Schlimmer als in der Steinzeit

Noch immer glauben viele Schweizer, Mütter hätten ausschliesslich Kinder zu betreuen. Ein Fehler.

In der Schweiz ist die Meinung, ein Kind leide darunter, wenn die Mutter berufstätig sei, immer noch sehr populär. Foto: Arturs Budkevics (Alamy)

In der Schweiz ist die Meinung, ein Kind leide darunter, wenn die Mutter berufstätig sei, immer noch sehr populär. Foto: Arturs Budkevics (Alamy)

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Die Schweiz stecke in Sachen Gleichstellung immer noch in der Steinzeit, heisst es oft – aber es ist sogar noch schlimmer. Die Jäger und Sammler der Steinzeit wären nicht im Traum auf die Idee gekommen, die Frauen ausschliesslich zur Kinderaufzucht zu beordern. Das hätten sie sich gar nicht leisten können.

Ganz anders in der Schweiz, wie eine Erhebung zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus dem Bundesamt für Statistik ergab: Demnach glauben 35 Prozent der befragten Männer und ein Viertel der befragten Frauen, ein Kind leide darunter, wenn dessen Mutter berufstätig sei.

Die gute Nachricht ist, dass die Lage sich bereits gebessert hat. Im Jahr 1995 glaubten noch satte 61 Prozent der Männer und fast 49 Prozent der Frauen, berufstätige Mütter schadeten ihren Kindern. Dennoch scheint der typische Mutterkult, der nur die Mütter in der Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Kinder sieht, in der Schweiz immer noch sehr populär. Unser Land, das sich sonst so viel auf seine Innovationskraft einbildet, ist in dieser Hinsicht immer noch konservativ bis auf die Knochen.

Wir können es uns nicht leisten, Frauen ausschliesslich Kinder aufziehen zu lassen.

Aber vielleicht ist die Frage auch einfach falsch gestellt. Denn relevant bei dieser Frage sollte nicht das subjektiv empfundene Leiden, sondern der objektive Schaden oder Nutzen sein. Tatsächlich sind Kinder zunächst oft wenig begeistert, wenn ihre Mütter nicht mehr 24 Stunden am Tag zu ihrer alleinigen Verfügung stehen. In der Regel sind sie aber auch von der obligatorischen Schulpflicht nicht sonderlich angetan: Würde man deswegen deren Abschaffung fordern? Wohl kaum.

Und deshalb sollten wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter mit Hochdruck vorantreiben: Es braucht bezahlbare Kinderbetreuungsangebote und Tagesschulen – vor allem auf dem Land, wo der Mutterkult auch gern von Männern gepflegt wird, die einfach keine Lust haben, sich mehr um die Kinder zu kümmern. Dabei können wir uns je länger, desto weniger leisten, all die gut ausgebildeten Frauen einfach am Herd vergammeln zu lassen. Das zumindest haben wir mit den Steinzeitmenschen gemein.

Erstellt: 05.11.2019, 06:03 Uhr

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