Kantönligeist à la Westschweiz

In Genf beansprucht man den Schweizer Nobelpreis für sich. Dabei ist einer der Physiker Jurassier. Eine Zeitung vermittelt: Es handle sich schlicht um «Westschweizer».

Didier Queloz stammt aus dem Jura, sein Kollege Mayor aus Lausanne, gearbeitet haben beide in Genf. Für die Schweizer Öffentlichkeit ist das bereits zu kompliziert, scheint es. Foto: Simon Dawson (Reuters)

Didier Queloz stammt aus dem Jura, sein Kollege Mayor aus Lausanne, gearbeitet haben beide in Genf. Für die Schweizer Öffentlichkeit ist das bereits zu kompliziert, scheint es. Foto: Simon Dawson (Reuters)

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Für die Schweiz ist es ein Moment der wissenschaftlichen Glückseligkeit: Der diesjährige Nobelpreis für Physik geht an die Astronomen Michel Mayor und Didier Queloz. Doch kaum hatten die Experten in Stockholm ihre Würdigung der Preisträger beendet, begann die Romandie den gut eidgenössischen Provinzialismus zu kultivieren. «Welcher Kanton darf jubeln?», war plötzlich die Frage aller Fragen.

Der Kanton Genf applaudierte «den beiden Genfern» Mayor und Queloz, schliesslich war ihnen an seinem Observatorium die bahnbrechende Entdeckung des ersten Exoplaneten gelungen. Doch weil Mayor in Lausanne zur Welt kam und in seiner Heimatstadt studierte, neutralisierte die Waadtländer Zeitung «24 Heures» die Herkunft der Laureaten sogleich: Es handle sich um zwei «Westschweizer», informierte die Zeitung.

Astronomen befassen sich mit Grösserem

Eine solche geografische Verallgemeinerung war dem Kanton Jura wiederum nicht geheuer. Die jurassische Regierung pochte per Medienmitteilung darauf, dass Didier Queloz aus dem Dörfchen Saint-Brais stammt. Mutmasslich müsste er also stolzer Jurassier sein.

Das Unbehagen im Kleinstaat Romandie blieb letztlich eine lokale Angelegenheit. Bezeichnenderweise liessen sich die Preisträger im Ausland feiern. Mayor weilte auf einer Vortragsreise in Spanien, und Queloz arbeitete an seinem Lehrstuhl im altehrwürdigen Cambridge.

Die abstruse Diskussion um die Herkunft der Nobelpreisträger verkennt, dass sich beide in unendlich grossen Räumen und Zeithorizonten Tausender Lichtjahre orientieren. Die Teleskope der Genfer Astronomen stehen in Chile, auf der spanischen Insel La Palma und in der französischen Provence. Auch dank dieser geografischen Ausdehnung haben der Professor und sein ehemaliger Doktorand die Weiten des Weltalls fest im Blick. Zum Glück für sie selbst und die Schweiz haben Michel Mayor und Didier Queloz die Kantonsgrenzen hinter sich gelassen. Nobelpreisträger haben Grösseres im Blick.

Erstellt: 09.10.2019, 20:47 Uhr

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