Kosaken, Türken, Eidgenossen

Nachgestellte Kriege sind nie frei von der Politik der Gegenwart.

Beim Kriegspiel geht es nie «nur» um Geschichte: Rekruten vor der Vereidigung der neuen Schweizergarde vor zwei Wochen im Vatikan.

Beim Kriegspiel geht es nie «nur» um Geschichte: Rekruten vor der Vereidigung der neuen Schweizergarde vor zwei Wochen im Vatikan. Bild: Gabriele Putzu/Keystone

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Wunderbar, die Soldaten der Household Cavalry, die am Wochenende unter fantastischen Büschelhelmen für das Brautpaar zu Windsor aufritten. Solche Kostümsoldaten, mobile Denkmäler aus Fleisch und Blut, markieren Kontinuität. So wie die Schweizergardisten des Papstes, deren 32 neue Rekruten diesen Monat eingeschworen wurden – beharnischt, bunt und hübsch.

Es gibt allerdings historisch ausschauende Krieger, die sich nicht aufs Paradieren beschränken. Männer mit Kosakenmützen und Peitschen haben in Moskau zu Monatsbeginn auf Anti-Putin-Demonstranten eingeprügelt. Es waren Schläger des Vereins Zentrales Kosakenheer, die im Sold der Moskauer Stadtverwaltung stehen und offenbar auch mit Sicherheitsdiensten rund um die anstehende Fussball-WM beauftragt sein sollen. Viel Spass dort, Fans.

Manche Kriegsspieler sorgen eher durch ihr Thema für Unruhe. In der Ostschweiz haben Primarschüler die Schlacht um Gallipoli von 1915 nachgestellt, den blutigen Sieg des Osmanischen Reiches. Die Kinder sollen patriotische Parolen gerufen und sich mit Spielzeugwaffen umgemäht haben, schrieb der «Blick».

In Deutschland und Österreich scheint Ähnliches im Gange. Weil es der türkische Staat ist, der das Kriegsspiel in der Diaspora fördert, herrscht Befremden: Geht es da noch um Geschichte? Oder um heutige Politik?

Wikinger in Brasilien?

Schlachten werden ständig nachgestellt, von Staaten wie Privaten. Morgarten, Tannenberg, Hastings – immer wieder will man siegen. Manchmal wider alle Fakten: Die Franzosen feierten das 200-Jahr-Jubiläum von Waterloo so leidenschaftlich, dass man meinen konnte, Napoleon hätte gewonnen damals.

Sinn des Schlachtenspiels ist (neben verkauften Billetts und Hotdogs am Rande) natürlich die Gemeinschaft. Das kollektive Eintauchen in die Geschichte (und vielleicht gar das Nachdenken darüber) soll die Nation der Gegenwart stärken.

In jüngerer Zeit hat sich das kostümierte Spiel mit der Geschichte zunehmend vom Staat und seinen Paraden gelöst. Reenactment ist heute ein populäres Hobby. Dutzende Vereine bemühen sich auch in der Schweiz um die möglichst detailgetreue Darbietung martialischer Vergangenheit, vom römischen Legionärsleben (Verein Legio IX) bis zur britischen Air Force im Zweiten Weltkrieg (Verein RAF over Switzerland). Ritter in Kettenhemden, Söldner mit Sackpfeifen: Nachgespielt wird, was glänzt, knallt und raucht.

Sicher, manchen geht es um Heimatschutz. Die Truppe Rost und Grünspan ist spezialisiert auf Schweizer Militärgeschichte 1845–1945. Doch niemand muss sich mit der eigenen, sprich naheliegendsten Geschichte begnügen: Reenactment erlaubt Rollenspiele. So kann man in Brasilien Wikingervereine (Haglaz) und in der Innerschweiz Soldaten des US-Bürgerkriegs (28th North Carolina Infantry Regiment) finden. Sehr hübsch ist die russische Gruppe Bern, die sich auf spätmittelalterliche Berner Lanzenkrieger festgelegt hat.

Je jünger die nachgestellte Geschichte, desto problematischer.

Welchen Krieg man sich aussucht, ist aber nie egal. Ein Kandidat fürs US-Repräsentantenhaus aus Ohio musste vor einigen Jahren peinlich erklären, weshalb genau er bei einer Waffen-SS-Reenactmentgruppe mitmacht. Es half ihm nicht, sich auf ein Faible für Uniformen herauszureden.

Allgemein gilt: je jünger die nachgestellte Geschichte, desto problematischer. Wer heute meint, die Balkankriege nachspielen zu müssen (das gibt es), wird immer wen verletzen damit.

Beim Kriegspiel geht es somit nie «nur» um Geschichte. Sondern stets um die Frage, zu welchem Zweck die Vergangenheit angerufen wird. Für die heutige türkische Regierung ist Gallipoli wichtig: Es war einer der letzten Siege des Osmanischen Reiches, bevor es 1922 zerfiel. Unter Recep Tayyip Erdogan wird Gallipoli vermehrt auch als Sieg des Islams gegen den christlichen Westen gefeiert.

Das ist relevant. Denn die Türkei wärmt sich nicht als postkriegerische Nation an Heldengeschichten von einst, sondern führt weiter Krieg, im Inneren, gegen die Kurden, und jenseits ihrer Grenzen, in Syrien. Die staatlich geförderte Darstellung historischer Siege in der Diaspora muss gerade in Wahlkampfzeiten als Propaganda für die laufenden Kriege verstanden werden. Man spielt Geschichte, aber meint die Gegenwart.

Erstellt: 21.05.2018, 19:03 Uhr

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