Keine Macht der Angst vor Drogen

Die Eidgenössische Kommission für Drogenfragen bekräftigt erneut, dass Drogen legalisiert und besser reguliert werden sollten.

Nichts lässt sich politisch besser verwerten als Angst: Ein Fixer erhält in Biel saubere Spritzen. Foto: Stefan Meyer (Keystone)

Nichts lässt sich politisch besser verwerten als Angst: Ein Fixer erhält in Biel saubere Spritzen. Foto: Stefan Meyer (Keystone)

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Der Titel der neusten Publikation der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen (EKDF) tönt verdächtig rhetorisch: «Sind Drogen gefährlich?», so heisst ihre neuste Studie zur Gefährlichkeit psychoaktiver Drogen. Die richtige Antwort darauf, ist uns allen nachhaltig eingebläut worden. Ja, Drogen sind gefährlich, deshalb sagen wir Nein zu Drogen. Oder nicht?

Vielleicht ist die Frage auch gar nicht rhetorisch. Denn die Antwort der EKDF ist nicht so eindeutig. Sie lautet: «Ja, Drogen sind gefährlich – und ungefährlich zugleich.» Man könnte auch sagen, es ist die falsche Frage. Schliesslich wissen wir alle, dass auch Alkohol und Tabak Drogen sind. Und fröhlich konsumiert werden – in mehr oder weniger bedenklichem Ausmass. Aber weil wir ihr Suchtpotenzial und die medizinischen und sozialen Risiken kennen, kontrollieren wir unseren Konsum. Das schaffen die meisten ohne grössere Probleme.

Das trifft aber nicht nur auf Alkohol und Tabak, sondern auf die meisten Drogen zu, argumentiert die EKDF. Es sind nicht die Substanzen selber, sondern die Umstände, unter denen sie konsumiert werden, welche ihre Gefährlichkeit ausmachen. Fast jeder Schweizer konsumiert irgendeine Art von Drogen: Alkohol, Cannabis, Nikotin, bei manchen ist es auch der Shopping- oder Fitnesswahn. Entscheidend ist die Frage, wie sie auf unsere Lebensführung wirkt: Nutzen wir sie zur Entspannung, im sozialen Rahmen? Oder sind wir abhängig und ziehen mit unserem Suchtverhalten andere Menschen in Mitleidenschaft?

Wenn es also um den potenziellen Schaden des Drogenkonsums geht, ist die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen nicht zielführend. Wichtiger wäre ein sauberes Regulierungsmodell für verschiedene Drogen, egal ob legal oder illegal.

In den Debatten über Drogen geht es letztlich um Moral.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Seit Jahren weisen Experten darauf hin, dass die Drogenprohibition die missliebigen sozialen Auswirkungen des Konsums nicht verhindert; dass sie mehr schadet als nützt, weil sie Produktion und Vertrieb in die Hände der organisierten Kriminalität legt und den Staat so der Möglichkeit beraubt, den Stoff zu kontrollieren und den Konsum zu regulieren.

Seit Jahren gibt es wiederkehrende politische Vorstösse, das eher harmlose Cannabis zu entkriminalisieren. Immer wieder werden Experten- und Subexpertenkommissionen mit Fachleuten aus Sozialdiensten, Polizei, Gesundheits- und Suchtpräventionsstellen gebildet, lange Berichte geschrieben, Modelle vorgestellt – und am Ende stellt sich der Bund quer. Denn im Konflikt zwischen den liberalen Legalisierungsbefürwortern und den konservativen Verhinderern geht es letztlich um Moral. Und das politische System der Schweiz gibt den liberaleren Städten politisch weniger Gewicht als dem konservativen Land.

Angstbehaftet und moralisch

Der Konflikt blockierte bereits vor zwanzig Jahren die Drogenpolitik: Als sich während der Heroinwelle der Achtzigerjahre offene Drogenszenen zu bilden begannen, erkannten die betroffenen Städte schnell, dass dem epidemischen Drogenkonsum mit Repression allein nicht beizukommen war. Ihr Massnahmenkatalog erforderte unter anderem die Heroinabgabe an Schwerstsüchtige, griffigere Ausländergesetze, Therapie- und Entzugseinrichtungen. Doch es dauerte Jahre, bis der Bund und die Gemeinden sich dazu bequemten, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Die Einsicht, dass die Städte ihre Drogenprobleme nicht allein lösen konnten, wuchs nur langsam. Dafür wurde die in den Neunzigerjahren entwickelte Drogenpolitik weltweit zum Vorzeigemodell.

Doch dabei ist es geblieben. Alle weiteren Schritte zur Entkriminalisierung und Regulierung scheiterten am erbitterten moralischen und oft auch ignoranten konservativen Widerstand – da kann die Wissenschaft noch so eindeutige Befunde vorlegen. Denn nichts lässt sich politisch besser verwerten als Angst, und kaum eine andere Diskussion wird so angstbehaftet und moralisch geführt wie jene um Drogen. Und so wird auch dieser Bericht der EKDF ungehört verhallen.

Erstellt: 27.12.2015, 22:41 Uhr

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