Kitas am Limit: Praktikantin betreut für 3 Franken pro Stunde

Man vertraut ihnen seine Kinder an, doch über die Hälfte der Angestellten in Krippen sind gar nicht dafür ausgebildet, sagen nun Fachleute.

Der Personalbestand in Kinderkrippen sei oft knapp und die Arbeitslast gross. Zeit für Austausch, Reflexion und Supervision bleibe kaum. Symbolbild: istockphoto

Der Personalbestand in Kinderkrippen sei oft knapp und die Arbeitslast gross. Zeit für Austausch, Reflexion und Supervision bleibe kaum. Symbolbild: istockphoto

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Die Krippenlandschaft ist stark gewachsen. Noch um die Jahrtausendwende kamen Eltern auf eine Warteliste, wenn sie für ihr Neugeborenes einen Platz suchten. Manchmal dauerte es Monate. Nachdem der Bund 2003 sein Programm zur Anstossfinanzierung gestartet hatte, wurden bis heute schweizweit gegen 60'100 Plätze in Kindertagesstätten und schulergänzenden Betreuungseinrichtungen geschaffen. Heute werden Eltern schneller fündig – ein Fortschritt.

Doch es gibt eine Kehrseite. Die Arbeitsbedingungen in vielen Kindertagesstätten (Kita) sind prekär. Das sagen Fachleute. Als Grund bezeichnen sie mangelnde finanzielle Ressourcen. Weil zu wenig Mittel da sind, würden häufig Leute ohne Ausbildung, Praktikanten oder Lernende mit Aufgaben betraut, für die sie nicht gerüstet sind.

Die Hälfte aller Kita-Angestellten in der Schweiz haben keine abgeschlossene Ausbildung, das hat der Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) errechnet. Es sind Schulabgänger im Praktikum, Lernende oder Mitarbeiter, die keine entsprechende Ausbildung gemacht haben und auch keine machen werden. Sie alle dürfen Kinder betreuen – allerdings nur zusammen mit einer ausgebildeten Fachperson. Es gibt Betreuungsschlüssel, die das zahlenmässige Verhältnis von Kindern und Betreuungspersonen festlegt.

Viele Kita-Angestellte stünden unter enormem Druck: lange Arbeitszeiten, auslaugende Beschäftigung, tiefe Löhne.

Im Kanton Zürich beispielsweise sind pro elf Kinder – ab Frühling 2020 zwölf Kinder – zwei Betreuungspersonen vorgeschrieben. Davon muss eine ausgebildet sein. Es komme jedoch immer wieder vor, dass eine Person mit den Kindern allein sei, sagt Annika Butters vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind (MMI). Das treffe auch junge und unerfahrene Mitarbeiter. Der Personalbestand sei aus finanziellen Gründen so knapp, dass bei Ausfällen, etwa wegen Krankheit, der Betreuungsschlüssel oft nicht eingehalten werden könne.

Viele Kita-Angestellte stünden unter enormem Druck, sagt Annika Butters: lange Arbeitszeiten, anstrengende und auslaugende Beschäftigung, tiefe Löhne und eine Verantwortung, die Angestellte ohne Ausbildung und genügend Erfahrung gar nicht tragen könnten. Butters ist beim MMI zuständig für die frühkindliche Entwicklung, sie unterrichtet Mitarbeitende von Kindertagesstätten. Oft hört sie von ihren Schülern: «Gestern war ich wieder den ganzen Vormittag allein mit den Kindern.»

«Muss ich mit den Kindern essen?»

Auch Estelle Thomet von Kibesuisse sieht Verbesserungspotenzial. «Die Anstellungsbedingungen sind aus strukturellen Gründen nicht optimal», sagt sie. Der Personalbestand sei oft knapp und die Arbeitslast gross. Zeit für Austausch, Reflexion und Supervision bleibe kaum. Das alles führe zu Unzufriedenheit, einer hohen Personalfluktuation und zum Ausstieg vieler junger Mitarbeitenden wegen mangelnder Lohn- und Karriereperspektiven.

All dies beeinträchtige selbstredend auch das Wohl der Kinder: «Kinder sind in ihrer gesunden Entwicklung auf verlässliche, konstante und vertraute Bezugspersonen angewiesen», sagt Estelle Thomet.

«Die Anstellungsbedingungen sind aus strukturellen Gründen nicht optimal»: Estelle Thomet von Kinderbetreuung Schweiz. Foto: PD

Unzufriedene Kita-Angestellte – da bekommt Christine Flitner, Zentralsekretärin beim VPOD, der Gewerkschaft des öffentlichen Personals, einiges mit. Viele melden sich bei ihr mit Fragen wie: Muss ich so lange arbeiten? Bei uns arbeiten drei Praktikantinnen und eine Auszubildende – ist das erlaubt? Muss ich mit den Kindern essen und dasselbe wie sie? Ist das Freizeit oder Arbeit?

Auch die Aufsicht über das Krippenwesen, das den Kantonen obliegt, werde von den Angestellten als mangelhaft bezeichnet, sagt Christine Flitner. Die Kontrolleure würden nur selten in den Kitas erscheinen, und wenn, dann würden schöne Konzepte präsentiert, die der Praxis nicht standhielten.

Praktikanten bekamen nach Abschluss des Praktikums nicht wie erhofft eine Lehrstelle.

Der Blick in die Kantone zeigt, dass das Problem teilweise erkannt ist. Im Kanton Solothurn hat das Amt für Wirtschaft und Arbeit 53 Krippen kontrolliert, rund die Hälfte von ihnen haben die Lohnvorschriften unterschritten. 23 Institutionen zahlten Praktikanten-Stundenlöhne von unter 4.40 Franken, in drei Fällen lag der Stundenlohn unter 3 Franken. Darüber berichtete vor kurzem die «Solothurner Zeitung». Ebenfalls stellten die Kontrolleure fest, dass Praktikanten nach Abschluss des Praktikums nicht wie erhofft eine Lehrstelle bekamen, sondern nochmals ein Praktikum anhängen mussten.

Auch im Kanton Bern hat die Arbeitsmarktkommission ein Augenmerk auf Kinderkrippen. Das zeigt ein Blick auf deren Website. Anfang 2017 hat die Kommission die Regeln für Praktika in Kindertagesstätten verschärft. Im Kanton Zürich macht das Amt für Wirtschaft und Arbeit keine Angaben darüber, ob Kitas eine neuralgische Branche seien. Der Aufwand, dies zu eruieren, sei zu gross, antwortet die Sprecherin.

Krippen wie Schulen finanzieren?

Nach Ansicht der befragten Fachpersonen müsste der Staat deutlich mehr Geld in die Betreuung von Kleinkindern investieren. «Die frühkindliche Betreuung müsste als Teil der Bildungspolitik anerkannt und finanzpolitisch so behandelt werden», sagt Estelle Thomet. Ihrer Ansicht nach sollte der Staat Krippen so finanzieren wie Schulen, nur so könne flächendeckend eine gute Qualität erreicht werden. Es brauche deutlich mehr ausgebildetes Kita-Personal.

Annika Butters vom Marie-Meierhofer-Institut unterrichtet Mitarbeitende von Kindertagesstätten und hat einige Mängel in der momentanen Situation der Kinderbetreuung beobachtet. Foto: PD

Heute finanzieren sich die Krippen aus Elternbeiträgen und zu einem kleineren Teil aus Subventionen und Zuschüssen unterschiedlicher Art. Zuständig für das Krippenangebot sind Kantone und Gemeinden. Noch bekommt das Thema von der Politik nicht die Beachtung, die sich die Kritikerinnen wünschen.

Dass das Verbesserungspotenzial erkannt ist, davon zeugen jedoch Vorstösse, Vorlagen und Berichte der letzten Jahre. So hat die Unesco Anfang Jahr der Schweiz empfohlen, die frühe Kinderbetreuung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ auszubauen.

Gerade in der Schweiz sind die Kinder besonders klein, wenn sie eine Krippe besuchen. Oft schon ab drei Monaten. In Deutschland und Österreich bleiben sie ein Jahr zu Hause, in Schweden eineinhalb Jahre. Umso wichtiger sei die Qualität der Kleinkindbetreuung, sagt Annika Butters.

Im Kanton Zürich können künftig mit dem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz acht Säuglinge von zwei Personen betreut werden – was in der Praxis eben oft bedeuten könne: von einer Person. «Das ist unhaltbar», sagt sie.

Erstellt: 01.11.2019, 21:07 Uhr

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