Damit Kinder vor dem Chindsgi den Purzelbaum lernen

Je früher Kinder gefördert werden, umso einfacher haben sie es später. Dafür soll es nun Geld vom Bund geben.

In den ersten Lebensjahren entscheidet zumeist die familiäre Situation darüber, was und wie viel ein Kind lernt. Foto: Wundervisuals (Getty Images)

In den ersten Lebensjahren entscheidet zumeist die familiäre Situation darüber, was und wie viel ein Kind lernt. Foto: Wundervisuals (Getty Images)

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Einen Purzelbaum schlagen. Ein Dialektlied singen. Fangis spielen. Haben die Kinder in diesem Land ausreichend motorische, sprachliche und soziale Fähigkeiten? In der Regel wird das erst beim Kindergarteneintritt geprüft. In den ersten Lebensjahren hingegen entscheidet die familiäre Situation darüber, was und wie viel ein Kind lernt. Besucht es etwa eine Spielgruppe oder Kindertagesstätte, sind soziale Interaktionen garantiert. Wird es zu Hause in einem fremdsprachigen Umfeld betreut, sind sprachliche Defizite wahrscheinlicher.

Das soll sich nun ändern. Eine breite Allianz will die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz stark ausbauen. Gemeint sind Angebote wie Elternberatungen, Spielgruppen, Kitas oder Familienbesuche. Die Schweizerische Unesco-Kommission fordert in einem aktuellen, breit abgestützten Bericht eine «Politik der frühen Kindheit» – koordinierte Bemühungen also, um jedem Kleinkind den Zugang zu qualitativ hochwertigen Angeboten zu ermöglichen.

Mit diesem Ziel will auch die von der Jacobs Foundation finanzierte Kam­pagne «Ready!» das Thema in Politik und Wirtschaft tragen. Und eine Wanderausstellung des Vereins Stimme Q bringt der Bevölkerung – zurzeit in St. Gallen – näher, wie sich Kinder in den ersten vier Lebensjahren entwickeln.

Investitionen lohnen sich

Der Tenor all dieser Initiativen: Investitionen in die frühe Kindheit zahlen sich aus. «Kinder, die in den ersten Jahren gut begleitet und gefördert werden, sind später erfolgreicher, gesünder und zufriedener», sagt Heinz Altorfer von der Unesco-Kommission. «Es geht nicht um Frühchinesisch, sondern darum, den natürlichen Lern- und Bewegungsdrang der Kinder zu unterstützen», sagt Katja Breitenmoser, regionale Projektleiterin von Stimme Q, die Betreuungsverbände und Bildungsinstitutionen vereint.

Die Offensive zeigt Wirkung. Gestern hat sich die Bildungskommission des Nationalrats einen ganzen Nachmittag mit der Frühförderung befasst. Dabei wurde deutlich: Zusätzliche Bundesinvestitionen in kantonale Angebote sind mehrheitsfähig; nur die SVP und ein Teil der FDP lehnen sie aus föderalen und finanziellen Gründen ab. Raschen Resultaten stand zunächst jedoch ein Streit zwischen SP und CVP im Weg.

Ausgelöst hat ihn eine parlamentarische Initiative von Matthias Aebischer. Der SP-Nationalrat will die Frühförderung im Kinder- und Jugendförderungsgesetz verankern, das die ausserschulische Arbeit mit Kindern ab dem Kindergartenalter abdeckt. Neu sollen die jährlichen Kredite von 10,3 Millionen Franken bereits Kindern ab der Geburt zugutekommen.

Das Anliegen war auf sicherem Weg, nachdem sich beide Ratskommissionen dafür ausgesprochen hatten. Doch diesen Frühling vollzogen die Bildungspolitiker des Nationalrats plötzlich eine Kehrtwende: Äusserst knapp stimmten sie einem Antrag aus der CVP zu, die Initiative abzuschreiben. SP-Vertreter zeigten sich hinter vorgehaltener Hand «geschockt» über die «familienfeindliche Haltung» der CVP – und warfen ihr parteipolitisches Kalkül vor: Die Familienpartei wolle sich das wichtige Thema im Wahljahr mit eigenen Vorstössen unter den Nagel reissen.

Bei der CVP war man konsterniert ob der Anfeindungen: «Das Anliegen teilen wir mit der SP, doch der eingeschlagene Weg machte einfach keinen Sinn», sagt die Zürcherin Kathy Riklin. «Es geht nicht um Parteipolitik, sondern um eine gute Lösung für eine wichtige Aufgabe unserer Gesellschaft.» Auch wohlgesinnte Kreise ausserhalb des Parlaments bezeichnen Aebischers Vorstoss als «unüberlegten Schnellschuss».

Abklärungen der Verwaltung hatten ergeben, dass die Unterstützung der Kleinkinder wegen der plafonierten Mittel auf Kosten der ausserschulischen Kinder- und Jugendorganisationen wie Pfadi oder Blauring gehen würde.

Neuer Geldtopf gefunden

Nach dem offenen Streit haben sich die beiden Parteien nun zusammengerauft – und für die gestrige Sitzung doch noch eine Mehrheit für ihr Anliegen gefunden. Allerdings soll Aebischers Vorstoss dem Vernehmen nach anders umgesetzt werden: Die jährlichen Beiträge an die Organisationen werden nicht angetastet. Stattdessen soll auf einen anderen Topf zugegriffen werden, der für Kinder- und Jugendförderprogramme der Kantone vorgesehen ist.

Diese Finanzhilfen sind bis Ende 2022 befristet. Und wie der Bundesrat unlängst bilanziert hat, hat bereits eine ­Vielzahl der Kantone davon profitiert. Deshalb soll dieses Geld – 10 Millionen Franken für zehn Jahre – nach 2022 vollumfänglich in die Frühförderung fliessen.

Zudem steht ein von Philipp Kutter (CVP, ZH) lanciertes Kommissionspostulat zur Debatte: Der Bundesrat soll eine Strategie zur Frühförderung erarbeiten und klären, ob ein verstärktes Engagement des Bundes und Gesetzesänderungen nötig sind. Eine national abgestimmte Strategie ist auch das Ziel der Unesco-Kommission. Doch dieser Plan müsse abgestützt sein, sagt Altorfer: «Damit die frühe Förderung nicht ein Flickwerk aus Privatinitiativen bleibt, muss das Recht der Kleinkinder auf angemessene Förderung wohl in Gesetze und in die Verfassung geschrieben werden.»


Frühes Lernen: Das sagt die Forschung

«Was ein Kind in den ersten Jahren verpasst, holt es nie mehr ganz auf», sagt Martina Munz. Für die SP-Nationalrätin ist die Schweiz «ein Entwicklungsland» in der Frühförderung – das müsse sich ändern, damit alle Kinder die gleichen Bildungschancen hätten. Wie Munz argumentieren alle Befürworter eines Ausbaus solcher Angebote.

Wirken sich frühe Defizite tatsächlich auf den Bildungsverlauf aus? Gemäss Rolf Becker, Professor für Bildungssoziologie an der Uni Bern, weisen zahlreiche Studien positive Effekte des frühen Lernens nach – auf den Erfolg in Schule und Berufsbildung, auf das Einkommen oder auf die Delinquenz etwa. «Frühe Lerngelegenheiten gleichen ungünstige Familienkontexte und Umwelteinflüsse sowohl kurz- als auch langfristig aus», sagt Becker. So beurteilen Lehrer in einer Schweizer Studie Kinder, die vor dem Kindergarten extern betreut wurden, in ihren sprachlichen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten besser als Kinder ohne solche Betreuung. Gemäss einer deutschen Studie hat der Krippenbesuch auch für sozial benachteiligte Kinder positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, ins Gymnasium zu gehen.

Für Becker ist klar: «Kostengünstige Frühförderangebote müssen in der Schweiz flächendeckend ausgebaut werden.» Er räumt ein, dass damit «beträchtliche Kosten» verbunden wären. «Aber der volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Nutzen übersteigt die Kosten um ein Vielfaches.» Beckers Expertise ist in einen Bericht des Schweizerischen Wissenschaftsrats geflossen, der den Bundesrat berät. Darin warnt das Gremium, «dass trotz klarer Datenlage die Problematik der sozialen Selektivität» im Bildungssystem politisch nicht angemessen wahrgenommen werde. Es gebe dringenden Handlungsbedarf. So sei etwa die Frühförderung strategisch zu unterstützen, um die Chancengerechtigkeit zu erhöhen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.04.2019, 10:26 Uhr

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