Zum Hauptinhalt springen

Kinderschutz braucht klare Regeln

Gutachten zu erstellen, ist auch für Experten äusserst anspruchsvoll. Umso unverständlicher, dass es hier keinerlei Regelung gibt.

MeinungMichèle Binswanger

Seit das gemeinsame Sorgerecht 2014 zum Regelfall wurde, häufen sich Obhuts- und Besuchsrechtsstreitigkeiten zwischen getrennten Elternpaaren. Zuständig für diese Fragen ist die Kesb, die in hochstrittigen Situationen gern externe Sachverständige für Gutachten beizieht. Aufgrund ihrer Empfehlungen wird über das weitere Vorgehen mit den zerstrittenen Familien entschieden. Zwar sollen Gutachten eigentlich nur als Empfehlungen dienen – aber sind sie einmal erstellt, kann man sie inhaltlich kaum mehr anfechten. Umso schlimmer, wenn betroffene Eltern an Gutachter wie Gutachter G. geraten.

Wegen chronischer Überlastung kantonaler Stellen weicht man auf private Gutachter aus.

In der Schweiz ist nirgends verbindlich geregelt, welche methodischen Anforderungen und qualitativen Kriterien Gutachten erfüllen müssen. Gleichzeitig sind kantonale Gutachterstellen chronisch überlastet. So weichen die Behörden immer wieder auf private Anbieter aus, deren Qualität stark schwankt. Da gibt es Gutachter, die aufgrund von Kinderzeichnungen eine Fremdplatzierung empfehlen oder Grafologie als diagnostische Grundlage beiziehen. Gutachter G. hat sich schon Anfang der Nullerjahre auf Gutachten spezialisiert und bekommt Aufträge aus der ganzen Schweiz, obschon die Qualität seiner Gutachten in Fachkreisen in Zweifel gezogen wird. Ihm wird vorgeworfen, äusserst nachlässig zu sein und Rache-Gutachten zu erstellen, wenn jemand nicht pariert.

Solche Figuren schaden nicht nur dem Ansehen seriöser Fachleute, sie machen auch die Arbeit der Kesb schwieriger, als sie ohnehin schon ist. Um ihre Arbeit zu verbessern, muss die Situation dringend neu beurteilt und geändert werden. Noch im Dezember sah der Bundesrat keinen Handlungsbedarf: Auf eine entsprechende Anfrage antwortete er, es sei Aufgabe der Kesb, die Qualität der Gutachter und der Gutachten zu erkennen und bei Bedarf Nachbesserungen zu verlangen. Diese aber verfügen weder über die notwendigen Ressourcen, noch haben sie das Fachwissen dafür. In einem so sensiblen Bereich wie dem Kinderschutz braucht es klare gesetzliche Bestimmungen. Nicht nur bei der Anordnung von Gutachten, sondern bereits bei ihrer Erstellung.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch