Zum Hauptinhalt springen

Keine Gerechtigkeit für die Opfer

Das Bezirksgericht Winterthur fällt im An’Nur-Prozess ein nachvollziehbares Urteil. Die Genugtuung für die Opfer ist aber bescheiden.

Die Reaktion auf das Urteil: Das sagt die Staatsanwältin.

Acht Schuldsprüche, zwei Freisprüche, zwei Landesverweise. Das Winterthurer Bezirksgericht hat mit seinem am Dienstagmorgen verkündeten Urteil dazu beigetragen, dass die Stadt einen Schlussstrich ziehen kann unter eines der traurigsten Kapitel ihrer jüngeren Geschichte.

In Winterthur und im Umfeld der An’Nur-Moschee waren Jugendliche und junge Erwachsene radikalisiert worden. Mehrere von ihnen zogen als muslimische Kämpfer in den Krieg nach Syrien, wurden zu Terroristen und kamen dort um. Andere schafften es irgendwie zurück in die Schweiz und warten nun auf ihren Prozess.

Doch um all das ging es im Winterthurer Strafprozess höchstens am Rande, obwohl mehrere Beschuldigte Kollegen, Freunde oder auch religiöse Autoritäten der späteren IS-Kämpfer waren. Zu beurteilen hatte das Gericht einzig einen Übergriff in der An’Nur-Moschee vor rund zwei Jahren. Im vor der Schliessung umstrittensten Gotteshaus der Schweiz waren zwei Opfer festgehalten und misshandelt worden.

Mit dem Urteil, das noch weitergezogen werden kann, findet das Leugnen der damaligen Vorfälle ein vorläufiges Ende. Das Bezirksgericht hat festgehalten: Die acht Täter haben die Opfer der Freiheit beraubt, geschlagen, beschimpft, bespuckt, bedroht. Und dafür müssen die Verurteilen nun die Konsequenzen tragen. Für sie setzte es Freiheits- und Geldstrafen ab.

Ein hartes Urteil ist es sicherlich nicht. Niemand muss nochmals ins Gefängnis, niemand muss viel Geld bezahlen.

Das Gericht hat diese Strafen bedingt erlassen, was salomonisch und versöhnlich wirkt. Ein hartes Urteil ist es sicherlich nicht. Niemand muss nochmals ins Gefängnis, niemand muss viel Geld bezahlen.

Schwer wiegt einzig der Landesverweis gegen einen Afghanen und einen Mazedonier. Beim Hauptimam der Moschee hingegen sieht das Gericht davon ab. Der Libyer, ein früherer islamistischer Kämpfer und geistiger Hardliner, darf in der Schweiz bleiben, weil er eine hier verankerte Familie hat und weil er an den schwersten Taten nicht beteiligt war.

Den Tätern wird das Urteil gerecht, den Opfern nicht. Es blendet – zumindest in der mündlichen Verkündung – etwas völlig aus: Die Opfer haben sich sehr darum verdient gemacht, was nun geschehen ist. Ihnen ist mehr als jedem Richter oder anderen Staatsangestellten zu verdanken, dass Winterthur nun einen Schlussstrich ziehen kann unter das traurige An’Nur-Kapitel.

Die beiden Männer haben sich grossen Gefahren ausgesetzt, um zu dokumentieren, was damals in der Moschee vor sich ging.

Die beiden Männer haben sich grossen Gefahren ausgesetzt, um zu dokumentieren, was damals in der Moschee vor sich ging. Dank ihnen konnte nachgewiesen werden, dass ein äthiopischer Hassprediger in einem Freitagsgebet zum Mord an Abtrünnigen aufrief, was zu einer rechtskräftigen Verurteilung führte. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Medien, die Bevölkerung und auch die Sicherheits- und Justizbehörden richtig auf die Bedrohung aufmerksam wurden, die von den Salafisten ausging, die im Gotteshaus beim Hegi-Bahnhof verkehrten.

Die 2000 Franken Genugtuung, die eines der Opfer, das massiv an den Folgen des Übergriffs gelitten hat, nun bekommen soll, sind bescheiden. Weitergehende Forderungen hat das Bezirksgericht abgewiesen. Dem einen Opfer droht sogar die Wegweisung aus der Schweiz. Fehlender Dank, fehlende Gerechtigkeit ist das eine. Die Migrationsbehörden haben es nun in der Hand, nicht auch noch Undank und sogar Unrecht zu schaffen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch