Dank teurem Radargerät knapp an der Katastrophe vorbei

Dass beim Gletscherabbruch in Saas-Grund niemand zu Schaden kam, ist modernster Technik zu verdanken – und ein Stück weit dem Zufall.

Liegt direkt unter dem Triftgletscher: Die Walliser Gemeinde Saas-Grund. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Liegt direkt unter dem Triftgletscher: Die Walliser Gemeinde Saas-Grund. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

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Am Sonntag gegen fünf Uhr morgens war es so weit: Teile des Triftgletschers oberhalb des Walliser Dorfs Saas-Grund lösten sich und donnerten den Berg hin­unter. Das Dorf selber blieb von den Eismassen verschont. Die Gletschermasse kam am oberen, flachen Teil des Berges zum Stillstand und blieb dort liegen. Der Gletscher verhielt sich damit fast genau so, wie es Martin Funk vorhergesagt hatte. Der Glaziologe und ETH-Professor hatte damit gerechnet, dass der Abbruch am Sonntagmorgen zwischen 9 und 12 Uhr stattfinden würde. Entsprechend hatten die Behörden die Bewohner im potenziell betroffenen Gebiet bis am Samstagabend um 18 Uhr evakuiert.

Dass die Sache derart glimpflich ausging – darauf hätte Glaziologe Funk allerdings nicht gewettet. Denn anders als prognostiziert brachen nur zwei Drittel der instabilen Gletscherzunge ab. Zudem löste sich das Eis nicht in einem Stück, sondern in mehreren Teilen. Beides dämpfte die Wucht der Eislawine und verhinderte, dass sie bis ins Tal hinunterrollte.

Von jenem instabilen Drittel, das noch oben ist, geht laut Funk für die Dorfbewohner keine Gefahr mehr aus. Sie konnten am Sonntag bereits wieder in ihre Häuser zurückkehren. Und waren sich vielleicht gar nicht bewusst, dass sie dafür nicht nur der ­Natur zu danken hatten. Sondern auch einem Gerät, das erst vier Tage vor der Lawine installiert worden war. Erst dieses ermöglichte es, Zeit und Volumen des Absturzes so genau vorherzusagen – und damit möglicherweise eine Katastrophe zu verhindern.

Infografik: Aktuelle Gefahren-Hotspots der Schweiz Grafik vergrössern

Angefangen hatte alles vor drei Jahren, im Sommer 2014. Damals machte der Förster von Saas-Grund, zuständig für die Beobachtung von Naturgefahren, einen beunruhigenden Fund: Der untere Teil der vergletscherten Nordflanke des Weissmies hatte sich gelöst. Sofort machte er Bilder davon und schickte sie zur Beurteilung an Funk. «Ich erschrak ziemlich, als ich diese Fotos sah», erinnert sich der Glaziologe. «Damals sah es so aus, als ob der Gletscher gleich ins Tal rutschen würde.»

Teuer, aber sehr genau

Funk und die Gemeinde reagierten rasch und liessen ein neuartiges Radargerät aufstellen, das die Verformung im Gelände registriert und daraus die Geschwindigkeit ableitet, mit der sich der Gletscher bewegt. «Das Gerät ist teuer, aber sehr genau – und vor allem: Es funktioniert bei jedem Wetter», sagt Glaziologe Funk. Der Betrieb kostet 400 Franken pro Tag. Nachdem der sogenannte interferometrische Radar aufgestellt war, passierte aber erst einmal nichts. Nicht 2014, nicht 2015, nicht 2016. Sodass die drei beteiligten Parteien – Gemeinde, Kanton und Bahnbetreiber – im April dieses Jahres beschlossen, den teuren Radar wieder abzumontieren und durch eine hochauflösende Kamera zu ersetzen, die jede Stunde ein Bild macht.

Das ging gut, bis vor drei Wochen. Damals bemerkte Funk, dass sich der Gletscher wieder schneller zu bewegen begann. Am Dienstag beauftragte er die Zürcher Firma Geopraevent, die den Radar entwickelt hatte, diesen wieder zu ­installieren. Nur: In der Schweiz gab es keine weiteren Geräte, die zur Verfügung standen. Der vermutlich letzte verfügbare Radar wurde Ende August just in Bondo aufgestellt, wo er nach dem Felssturz Ende August montiert wurde, um vor weiteren Murgängen zu warnen. Und plötzlich drängte die Zeit. Diese Woche war die Sicht in den Bergen schlecht; die Kamerabilder praktisch wertlos. Wie gross die Gefahr war, die vom Gletscher ausging, wusste deshalb niemand. Die Firma wurde schliesslich in Deutschland fündig und platzierte den Radar am Donnerstag. Erst da wurde klar, dass der Abbruch der Gletscherzunge bereits drei Tage später stattfinden könnte.

«Ohne den Radar hätte man die Lawine nie so genau vorhersagen können», sagt Funk. «Vor allem aber befürchte ich, dass man nicht die richtigen Sicherheitsmassnahmen ergriffen hätte.»

Er schliesst nicht aus, dass es Opfer hätte geben können. Zum Beispiel Tourengänger, die sich an die Besteigung des Weissmies machten. Denn diese brechen meist just zu jenem Zeitpunkt auf, zu dem am Sonntagmorgen die Lawine kam: um fünf Uhr morgens in der Früh. So aber konnten die Behörden das Gebiet bereits in den Tagen vor dem Sonntag absperren. Und ein Szenario wie in Bondo vermeiden.

Video: Der Gletscherabbruch aus der Luft

Aufnahmen aus dem Helikopter zeigen die Abbruchstelle über Saas-Grund. Die abgerutschte Masse liegt nun unterhalb der Gletscherzunge, bedeckt von Nebel. (Video: 20 Minuten)

Erstellt: 10.09.2017, 22:31 Uhr

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Wo in der Schweiz Gefahr droht

Gefahren-Hotspots finden sich fast im gesamten Alpenraum. Folgende Orte sorgten in den letzten Monaten für Schlagzeilen:

Bondo (GR): Acht Tote forderte der Felssturz im Bergell im August. Die Wanderer hatten Warntafeln ignoriert. Die Bevölkerung von Bondo konnte jedoch rechtzeitig gewarnt werden. Weil es seither zu weiteren Murgängen gekommen ist und noch mehr erwartet werden, können 140 Einwohner derzeit nicht in ihre Häuser zurückkehren.

Brienz (GR): Nahe des kleinen Dorfes, das zur Gemeinde Albula gehört, fielen diesen Sommer immer wieder Felsbrocken herunter. Es liegt in einer Gefahrenzone. Der Hang rund um Brienz rutscht bis zu 55 Zentimeter pro Jahr talwärts.

Riederalp (VS): Rund 150 Millionen Kubikmeter Fels sind wegen des Rückzugs des Aletschgletschers, des grössten Gletschers der Schweiz, oberhalb der Riederalp in Bewegung. An gewissen Stellen rutscht der Fels um mehrere Zentimeter pro Tag.

Randa (VS): Beim Walliser Dorf ereignete sich im Jahr 1991 ein verheerender Bergsturz. Aktuell ist aber vor allem der nahe Bisgletscher im Fokus. In diesem Jahr kam es bereits zu mehreren Abbrüchen. (TA)

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