5 auf vorderhand 42 Prozent hochschnellte.

Am höchsten ist der Anteil der Frauen in den Fraktionen von SP und Grünen. In der SP haben sie mit 64,1 Prozent fast eine Zweidrittelmehrheit inne, bei den Grünen sind sie mit 60,7 Prozent nicht weit davon entfernt. Sie werden das Bild ihrer Fraktionen nun massgeblich prägen.

Die Glücklichen werden panaschiert

Dramatisch war die Wahl für die SP-Männer im Kanton Bern: Drei Bisherige kandidierten erneut für den Nationalrat, aber nur einer wurde wiedergewählt: Matthias Aebischer. Ein Bisheriger verlor seinen Sitz an die Grünen, einer an eine Frau. «Die Frauenliste hat dieses Jahr gezogen», konstatiert Ueli Egger, Co-Präsident der Berner SP. In der Stadt Bern etwa erreichte die Frauenliste einen Wähleranteil von 18 Prozent, während die Männerliste richtiggehend abstürzte. Egger hat wiederholt von Bekannten gehört, dass sie ein Zeichen setzen und die Frauenliste einlegen wollten. Hatte ein Mann Glück, wurde er zu den Frauen hinüberpanaschiert.

«Die Frauen auf der Liste haben sich gegenseitig unterstützt und sind an gemeinsamen Veranstaltungen aufgetreten.»Ueli Egger, Co-Präsident SP Bern

Besonders bitter war die Abwahl für Gewerkschafter Corrado Pardini. Er, der junge Kandidatinnen förderte und die frühere Juso-Präsidentin Tamara Funiciello mit auf sein Wahlplakat nahm, verlor seinen Sitz prompt an sie. Nach der Wahl analysierte Pardini, dass es im Jahr des Frauenstreiks für linke Männer unmöglich gewesen sei, ihre eigene Liste zu bewerben. Das sieht auch Co-Präsident Egger so: «Die Frauen auf der Liste haben sich gegenseitig unterstützt und sind an gemeinsamen Veranstaltungen aufgetreten. Wir Männer haben das nicht getan.» Nicht zuletzt deshalb, weil ihnen das als frauenfeindlich hätte ausgelegt werden können.

Im Kanton Zürich wurden mit Thomas Hardegger und Martin Naef ebenfalls zwei Bisherige nicht wiedergewählt; die Delegierten hatten den Frauen zuvor deutlich bessere Plätze auf der Liste zugewiesen und vor Naef eine Neue hingesetzt – die prompt an seiner Stelle gewählt wurde.

«Die Gleichstellung hat einen Preis, den manche Männer bezahlen müssen. Nun bin ich einer davon.»Philipp Hadorn

Nicht alle tragen ihre Abwahl mit einer solchen Fassung wie der Solothurner Philipp Hadorn. Für ihn ist klar, dass er am 20. Oktober aufgrund seines Geschlechts abgewählt wurde. «Im aktuellen politischen Klima ist es kein Vorteil, sondern ein klarer Nachteil, ein Mann zu sein.» Dennoch sagt er: «Die Gleichstellung hat einen Preis, den manche Männer bezahlen müssen. Nun bin ich einer davon.» Eine Aussage, die unter Genossen mit grösstem Respekt zitiert wird.

Es braucht keinen Männerschutz

In Zürich hingegen wird unter Männern die Forderung laut, man müsse nun über das Nominationsverfahren diskutieren. «Wir müssen auch den Männern Sorge tragen», sagt ein prominentes Parteimitglied. Mit Namen hinstehen will niemand – aus Angst, sich zu stark zu exponieren. Tatsächlich kommt es bei manchen Frauen nicht gut an, wenn man die Männerfrage stellt: Nationalrätin Priska Seiler etwa sagt, sie könne kaum glauben, dass diese Frage ernst gemeint sei.

«In der Tat sind wir für Parität.»Andreas Daurù, Co-Präsident SP Zürich

Muss die SP ihren Männern nicht tatsächlich mehr Sorge tragen, damit sie sich nicht frustriert von der Partei abwenden? Oder ihr erst gar nicht beitreten? Denn eigentlich bedeutet Gleichstellung halbe-halbe. «In der Tat sind wir für Parität», sagt Andreas Daurù, Co-Präsident der Zürcher SP. Sie müsse aber nicht punktgenau umgesetzt sein. Nur wenn der Frauenanteil weiter markant steige, müsse sich die Partei «eventuell überlegen», wie die Männer vermehrt zum Zug kämen. Doch von diesem Punkt sei man noch weit entfernt.

Der abgewählte Philipp Hadorn schliesst nicht aus, dass die SP für junge, aufstrebende Männer weniger attraktiv wird, wenn sich der Trend fortsetzt. «Aber Männern, die bei uns nur Karriere machen wollen, würde ich nicht nachtrauern.» Einen «Männerschutz» brauche es vorderhand nicht. Die Gleichstellung sei schon so lange in Schieflage, da sei es nach einem erfolgreichen Frauenwahljahr noch lange nicht Zeit für Korrekturen.

Tatsächlich haben schon viele Männer in der SP erlebt, dass sie zugunsten einer Frau zurückstecken mussten, wie auch Beat Jans sagt, Vizepräsident der SP Schweiz. Durch das Telefon hört man es klappern und klopfen – Jans hat seinen Vatertag und ist am Kochen. Er sieht aber keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dies irgendwann von alleine ergibt.» Wenn eine Wahlliste ausgeglichen sei, bestimmten letztlich die Wählerinnen und Wähler, wer ein Mandat bekomme und wer nicht. Und im Jahr des Frauenstreiks hätten eben die Frauen Aufwind.

Erstellt: 14.11.2019, 17:10 Uhr

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