Wer in der Schweiz eine Waffe will, bekommt sie auch – meistens

Unsere Recherchen zeigen: Im Aargau werden am meisten Waffenscheine beantragt – der Vergleich.

In der Schweiz werden immer mehr Waffenscheine ausgestellt. Grafik: kmh

In der Schweiz werden immer mehr Waffenscheine ausgestellt. Grafik: kmh

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Waffen sind Sache der Kantone. Wer eine Pistole oder ein Sturmgewehr kaufen will, muss den dafür notwendigen Waffenschein in einem Waffenbüro bestellen. Wie eine Umfrage dieser Zeitung ergeben hat, wird der Schein sehr selten verwehrt. Die Hälfte der Kantone machte dazu Angaben: Überall lag die Quote der verweigerten Scheine maximal im einstelligen Prozentbereich. So wurden in Graubünden in den letzten zehn Jahren 10 Gesuche verweigert – bei 5500 ausgestellten Scheinen. In Basel-Stadt und Bern lag die Quote 2017 bei vergleichsweise hohen 3,5 beziehungsweise 4 Prozent. Zürich lieferte keine Daten.

Was ist der Grund für die tiefen Quoten? Die Polizei Obwalden hat letztes Jahr 175 Waffenscheine ausgestellt und 1 Gesuch abgelehnt. Christoph Fries, Leiter der Kriminalpolizei, sagt: «Es werden nur sehr wenige Gesuche von Personen eingereicht, bei denen Hinderungsgründe vorliegen.» Das Gesetz schreibt ein Mindestalter von 18 Jahren vor und keine mehrfachen Einträge im Strafregister. «Personen, die eine Waffe legal erwerben wollen, machen sich meist vor der Einreichung des Gesuchs schlau oder werden von den Waffenhändlern über die Voraussetzungen aufgeklärt», sagt Fries.

Alles Jäger und Sammler

Chantal Galladé, die seit Jahren für schärfere Waffengesetze kämpft, genügt dies nicht. Für die SP-Nationalrätin, die diese Woche ihr Amt abgibt, zeigen die Zahlen vielmehr, dass die Hürden für den Waffenerwerb sehr tief sind. «Das ist politisch so gewollt», sagt Galladé. Verschärfungen hat das Parlament in den letzten Jahren wiederholt abgelehnt. Etwa im Frühjahr einen Vorstoss Galladés, der verlangte, dass bei der Erteilung eines Waffenscheins ein Bedürfsnisnachweis zu erbringen ist. So hätte zum Beispiel ein Sportschütze nachweisen müssen, dass er den Sport regelmässig betreibt.

Heute gibt die Mehrheit der Antragsteller die Erwerbsgründe Sport, Jagen und Sammeln an. Sie sind auf dem Formular vorgedruckt. Ob dies tatsächlich zutrifft, muss nicht belegt werden. Die Antragsteller wären verpflichtet, abweichende Gründe anzugeben. Vorkommen tut das kaum, wie das Beispiel des Waffenbüros in der Stadt Zürich zeigt. Laut Marc Surber, Sprecher der Stadtpolizei, wird fast immer Sport/Jagen/Sammeln angegeben. Wenn doch ein anderer Grund genannt werde, dann die Übernahme einer Armeewaffe oder der Beruf, etwa von Mitarbeitern von Sicherheitsfirmen.

Plötzlich «verbotene» Waffen

Die Schweiz kennt unterschiedliche Kategorien von Waffen. In der untersten Kategorie (einschüssige Jagdgewehre oder Sportgewehre) muss ein Kauf lediglich nachträglich gemeldet werden. In der mittleren Kategorie (Pistolen oder halbautomatische Waffen wie das Armee-Sturmgewehr) ist ein Erwerbsschein nötig. Zur obersten Kategorie gehören Seriefeuerwaffen. Diese sind grundsätzlich verboten und nur mit einer Ausnahmebewilligung erlaubt.

Diese Einteilung ist in Bewegung. Mit der Übernahme der EU-Waffenrichtlinie, die das Parlament beschlossen hat, würden die meisten halbautomatischen Waffen neu zur Kategorie «verboten» zählen. Derzeit sammeln Schützenorganisationen mit Unterstützung der SVP Unterschriften für ein Referendum.

Regelmässiges Schiessen wäre Pflicht

Unterstützt wird das Referendum vom Verband der Büchsenmacher und Waffenfachhändler. Präsident Daniel Wyss schätzt, dass mehrere Hundertausend Waffen neu in die Kategorie «verboten» fallen würden. Genauere Zahlen fehlen. Im Waffenregister der Schweizer Polizeien könnten keine statistischen Auswertungen zu einzelnen Waffentypen gemacht werden. Ausnahmebewilligungen sind aber relativ selten. In Genf etwa wurden letztes Jahr 2916 Waffenerwerbsscheine ausgestellt und 68 Ausnahmebewilligungen.

Nach Umsetzung der EU-Richtlinie müssten Schützen für eine Ausnahmebewilligung neu eine Vereinsmitgliedschaft oder regelmässiges Schiessen nachweisen. Wyss sagt, die Richtlinie habe «massive Auswirkungen». SP-Politikerin Galladé nennt die Richtlinie mit Verweis auf diverse Schweizer Ausnahmen «mehr als nichts». So sollen etwa Soldaten ihre Waffe zu gleichen Konditionen übernehmen können wie bisher – ohne Ausnahmebewilligung.


Deutlich mehr Waffenscheine ausgestellt

20 Prozent mehr Bewilligungen in Zürich, 35 in Bern, 85 in Basel: Der schweizweite Zuwachs ist beachtlich.

Letztes Jahr wurden in der Schweiz fast 38'000 Waffenerwerbsscheine ausgestellt. Das hat eine Umfrage dieser Zeitung ergeben. Im Mehrjahresvergleich ist das ein klarer Anstieg. Fünf Jahre zuvor waren es noch gut 25'000 Scheine. Die Zahlen sind in allen Kantonen gestiegen. Die Unterschiede sind jedoch beträchtlich. Während in Zürich der Anstieg zwischen 2012 und 2017 knapp 20 Prozent beträgt, sind es in Bern 35 Prozent und in Basel-Stadt 85 Prozent. In einzelnen kleineren Kantonen ist der Anstieg noch höher. Vorläufige Angaben für 2018 deuten darauf hin, dass sich die Zahlen auf hohem Niveau stabilisieren. Mit einem Waffenschein können bis zu drei Waffen erworben werden. Zahlen aus dem Kanton Zürich zeigen, dass letztes Jahr 4957 Scheine eingelöst und damit 7597 Waffen erworben wurden.

Vergleicht man die Anzahl Waffenscheine mit der Einwohnerzahl, zeigen sich grosse Unterschiede. Im Schnitt werden pro Jahr auf 1000 Einwohner 4,5 Scheine gelöst. Zürich, Bern und Basel liegen unter diesem Schnitt, viele ländliche Kantone darüber. Spitzenreiter ist der Aargau mit 7,7 Scheinen pro 1000 Einwohner.

Die Gründe für die starke Zunahme ist unklar. Sicher ist, dass der Anstieg der letzten fünf Jahre nichts mit Gesetzesänderungen zu tun hat. 2008 wurde die Erwerbsscheinpflicht für den Waffenhandel zwischen Privaten eingeführt. 2010 die Erwerbsscheinpflicht bei der Übernahme von Armeewaffen. Seither sei keine Änderung vorgenommen worden, die die Zahl der ausgestellten Scheine hätte beeinflussen können, sagt das Bundesamt für Polizei. Mehrere Polizeikorps halten es für möglich, dass die höhere Zahl auch mit dem Sicherheitsempfinden der Bevölkerung zu tun hat.

Anton Anker ist Inhaber eines Waffengeschäfts im Kanton Bern. Nur ein kleiner Teil seiner Kunden fühle sich persönlich unsicher und wolle deshalb eine Waffe anschaffen, sagt Anker. Für die meisten gehe es um die Waffe und das Schiessen selber. (ldc)

Erstellt: 03.12.2018, 07:07 Uhr

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