Kaum ein Autofahrer kompensiert seinen CO2-Ausstoss

Autos verursachen in der Schweiz die meisten Emissionen im Verkehr. Doch ausgerechnet hier herrscht bei der CO2-Kompensation Flaute.

Autofahrer haben 2018 weniger als 0,01 Prozent ihres CO<sub>2</sub>-Ausstosses kompensiert.

Autofahrer haben 2018 weniger als 0,01 Prozent ihres CO2-Ausstosses kompensiert. Bild: Keystone

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Eine Wortschöpfung aus Schweden hat binnen kurzer Zeit eine steile internationale Medienkarriere hingelegt: Flygskam. Flugscham also. Die Klimadebatte dreht sich hierzulande prominent ums Fliegen – gerade so, als wären Flugreisen die grösste CO2-Quelle im Verkehr.

Doch dem ist nicht so. Es sind vielmehr die Autos und Motorräder. 2017 stiessen sie 11,3 Millionen Tonnen CO2 aus. Das sind rund 26 Prozent der Gesamtemissionen der Schweiz. Demgegenüber brachte es der Flugverkehr auf 5,4 Millionen Tonnen CO2, was 12,5 Prozent entspricht.

Die skizzierte Diskrepanz zeigt sich auch bei der Bereitschaft, seinen CO2-Verbrauch mit Klimaschutzprojekten möglichst zu neutralisieren – freilich unter umgekehrten Vorzeichen. Letztes Jahr haben Flugpassagiere via die Stiftung Myclimate freiwillig Flugemissionen im Umfang von 32'000 Tonnen kompensiert, 2019 sind es mit 38'000 Tonnen bereits mehr – zweifelsohne auch eine Folge der Kontroverse ums Fliegen.

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Das Wachstum in den letzten Jahren ist beträchtlich, findet aber auf tiefem Niveau statt: Kompensiert wird noch immer weniger als 1 Prozent des CO2-Ausstosses, der die Fliegerei in der Schweiz ausmacht. Der Befund gilt erst recht für den Autoverkehr. Im letzten Jahr kam es via Myclimate zu CO2-Kompensationen im Umfang von 4550 Tonnen. Das ist weniger als 0,01 Prozent des Ausstosses, für den der motorisierte Individualverkehr verantwortlich ist.

Bis zu 345 Franken extra pro Jahr

Eine verschwindend kleine Minderheit der Autofahrer ist heute also bereit, für den Klimaschutz extra zu zahlen. Wer mit dem Auto von Zürich nach Bern fährt mit einem Benziner, der 6 Liter pro 100 Kilometer verbraucht, zahlt für die 130 Kilometer lange Strecke zwischen 1 und 3 Franken drauf – je nachdem, wie viel er für Klimaschutzprojekte im Ausland oder im (teureren) Inland spendet. Bei jährlich 15'000 Fahrkilometern ergibt dies einen Betrag zwischen 115 und 345 Franken. Zum Vergleich: Die CO2-Kompensation eines Flugs Zürich–New York retour kostet zwischen 67 und 209 Franken.

Die geringe Bereitschaft beschäftigt auch die Stiftung Myclimate: Es fokussiere sich heute ein grosser Teil der Diskussion auf das Thema Fliegen, sagt Sprecher Kai Landwehr. «Dabei werden andere Emissionsverursacher meist ausser Acht gelassen – zu Unrecht.» Dies gelte nicht nur für Autos, sondern generell für die Mobilität, aber auch für andere Bereiche wie Gebäude, Ernährung und Landwirtschaft. Noch geringer ist die Lust, die Klimabelastung von Kreuzfahrten möglichst auszugleichen. Die CO2-Kompensationen liegen hier deutlich unter 1000 Tonnen pro Jahr. «Bei Kreuzfahrten wäre – ähnlich wie bei Flugreisen – eine Integration in die Buchungen der erfolgversprechendste Schritt hin zu mehr Kompensationen», zeigt sich Landwehr überzeugt.

SVP-Politiker spricht von «Glaubenskrieg»

Hat sich die Klimadebatte tatsächlich zu stark aufs Fliegen verengt? Nationalrat Christian Imark (SVP) spricht von einem «Glaubenskrieg mit Ablasszahlung und Fegefeuer». «Die Thematik wird durch gewisse Politiker und Medien derart hysterisiert, dass eine vernünftige Debatte auf Basis von Technik und Physik über Machbares, Wünschbares und entsprechende Wechselwirkungen schlicht nicht mehr möglich ist.»

Nationalrat Stefan Müller-Altermatt (CVP) dagegen verweist auf das neue CO2-Gesetz, das der Nationalrat im Winter versenkt hat und nun vom Ständerat von Grund auf neu beraten wird. Der Entwurf des Bundesrats sieht Massnahmen für Bereiche wie die Industrie, den Autoverkehr und den Gebäudebereich vor, aber nicht für den Flugverkehr. «Dass hier im Sinne einer Beitragssymmetrie nun Druck entsteht, ist richtig», sagt Müller-Altermatt.

Nationalrat Bastien Girod (Grüne) betont, Fliegen sei der am stärksten wachsende Sektor, und just hier sei es am schwierigsten, Lösungen zu entwickeln. Die öffentliche Diskussion helfe dabei. Girod fände es aber «wünschenswert», wenn vermehrt auch die Emissionen von Verkehr, Gebäuden und Industrie ins Zentrum der Diskussion rücken würden.

Neuer Fokus der Debatte – dank FDP?

Möglicherweise erhält der Autoverkehr bald schon jenen Stellenwert in der Klimaschutzdebatte, den er aufgrund seiner Bedeutung verdient hat. Seit sich im Juni die Delegiertenversammlung der FDP für die Einführung einer CO2-Lenkungsabgabe auf Treibstoffe ausgesprochen hat, ist dieses Instrument im Parlament potenziell mehrheitsfähig.

Sollen Benzin und Diesel verteuert werden? Sollen die Einnahmen aus dem Preisaufschlag in einen Klimaschutzfonds fliessen – oder an die Bevölkerung gleichmässig zurückverteilt werden, sodass Sparsame unter dem Strich finanziell besser fahren und Vielfahrer schlechter? Es sind diese Fragen, die der Klimadebatte einen neuen Dreh verleihen könnten.

Inwieweit allein schon die öffentliche Debatte das Verhalten der Bevölkerung zu beeinflussen vermag, bleibt abzuwarten. Flugscham in der Schweiz? Als der Flughafen Zürich im April und Mai vermeldete, die Zahl der Lokalpassagiere liege 0,6 respektive 1,5 Prozent unter den Vorjahreswerten, glaubten Klimaschützer zwar bereits, einen Trend zu «Greta statt Kreta» zu erkennen. Doch im Juni meldete der Flughafen wieder um 4,3 Prozent gestiegene Zahlen.

Erstellt: 02.08.2019, 13:57 Uhr

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Haben wir Grund zur Panik?

Der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel ist für die überwiegende Mehrzahl der Wissenschaftler eine unbestreitbare Tatsache. Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg hält die Lage für so gefährlich, dass sie sagt: «Ich will, dass ihr in Panik geratet.»

Für die grösste Partei der Schweiz, für rechtskonservative Kräfte in Europa und für den amerikanischen Präsidenten werden die steigenden Temperaturen hingegen missbraucht, um irrationale Ängste zu schüren und politische Propaganda zu betreiben.

Wie schlimm ist die Lage wirklich? Was ist zu tun? Welche Schweizer Partei hat die besten Konzepte, um den Klimawandel einzudämmen? Und sind die Streiks der Klimajugend das richtige Mittel?

Über diese und andere Fragen debattieren:

Petra Gössi, Präsidentin der FDP Schweiz.

Marcel Hänggi, Wissenschaftsjournalist, Sachbuachautor und Mitinitiant der Gletscherinitiative.

Rahel Ganarin, Geografin und Aktivistin der Klimastreik-Bewegung.

Christian Imark, Nationalrat der SVP aus dem Kanton Solothurn.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen&Debatte, Tages-Anzeiger.

28. August, Kaufleuten, Pelikanplatz Zürich. Türöffnung 19.00 Uhr, Beginn 20.00 Uhr.

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