Mit dieser inszenierten Nähe feiert die Schweiz sich selber

Der Apéro nach einer Sitzung des Bundesrats «extra muros» – so gestern in Zürich – ist mehr als kostenloser Weisswein.

«Wo gibt es das sonst?» Bürgerin Elisabeth Fuchs im Gespräch mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Foto: Urs Jaudas

«Wo gibt es das sonst?» Bürgerin Elisabeth Fuchs im Gespräch mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Foto: Urs Jaudas

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Symbolik, das muss man unserem Bundesrat lassen, Symbolik hat er drauf. Wie er gemeinsam einmarschiert von der Unterführung des Zürcher Hauptbahnhofs (man hat den 7.32-Zug ab Bern genommen), wie die Personenschützer diskret im Hintergrund bleiben (auch wenn bei einem der Bodyguards, kleine Kritik, die Mündung der Pistole unter dem goldenen Hipster-Bomberjäckchen hervorgügselt), wie er die Kollegen von der Zürcher Kantonsregierung herzlich begrüsst, wie er sich dann in ein nicht eben prunkvolles Sitzungszimmer des Landesmuseums zurückzieht und dort wie jeder x-beliebige Verein in Neuenschwand, Murten oder Unterägeri brav die Traktanden des Tages abarbeitet, nur ein Glas Wasser vor sich – ohne ­Blöterli! –, das ist alles von einer Normalität und Biederkeit und, ja, von einer Authentizität, es ist fast rührend.

Dass diese Symbolik Absicht ist, ist kein Geheimnis. Das sagen alle, die sich Gedanken machen über die Sitzungen des Bundesrats ausserhalb von Bern, über die Sitzungen «extra muros». Bundespräsident Ueli Maurer sagt es den Medien kurz vor 9 Uhr, bevor er ebenfalls ins Sitzungszimmer abrauscht, und er sagt es später wieder bei der Eröffnung des Apéros mit der Bevölkerung im Innenhof des Landesmuseums. «In keinem anderen Land der Welt kann die Regierung einfach so in den Zug steigen und gemeinsam zu einer Sitzung fahren. Das ist eine Qualität!» In der Schweiz, und nur in der Schweiz, seien die Verhältnisse eben umgekehrt. Direkter Demokratie sei Dank. Oben das Volk, unten die Regierung. «Wir sind heute hier, um unsere Chefs zu besuchen. Sie! Sie können reklamieren, Sie können Selfies machen, Sie können uns loben. Die Schweiz, das sind wir alle zusammen!»

Zu den Leuten!

Zum 14. Mal tagte der Bundesrat gestern ausserhalb von Bern. Er war schon im Tessin, im Jura, in der Waadt oder in Glarus. Ueli Maurer hat Zürich ausgewählt, weil er keine Bundespräsidentenfeier in seinem Heimatkanton veranstaltete und weil er in Bern oft den Vorwurf höre, dass Zürich zwar enorm wichtig sei für die Schweiz, in Bern gegenüber den Randregionen aber permanent benachteiligt werde. Auch hier: Symbolik. Seht her, die Regierung ist für euch da. Sogar für euch Zürcher.

«In einem Land wie der Schweiz, in dem der Föderalismus wichtig ist, die Regionen, die Sprachenvielfalt und die direkte Demokratie, darf der Bundesrat dem Land nicht das Gefühl geben, sich immer in Bern zu verschanzen. Er muss zu den Leuten!» Das sagt Bundesratssprecher André Simonazzi. Er hat die Sitzungen «extra muros» im Jahr 2010 erfunden und eingeführt.

Eine Huldigung

Die Sitzungen «ausserhalb der Mauern» folgen dabei einem durchorchestrierten Ablauf: Begrüssung durch die lokale Kantonsregierung, Sitzung, Apéro mit der Regierung, Apéro mit der Bevölkerung, Mittagessen mit der Regierung, Rückkehr nach Bern. Höhepunkt des Tages ist das Zusammentreffen mit der Bevölkerung. Seit Ende der 60er-Jahre besucht der Bundesrat als Kollegium jeweils einmal im Jahr auf seinem Ausflug einen anderen Landesteil.

1990 wurde während eines solchen Ausflugs in die Ostschweiz «eine bis dahin nicht gekannte Form der Kontaktaufnahme zwischen der Landesregierung und der Bevölkerung entwickelt; die sogenannten Volksapéros», wie es in einer Lizenziats­arbeit des Historikers Michael Brupbacher aus dem Jahr 2005 nachzulesen ist. «Regierung und Volk stehen bei solchen Anlässen in unmittelbarem Kontakt, das gemeinsame Einnehmen einer kleinen Mahlzeit und das Trinken schaffen eine Atmosphäre der Verbundenheit», schreibt Brupbacher und nennt die ­Zusammentreffen gleichzeitig eine ­«zurückhaltende Form der Huldigung der Regierenden».

Ernst genommen

Sie wirken eben auf beide Seiten, diese Apéros. Auf Bürgerinnen wie Elisabeth Fuchs aus Zürich, die gestern Morgen zufällig vom Anlass gehört hat und jetzt, man kann es nicht anders nennen, ziemlich aus dem Hüsli ist. «Wo gibt es das schon, dass man einfach so mit der Regierung reden kann?», sagt Fuchs, die mit viel mehr Bodyguards und Sicherheitsmassnahmen gerechnet hatte. Fuchs hat schwere Bedenken wegen der neuen Funktechnologie 5G und konnte diese zuerst Simonetta Sommaruga und danach Guy Parmelin vorbringen. Einfach so. «Ich hab mich sehr ernst genommen gefühlt. Sie haben richtig zugehört! Und standen danach auch noch für ein Selfie hin.»

Gespräche und Selfies: Die Bundesräte zeigen sich volksnah. Foto: Urs Jaudas

Die Wirkung betrifft aber auch die andere Seite, die Bundesrätinnen und Bundesräte. Moritz Leuenberger hat während seiner Zeit im Bundesrat einige Apéros mit der Bevölkerung erlebt, und er weiss von Kolleginnen und Kollegen, die das wahnsinnig gerne hatten. «Mich hat es immer etwas gefröstelt. Die wahren Begegnungen mit der Bevölkerung finden im Tram, im Bus oder auf dem Markt statt», sagt Leuenberger. Die inszenierte «Volksnähe» sei ja schon als Wort verräterisch. «In der Konsequenz bedeutet das Wort ja, dass es eine ursprüngliche Distanz zwischen Regierenden und Bevölkerung gibt.» Diese Distanz werde dann an einem solchen Apéro künstlicherweise überwunden, in einer Art gegenseitiger narzisstischer Bereicherung. Die Leute ganz begeistert, dass man da einen Magistraten zum Anlangen habe; die Magistraten ganz begeistert, dass da Leute seien, die einen tatsächlich berühren wollen.

«Wir sind heute hier, um unsere Chefs zu besuchen. Sie! Die Schweiz, das sind wir alle zusammen!»

Der Apéro als Kraftort für die Bundesräte. Ort für Seelenmassage und gute Laune. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Bundesrat die Kraft für seinen Job aus seinem Alltag zieht. Ihr Alltag besteht im Wesentlichen aus Sitzungen und Aktenbergen. Sie ziehen die Kraft stattdessen genau aus solchen Begegnungen mit der Bevölkerung, wo sie vor allem Zuspruch erhalten», sagt CVP-Präsident Gerhard Pfister.

Bei Bundesrat Pascal Couchepin war es beispielsweise so. Der Freisinnige schnitt ­während seiner Amtszeit in Beliebtheitsumfragen regelmässig schlecht ab. Im Kontakt mit der Bevölkerung erlebte er etwas anderes. «Die Leute mochten ihn offensichtlich», erzählt der damalige Couchepin-Mitarbeiter und heutige Politikberater Andreas Müller. «Oftmals sagten sie hinterher: Ich wusste gar nicht, dass Bundesrat Couchepin so umgänglich und warmherzig ist.»

Das Bad in der Menge kann aber auch trügerische Folgen haben. Bundesräte verlieren darob manchmal etwas die Orientierung. Samuel Schmid zum Beispiel. Selbst als er im Parlament schon lange isoliert war, sagte er immer noch: «Das Volk steht hinter mir.» So verpasste Schmid letztlich den richtigen Moment für seinen Rücktritt, glaubt CVP-Präsident Pfister, der die Besuche der Bundesräte im Übrigen für «staatspolitisch wertvoll» hält.

Von grösster Bedeutung

Auch Moritz Leuenberger, dem es manchmal gefröstelt hat an den Apéros, sagt, dass diese Apéros essenziell sind. «Symbolik gehört einfach dazu. Politik besteht zu einem wesentlichen Teil aus Symbolik. Andere Staatsformen haben spektakuläre politische Rituale, eine Inthronisierung oder den ersten Auftritt eines royalen Babys. Das alles haben wir nicht. Darum sind für uns diese Besuche in den Landesgegenden von grösster Bedeutung.»

Und dass der Bundesrat Symbolik kann, das hat er gestern in Zürich zur Genüge gezeigt. Bei all der Volksnähe ging sogar der einzige Fauxpas etwas unter. Den Apéro vor dem Apéro nahm der Bundesrat auf der Terrasse des Landesmuseums ein, in royalem Wink­abstand zu seinen Untertanen. Sie sahen gnädigst darüber hinweg.

Erstellt: 15.05.2019, 20:28 Uhr

In Zahlen

14
Mal tagte der Bundesrat schon «extra muros». Die Sitzungen ausserhalb von Bern wurden 2010 ins Leben gerufen. Besucht wurden zu Beginn jene Kantone, die noch nie eine Bundesrätin oder einen Bundesrat gestellt haben.

1990
erfand Bundesrat Arnold Koller auf dem Bundesratsreisli den «Volksapéro». Seither trifft sich die Regierung jährlich mit der Bevölkerung auf ein Glas Wein.

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