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«Viele Flüchtlingskinder sind höflicher als unsere Kinder»

Christina Mattli betreut junge Flüchtlinge in einem Projekt der Caritas. Eine intensive Ausbildung zahle sich aus, sagt sie.

Mit Christina Mattli sprach Janine Hosp
Die Caritas fordert mehr Unterstützung für Flüchtlingskinder. Video: Tamedia

Caritas fordert, dass Kinderflüchtlinge gleich behandelt werden wie Kinder, die hier leben. Um dieses Ziel zu erreichen, soll der Bund die Kantone stärker finanziell unterstützen. Das Engagement kostete ihn etwa 150 Millionen Franken.

Die Stimmenden des Kantons Bern haben es kürzlich abgelehnt, mehr Geld für Kinderflüchtlinge auszugeben – die SVP meinte, das sei nicht nötig. Brauchen die Kantone für Kinderflüchtlinge wirklich mehr Geld?

Die Flüchtlinge, die wir im Haus der Jugend der Caritas betreuen, sind zwischen 13 und 18 Jahre alt. Sie müssen nicht nur untergebracht, sondern auch geschult werden. Wenn sie in einem Durchgangszentrum wohnten, würden sie nur während einer Stunde pro Tag unterrichtet, bei uns hingegen sind es 28 Stunden pro Woche. Flüchtlingskinder haben ein grosses Potenzial, sie lernen in kurzer Zeit sehr viel, und manche können bereits nach einem halben Jahr eine Regelklasse besuchen. So kostet der intensive Unterricht im Moment zwar mehr. Werden die Kinder und Jugendlichen aber gut ausgebildet, haben sie gute Chancen, dass sie sich ins Arbeitsleben integrieren können, und verursachen später keine Kosten mehr.

Die Kinder und Jugendlichen werden im Haus der Jugend rund um die Uhr betreut. Ist das tatsächlich nötig?

Ja, sie haben ja keine Eltern, die für sie sorgen würden. Wir Betreuerinnen und Betreuer können ihre Eltern zwar nicht ersetzen, aber wir können die Kinder begleiten. Begleiten heisst in diesem Fall auch erziehen. Wir müssen ihnen grundlegende Dinge wie Pünktlichkeit beibringen. Wir haben viele Kinder aus Eritrea, Afghanistan, Guinea, Somalia sowie syrische Kurden. In ihrer Kultur ist es zum Beispiel weniger wichtig als bei uns, auf die Minute pünktlich zu sein. Sie verstehen zwar, dass sie auf die Minute pünktlich auf dem Bahngeleise stehen müssen, weil sonst der Zug ohne sie abfährt. Sie verstehen aber nicht, weshalb sie auf die Minute pünktlich zum Essen erscheinen müssen – das Essen verschwindet ja nicht. Wir legen grossen Wert darauf, dass sie Dinge lernen, auf die es bei uns im Alltag darauf ankommt. An der Höflichkeit hingegen fehlt es nicht.

Da sind die Vorstellungen ähnlich wie bei uns?

Viele Flüchtlingskinder sind höflicher als unsere Kinder und Jugendlichen. Für sie ist es klar, dass sie im Bus aufstehen und ihren Platz Erwachsenen anbieten, dass sie die Hand geben oder Grüezi, Adieu und vor allem Danke sagen. In ihrer Kultur haben Kinder mehr Respekt vor Erwachsenen als bei uns. Hingegen müssen wir mehr an der Anspruchshaltung arbeiten. Sie sehen vielleicht, dass ein Kind ein schönes Velo hat, und sie möchten auch eines. Wir müssen ihnen dann beibringen, dass sich auch nicht alle Leute in der Schweiz ein solches Velo leisten können – und dass man sich ein Velo verdienen muss.

Sie bieten auch Notfallpädagogik an.

Viele unserer Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert. Sie haben eine schwierige Vergangenheit und sind – zum Beispiel als Teenager – in einem schwierigen Entwicklungsstadium. Manche können wegen ihrer Traumatisierung nicht lernen; lernen heisst, dass sie sich an etwas erinnern müssen. Dabei können aber auch Erinnerungen hochkommen, die sie kaum ertragen. So müssen wir herausfinden, wie ein Kind lernen kann, ohne dass es merkt, dass es lernt. In der Schweiz ist die Notfallpädagogik noch wenig bekannt. Das Konzept selber ist einfach: Wir holen die Kinder dort ab, wo sie entwicklungsmässig stehen.

Welche Herausforderungen stellen sich der Schweiz?

Die geflüchteten Kinder und Jugendlichen haben hier keine Eltern. Viele wissen nicht, wo sie sind. Manche wurden auf der Flucht von ihnen getrennt und werden sie wohl nie mehr wiedersehen. Diese Kinder gehören zu den Schwächsten der Schwachen. Wir müssen uns deshalb bewusst sein, dass Kinderflüchtlinge immer noch Kinder sind und dass sie die gleichen Rechte und Pflichten haben wie die Kinder, die hier leben. Entsprechend fordert Caritas, dass der Bund die Kantone finanziell unterstützt, damit die Kinderflüchtlinge in allen Kantonen gleich gut betreut und geschult werden.

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