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Kantone prüfen Helpline für häusliche Gewalt

Im Jahr 2012 gab es in der Schweiz 15'810 Anzeigen wegen Straftaten im häuslichen Bereich. Laut einer Studie ist in fast der Hälfte der Fälle Alkohol im Spiel.

In einer Studie hat das BAG den Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewalt untersucht.

Bei häuslicher Gewalt liegt häufig auch eine Alkoholproblematik vor: Fast jede zweite Frau, die zu Hause Opfer von Gewalt wird, gibt bei der Beratungsstelle einen problematischen Alkoholkonsum in der Beziehung an. In einem Viertel der Fälle hat ein Beziehungspartner zum Zeitpunkt der Tat getrunken.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG), die heute vorgestellt wurde. Sie untersuchte erstmals den Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewalt in der Partnerschaft.

Physische Gewalt

Demnach geben 48 Prozent der von Gewalt betroffenen Frauen, die sich an eine Beratungsstelle wenden, einen problematischen Alkoholkonsum in der Beziehung an. In neun von zehn Fällen trinkt gemäss der Erhebung der Mann.

«Es handelt sich meist um physische Gewalt, die oft kombiniert mit psychischer Gewalt angewendet wird», sagte Gabriela Scherer, Co-Leiterin der BAG-Sektion Alkohol, vor den Medien in Bern. «Die Beobachtungen betreffen alle sozialen Schichten und Altersklassen.» In zwei von drei Fällen von häuslicher Gewalt lebten auch Kinder im Haushalt.

Trotz des oft gemeinsamen Auftretens von Alkohol und Gewalt könne aber nicht gesagt werden, dass dieser der Grund für eine Gewalttat sei. «Er ist einfach im Spiel», hielt Scherer fest.

Bessere Koordination

Das BAG will im Rahmen des Nationalen Programms Alkohol (NPA) Angehörige und das direkte Umfeld vor den Folgen des Alkoholmissbrauchs schützen. Für diese laut Scherer «fragile Thematik» müssten die Bevölkerung und die Behörden vermehrt sensibilisiert werden.

«Bei Fällen häuslicher Gewalt sind sehr viele Fachstellen und Behörden involviert, sodass die interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtig ist», sagte Miriam Reber von der Koordinationsstelle häusliche Gewalt des Kantons St. Gallen. Der Kanton hatte im Jahr 2003 eine Vorreiterrolle bei der Bekämpfung der häuslichen Gewalt übernommen, indem er als erster Kanton in der Schweiz Massnahmen dagegen ins Polizeigesetz aufnahm.

Heute führt Reber regelmässig Sitzungen durch, bei denen sich die verschiedensten Vertreter an einen Tisch setzen – Polizei, Justiz, Opferhilfe, Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden, Sozialämter sowie die regionalen Sozial- und Suchtberatungsstellen. «Der Wissenstransfer hat eine hohe Bedeutung, um der Problematik zu begegnen», sagte Reber.

Nationale Helpline

Um den Austausch unter den beteiligten Partnern zu fördern, veranstaltet das BAG im Juni eine nationale Tagung für die Kantone und die in den beiden Beratungsbereichen tätigen Organisationen und Institutionen. Zudem sollen Projekte zur Prävention und Bekämpfung häuslicher Gewalt ab 2014 mit Beiträgen aus dem NPA unterstützt werden können.

Auch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) führt jedes Jahr im November eine nationale Tagung zum Thema durch. Weiter prüft die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) die Lancierung einer nationalen «Helpline Häusliche Gewalt» für Opfer, Täter sowie weitere Betroffene. Diese soll rund um die Uhr in drei Sprachen verfügbar sein. Das Projekt ist derzeit in der Vernehmlassung bei den Kantonen.

Laut Martin Boess, Geschäftsleiter der Schweizerischen Kriminalprävention, soll damit das stark zersplitterte Angebot zentralisiert werden. «Das Ziel ist es, die Betroffenen mit einem Telefonat an die richtigen Beratungsstellen zu bringen.»

15'810 Anzeigen

«Im Jahr 2012 gab es 15'810 Anzeigen wegen Straftaten im häuslichen Bereich», sagte EBG-Direktorin Sylvie Durrer. Die Dunkelziffer sei dabei hoch.

Die Studie «Gewalt in der Partnerschaft und Alkohol» untersuchte 1500 Fälle aus der ganzen Schweiz, die von Opfer- und Täterberatungsstellen sowie Frauenhäusern behandelt wurden. Diese betreffen zu zwei Dritteln Frauen. Zudem wurden ausschliesslich Fälle analysiert, bei denen die Frau Opfer war. Dies trifft auf 80 Prozent aller Fälle zu.

«Die Untersuchung ist nur die Spitze des Eisbergs und nicht für die ganze Gesellschaft repräsentativ», sagte Scherer. Oft dauere es lange, bis die Opfer bei Beratungsstellen Hilfe holten.

SDA/wid

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