Krankenkassen-Angesteller mit Kettensäge schwer verletzt

Ein Mann griff gestern mehrere Mitarbeiter der CSS-Agentur in Schaffhausen an.

Stundenlang gesperrt: Die Schaffhauser Vorstadt gestern Mittag. Foto: Thomas Egli

Stundenlang gesperrt: Die Schaffhauser Vorstadt gestern Mittag. Foto: Thomas Egli

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«Mit einer Kettensäge?» Der amerikanische Tourist, der mit Frau und zwei kleinen Kindern vor dem Bahnhof von Schaffhausen sitzt, ist verblüfft: «Ich dachte, so etwas komme nur bei uns vor.» Nein, es geschieht in der Schweiz, nur wenige Meter von den verblüfften Touristen entfernt.

In der Schaffhauser Vorstadt, einer Gasse mit einer Buchhandlung, einem McDonald’s, vielen anderen Läden in der Altstadt, stürmte gestern Vormittag ein Mann mit einer Motorsäge in eine Filiale der CSS-Krankenversicherung. Er verletzte einen Mitarbeiter schwer und einen anderen leicht. Erst hiess es, zwei Menschen seien bei dem Angriff schwer verletzt worden. Drei weitere Personen wurden ebenfalls verletzt, aber nicht direkt durch die Säge. Der Schwerverletzte ist nicht in Lebensgefahr.

Der Täter kann das Büro wieder verlassen. Die Motorsäge nimmt er offenbar mit, zumindest wird sie nicht am Tatort gefunden. Die Polizei leitet sofort eine Grossfahndung ein und sperrt die Vorstadt sowie die Nebengassen ab. Helikopter werden eingesetzt und Hilfe aus Zürich und dem Kanton Thurgau angefordert. 100 Polizisten und 50 Sanitäter sind im Einsatz. Dennoch kann der Mann mit der Säge entkommen. Ein Terroranschlag wird von der Polizei sehr schnell ausgeschlossen.

Die Polizei vermutet zuerst, dass sich der Täter in der Vorstadt verschanzt haben könnte, und sperrt das Gebiet für mehrere Stunden komplett ab. Geschäfte, Büros und Wohnungen müssen verriegelt werden, die Bewohner und Angestellten dürfen nicht hinaus, und niemand darf hinein. So sassen bis halb vier Uhr nachmittags Dutzende Betroffene fest, wie die «Schaffhauser Nachrichten» schreiben.

An den Absperrungen versammeln sich Reporter, Schaulustige und Angehörige der Eingeschlossenen. Manuela Burkay kommt, nachdem ihre Tochter eine SMS geschickt hatte: «Mami, ich habe Angst.» Die Tochter arbeitet bei einem Coiffeur in der Vorstadt. Am Anfang sei die Stimmung bei den Eingeschlossenen noch gut gewesen, berichtet die Mutter: «Aber je länger sie da drinnen sind, desto mehr Panik macht sich breit.»

Der Mann mit der Motorsäge hat inzwischen international Schlagzeilen gemacht: «Chainsaw attack in Switzerland», steht auf Newsportalen weltweit. Und die US-Botschaft richtet sich mit Twitter-Botschaften an die Landsleute: Sie sollen sich in Sicherheit bringen und die Anweisungen der Schweizer Behörden befolgen.

Er campierte im Wald

Kurz nach Mittag gibt eine Polizeisprecherin erste Informationen zum mutmasslichen Täter preis: W. wird als 1,90 Meter gross beschrieben, mit Glatze und «ungepflegter Erscheinung». Seinen Namen gibt die Polizei erst später bekannt. Er könne sich überall in der Region aufhalten, sagt die Sprecherin.

Gegen 14.30 Uhr dürfen dann die ersten Eingeschlossenen die Läden in der Vorstadt verlassen. Manuela Burkay kann ihre Tochter in die Arme nehmen. «Es ist ja gut gegangen», sagt sie, «aber ein mulmiges Gefühl bleibt.»

Später wird die Absperrung der Vorstadt aufgehoben. Nur im Büro der CSS und der darunterliegenden Buchhandlung werden bis zum Abend von der Polizei Spuren gesichert. «Es gibt ja viele hirnlose Menschen», sagt eine Geschäftsfrau aus der Vorstadt: «Und es kann jeden von uns einmal treffen.»

Die Schaffhauser Polizei hat inzwischen Details zum Täter sowie sein Foto veröffentlicht. Der 50-jährige Franz W. war in Graubünden gemeldet, im Telefonbuch ist auch eine Adresse im Luzerner Beromünster zu finden. Tatsächlich lebt der Schwei­zer jedoch seit geraumer Zeit in den Wäldern, bestätigt der Erste Staatsanwalt von Schaffhausen, Peter Sticher.

Franz W. hat gemäss Aussagen von Anwohnern, die sich bei «20min.ch» meldeten, längere Zeit in seinem Wagen am Waldrand der Zürcher Gemeinde Uhwiesen, unweit der Grenze zu Schaffhausen, campiert. Dort hatten offenbar etliche Leute Probleme mit ihm, eine Anwohnerin erzählte dem Onlineportal, sie habe mehrfach die Polizei auf den Mann aufmerksam gemacht, der sie grundlos angeschrien und beleidigt habe.

Die Kantonspolizei Zürich bestätigt, dass in den vergangenen Wochen mehrere Meldungen zu dem Mann eingegangen seien. Man habe ihn auch mehrfach angetroffen und kontrolliert. Es habe aber keine Anzeichen für eine Eigen- oder Fremdgefährdung gegeben.

Man solle ihm ausweichen

In Schaffhausen jedoch war der Mann bisher unbekannt. Zwei Vorstrafen wegen unerlaubten Waffenbesitzes kassierte er in anderen Kantonen. Die Attacke mit der Motorsäge, so Staatsanwalt Sticher, habe sich gezielt gegen die Mitarbeiter der Krankenkasse gerichtet. Die CSS bestätigt im Lauf des Tages, dass Franz W. ein Kunde war.

Die Polizei richtet eine Hotline für Hinweise ein und warnt vor der Gefährlichkeit W.s. Wer ihn sehe, solle ihm ausweichen. Vermutlich trage er die Kettensäge noch bei sich. Und eine weitere Bewaffnung sei nicht auszuschliessen.

Am frühen Abend melden Reporter aus Uhwiesen, es seien im Wald Schüsse gefallen. Doch die Zürcher Polizei schreibt später auf Twitter, die beiden lauten Knaller seien keine Schüsse gewesen. Hingegen wird am Abend das Auto des Flüchtigen gefunden, ein VW Caddy.

In Schaffhausen führten die Ermittlungen zu einem weiteren Foto des Täters, das unmittelbar vor der Tat gemacht worden war, wie die Polizei in einer Mitteilung schreibt. Es sei davon auszugehen, dass der Täter eine grüne Windjacke und eine schwarze Hose getragen habe. Ausserdem ist eine grosse schwarze Tasche auf dem Foto zu sehen, in welcher er möglicherweise die Motorsäge mit sich führt.

In Uhwiesen suchen Hundestaffeln im strömenden Regen nach Franz W. Bis Redaktionsschluss fehlte von ihm jede Spur.

Erstellt: 24.07.2017, 23:46 Uhr

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