Egoisten gibt es mit und ohne Nachwuchs

Politiker zu kritisieren, weil sie keine Kinder haben, zeugt von einem simplen Weltbild. Wichtig sind andere Kompetenzen.

Wird Ignazio Cassis für Didier Burkhalter in den Bundesrat gewählt, steht es 4:3 für die Kinderlosen. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Wird Ignazio Cassis für Didier Burkhalter in den Bundesrat gewählt, steht es 4:3 für die Kinderlosen. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Herrje! Bald, so hiess es gestern an dieser Stelle, könnte es passieren, dass sich der Bundesrat aus mehr Kinderlosen als aus Eltern zusammensetzt. Man stelle sich das mal vor! Wird Ignazio Cassis für Didier Burkhalter reingewählt, steht es 4:3 für die Kinderlosen. Und wenn in naher Zukunft auch noch Johann Schneider-Ammann ausscheiden und durch die Kronfavoritin auf seine Nachfolge, die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter, ersetzt werden sollte, stünde es sogar 5:2.

Wäre dies ein Fussballmatch – man dürfte von einem eindeutigen Resultat sprechen. Klare Niederlage für die Eltern! Tatsächlich (und wünschenswerterweise) handelt es sich hier aber um kein Spiel, sondern um die Landesregierung. Auf die triftigere Traktanden warten, als zu evaluieren, wie viele Kinder man im Total vorzuweisen hat.

Und überhaupt: Die Frage, ob jemand, der nie das Glück oder den Wunsch hatte, Nachwuchs zu zeugen und grosszuziehen, fähig sei, ein Land zu regieren, ist in ihrem Grundansatz schon komplett falsch gestellt. Da macht es unterm Strich keinen grossen Unterschied, ob man nur scheu einwirft, ein kinderloser Mensch könne sich womöglich nicht in die Herausforderungen für Familien einfühlen (wie es die von christlichen Vereinen betriebene Nachrichtenplattform Jesus.ch tut), oder ob man poltert, die «Dekadenz», keine Kinder in die Welt zu setzen, würde «den Westen der Islamisierung preisgeben» (so zu lesen auf ultrarechten Blogs wie dem deutschen Politically Incorrect).

«Trump? Fünf Kinder, aber null Feingefühl.»

Allein die Schlussfolgerung, Kinderkriegen und der damit verbundene emotionale wie praktische Erfahrungsschatz seien ein Leistungsausweis, der erstens für politische oder sonstige Führungsarbeit unabdingbar und zweitens auf anderem Wege als auf jenem der Elternschaft nicht zu erlangen sei, ist nicht nur eine ebenso dummdreiste wie beleidigende Pauschalisierung. Sie zapft vor allem ein Gedankengut an, das nicht nur Kinderlosen die Haare zu Berge stehen lässt. Oder besser: stehen lassen sollte.

Denn: Müsste, wer so argumentiert, nicht auch fragen: Kann ein nicht rauchender Chef jemals die Bedürfnisse seines rauchenden Angestellten verstehen? Ist ein Fleisch essender Lehrer in der Lage, auf einen veganen Schüler einzugehen? Wird ein schlanker Bundesrat je die Sorgen eines Adipösen begreifen?

Wenn man anfängt, an den Fingern abzuzählen, wie viele von welcher Sorte man wo hat, kommt irgendwann der Punkt, wo es heisst: hier die Braunen, da die Weissen; hier die mit, da jene ohne Hochschulabschluss; hier die Homo-, da die Heterosexuellen. Eine solche Sortierwut zeugt nicht nur von einem erschütternd simplen Weltbild, sondern geht gern Hand in Hand mit einer Spaltpilzmentalität, die diskriminierend bis ins Mark ist. Und, letztlich, auch himmeltraurig. Denn sie unterschlägt erstens das menschliche Vermögen zu Mitgefühl und speist sich zweitens aus einer tiefschürfenden Ignoranz dem Unbekannten gegenüber.

Problematisch sind Einfaltspinsel

Zudem: Wenn ein konservativer Philosoph wie Rüdiger Safranski unkt, die grassierende Kinderlosigkeit hemme ein Denken in Generationenketten und es sehe – angesichts all der bösen Kinderlosen, die sich wie «Endverbraucher» verhielten – zappenduster für die Zukunftspolitik aus, dann möchte man nur müde lächeln und auf die USA verweisen. Donald Trump? Fünf Kinder, aber von Feingefühl und Herzenswärme keine Spur.

Da facto darf man von einem guten Politiker (und überhaupt: von einem anständigen Erdenbürger) wohl verlangen, dass er – egal, ob und mit wem er nun Kinder hat, Links- oder Rechtshänder ist, mit oder ohne Migrationshintergrund – zumindest versucht, sich in die Lage eines Andershändigen, Andersstämmigen, Anderslebenden und -liebenden hineinzuversetzen. Denn das ist, sorry, schlicht unabdingbar.

Also: Ist es ein Problem, wenn im Bundesrat mehr Kinderlose als Eltern sitzen? Nein. Problematisch wird es erst, wenn dort überdurchschnittlich viele Einfaltspinsel, Egoistinnen, Ignoranten, Opportunistinnen einziehen. Und die gibts, bekanntlich, mit und ohne Nachwuchs.

Erstellt: 21.06.2017, 19:25 Uhr

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