Kommt das Postauto noch?

Subventionieren oder zu Geisterdörfern verkommen lassen: Eine Studie von Avenir Suisse zeigt, wie schwierig es ist, eine Lösung für «potenzialarme» Berggebiete zu finden.

Niemand zu Hause: Viele Häuser in den Bergregionen sind unbewohnt. Foto: Aydi Nynr (Getty Images)

Niemand zu Hause: Viele Häuser in den Bergregionen sind unbewohnt. Foto: Aydi Nynr (Getty Images)

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Fast zuhinterst im Safiental liegt Neukirch: eine Handvoll Häuser locker in die Landschaft gestreut. Nur bei jedem zweiten Haus blühen im Sommer noch Geranien vor den Fenstern, die anderen Häuser sind unbewohnt und fallen langsam in sich zusammen. Es gibt keine Poststelle, kein Restaurant und kein Hotel mehr, einen Laden hat es nie gegeben. Manchmal fährt noch ein Postauto durch den Weiler, aber der Fahrplan ist fast leer. Immerhin einmal pro Monat füllt sich die stattliche Kirche mit Leben: Dann versammelt sich ein Grüppchen Gläubiger aus dem ganzen Tal zum Gottesdienst.

Was soll man tun mit solchen «potenzialarmen» Orten? Diese Frage hat der liberale Thinktank Avenir Suisse diese Woche mit seiner neusten Studie aufgeworfen. Soll man diese Restdörfer fördern, gar noch Geld hinaufschicken? Oder soll man die Bergler, die selbst in den entlegensten Tälern noch die Gemeindefahne hochhalten, sich selber überlassen? Die Strassen winters nicht mehr räumen? Keine Postautos mehr verkehren lassen und auch keinen Pfarrer mehr ­hinschicken?

Die oben hatten es immer schwer

Die Vorschläge, die Avenir Suisse in der Studie macht, zeigen vor allem eines: Wie schwierig es ist, eine Lösung für die obere Schweiz zu finden. Für jene Regionen, die über 1080 Meter über Meer liegen und zusammen die halbe Fläche des Landes abdecken. So verstreut und unverdichtet, wie die Bevölkerung dort lebt, hatte sie wirtschaftlich schon immer einen schweren Stand. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation aber massiv verschärft: Der starke Franken verteuert das Angebot der wichtigsten Branche, des Tourismus, empfindlich; die Zweitwohnungsinitiative schwächt das Baugewerbe; die tiefen Strompreise lassen die Wasserzinsen sinken und drosseln eine wichtige Einnahmequelle vieler Berggemeinden.

Was immer Avenir Suisse bei der Präsentation der Studie vorgeschlagen hat, die Interessenvertreter der Gebirgskantone reagierten fast durchwegs gleich darauf: Nichts Neues für uns. Gemeindefusionen? In Bergkantonen fusionieren nicht nur zwei oder drei Gemeinden, sondern nicht selten eine ganze Talschaft. Im Lötschental arbeiten sie gar seit Jahrhunderten in einem Talrat zusammen. Zweitwohnungsbesitzer stärker einbeziehen? Sedrun hat einen zu seinem Gemeindepräsidenten gewählt, im Wallis gründete ein anderer eine Bio-Teigwarenfabrik und schuf so Arbeitsplätze.

Weniger Beton, mehr Ideen

Wenn ein Vorschlag des Thinktanks aber noch nirgends erprobt wurde, dann hat das einen Grund: Wohl würden die hohen Preise für die Hotellerie sinken, wenn der Agrarhandel liberalisiert würde. Bergbauern gäbe es dann aber auch nicht mehr allzu viele. Wirkungslos sind die Vorschläge aus dem Unterland dennoch nicht: Die Vertreter aus den Bergen sagen auch, dass manche für sie «Aufrüttler» seien und sie intensivieren wollten, was sie begonnen hätten.

Aber selbst mit den besten Ideen wird es nie ganz ohne Subventionen gehen. Nur müsste das Geld viel besser eingesetzt werden: Avenir Suisse fragt zu Recht, ob es tatsächlich 750 Millionen Franken braucht, um drei Ortsumfahrungen zu bauen. Es wäre am Bund, Anreize für die Kantone zu schaffen, möglichst günstig zu bauen. Er könnte zum Beispiel mit einem Teil des eingesparten Geldes andere Projekte unterstützen, etwa den Ausbau der Churer Hochschule für Technik und Wirtschaft. Viele Junge und Begabte aus Graubünden gehen nach Zürich, um an einer Hochschule zu studieren – und kehren nicht mehr zurück.

Leuchtreklamen in den Bergen

So hängt es auch vom Geld aus der unteren Schweiz ab, wie sich die obere Schweiz entwickeln wird. Die Frage ist nur, wie viel Geld die Unterländer zu zahlen gewillt sind, zum Beispiel für ein Glasfasernetz oder einen rudimentären Service public. Ob es so knapp bemessen ist, dass sich selbst in den Bergen die Mehrheit der Bevölkerung in den Zentren sammelt und ­Grossüberbauungen, internationale Ladenketten und Leuchtreklamen zunehmend das Ortsbild prägen. Oder ob das Geld dafür reicht, dass das Leben auch in entlegeneren Talschaften bleiben kann. Und das Postauto weiterhin nach Neukirch fährt.

Erstellt: 08.02.2017, 21:50 Uhr

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