Klare Mehrheit gegen belastende Tierversuche

Heftige Tests mit Primaten, Hunden, Katzen und anderen Tieren finden in der Bevölkerung keine Akzeptanz. Das zeigt eine unveröffentlichte Umfrage. Das Resultat gibt politisch zu reden.

Leben hinter Gittern: Eine Makake wird in einem Labor für Tierexperimente an der Universität Münster (D) gefüttert.

Leben hinter Gittern: Eine Makake wird in einem Labor für Tierexperimente an der Universität Münster (D) gefüttert. Bild: Keystone

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630’000 Tiere wurden 2016 in der Schweiz für Experimente verwendet, davon gut 370’000 in Versuchen, die Schmerzen, Leiden und Ängste verursachen. Dieser Einsatz wird in der Bevölkerung kaum goutiert; dies jedenfalls zeigt eine unveröffentlichte repräsentative Onlineumfrage unter 1019 Personen, die das Marktforschungsunternehmen Demoscope im Auftrag des Schweizer Tierschutzes (STS) im letzten Spätherbst durchgeführt hat; die Resultate liegen dieser Zeitung vor.

Zur Verwendung von Hunden für solch belastende Versuche (Schweregrad 1 bis 3) sagen 64 Prozent Nein und 18 Prozent eher Nein. Auch bei Katzen, Affen, Minipigs und Kaninchen spricht sich eine Mehrheit der Befragten klar oder eher dagegen aus. Am ehesten noch wird der Einsatz von Ratten gutgeheissen. 21 Prozent sagen Ja, 25 Prozent eher Ja. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Mäusen und Fischen.

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Deutlich fällt das Verdikt auch bei den Primaten aus, den am höchsten entwickelten Affenarten. 50 Prozent der Befragten sind klar, weitere 18 Prozent eher der Meinung, dass bei belastenden Versuchen die Forschung auf Primaten verzichten soll. Die Realität sieht indes anders aus. 2016 wurden gemäss eidgenössischer Tierversuchsstatistik 198 Primaten eingesetzt, 91 in Versuchen mit Schweregrad 1 oder 2, der Rest in Versuchen, die als nicht belastend qualifiziert werden (Schweregrad 0). Versuche mit Schweregrad 3 gab es nicht.

Ein Experiment mit der höchsten Belastungsstufe ist aber in Vorbereitung, dies zur Erforschung psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie, Aufmerksamkeitsstörungen und Depressionen. Die Durchführung findet am Institut für Neuroinformatik (INI) statt, einer gemeinsamen Einrichtung der Universität Zürich und der ETH Zürich. Der – bewilligte – Versuch wird nach offiziellen Angaben mit Schweregrad 3 eingestuft, jener Kategorie mit den höchsten Belastungen also. Zum Einsatz sollen zwei bis drei Makaken kommen.

Ist die Bevölkerung bereit für «differenzierte Lösungen»?

Die Umfrage dokumentiert nicht nur die mangelhafte Akzeptanz von Tierversuchen, sondern offenbart auch eine reflektierte Sicht auf die Thematik, welche bereits eine repräsentative STS-Umfrage aus dem Jahr 2013 zutage gefördert hat. Demnach akzeptiert eine knappe Mehrheit der Bevölkerung Tierversuche nur, wenn diese im Zusammenhang mit der Erhaltung oder dem Schutz des Lebens stehen und keine Ersatzmethoden zu Tierversuchen vorhanden sind. «Leider richten sich viele Forscher an den Hochschulen aber nicht danach, obwohl die Bevölkerung mit ihren Steuergeldern deren Grundlagenforschung finanziert», sagt STS-Geschäftsführer Hansuli Huber.

Dieser Umstand zeigt für Nationalrätin Martina Munz, dass die Bevölkerung «bereit ist für differenzierte Lösungen». Als mehrheitsfähig erachtet die SP-Politikerin daher nicht etwa ein komplettes Verbot von Tierversuchen, wie dies ein Komitee aus St. Galler Tierschützern mit einer entsprechenden eidgenössische Volksinitiative fordert. Chancen haben ihrer Ansicht nach vielmehr Vorschläge wie jener der SP-Geschäftsleitung, Tierversuche mit Schweregrad 3 zu verbieten.

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«Wir müssen die Zahl und die Schwere der Tierversuche mindern», sagt Munz. Entsprechend wichtig sei es, die sogenannte 3R-Forschung voranzutreiben. Dieser Ansatz verfolgt das Ziel, Tierversuche wo immer möglich durch andere Methoden zu ersetzen (replace), ihre Anzahl auf ein Minimum zu beschränken (reduce) und die Belastung der Versuchstiere so gering wie möglich zu halten (refine). Ein nationales 3R-Kompetenzzentrum soll nun die Kräfte bündeln. Es entsteht an der Universität Bern in Zusammenarbeit mit elf Hochschulen, dem Branchenverband Interpharma, dem STS sowie dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV).

Anders als SP-Politiker halten bürgerliche Parlamentarier nichts von der Idee, der Tierversuchsverbots-Initiative einen Gegenvorschlag gegenüberzustellen, so etwa Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP).

Bis jetzt alle Versuche erfolglos

Ob die Bevölkerung eine wie auch immer geartete Einschränkung von Tierversuchen guthiesse, ist offen. Bislang sind sämtliche Versuche gescheitert. 2007 etwa kam im Kanton Genf eine Initiative gegen Tierversuche schon gar nicht zustande, weil die Initianten nicht genügend Unterschriften sammeln konnten. In dieser Hinsicht erfolgreicher war der Schweizer Tierschutz mit einer eidgenössischen Volksinitiative, die eine «drastische und schrittweise Einschränkung der Tierversuche» vorsah. Zwar verwarf das Stimmvolk 1992 das Ansinnen mit gut 56 Prozent ziemlich deutlich. Allerdings revidierte das Parlament unter dem Eindruck der Initiative damals das Tierschutzgesetz. Fortan musste jeder Tierversuch beim Kanton gemeldet und von einer Kommission, der auch Tierschützer angehören, bewilligt werden – eine Vorschrift, die bis heute gilt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2018, 13:48 Uhr

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