Krieg der Youtube-Gottesmänner

Ein Rockerpastor soll Frauen missbraucht haben. Als sich ein Thurgauer mit ihm anlegt, bezahlt er beinahe mit dem Leben.

«Welcher Christ tut das?»: Prediger Patrick Altendorfer will das Böse besiegen. Foto: Daniel Ammann

«Welcher Christ tut das?»: Prediger Patrick Altendorfer will das Böse besiegen. Foto: Daniel Ammann

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Die Blutlache im Treppenhaus ist weggeputzt. Nichts erinnert im Mehrfamilienhaus am Dorfrand von Uttwil TG mehr an den brutalen Überfall von Anfang Oktober. Es war ein sonniger Nachmittag, als Patrick Altendorfer, Pastor der Freikirche Gott weiss es, mit seiner Familie vom Gottesdienst kam und mit der Bibel unter dem Arm aus dem Auto stieg. Seine Frau und die elfjährige Tochter waren schon vorausgelaufen, als sich hinter ihm ein Schatten von der Garagenmauer löste und ein Vermummter ihn mit Pfefferspray betäubte und mit einem Stahlrohr auf ihn einprügelte. Der Pastor versuchte sich zuerst zu wehren, dann floh er zum Treppenhaus, doch der Angreifer verfolgte ihn und stach mit einem Messer zu. Patrick Altendorfer überlebte nur mit Glück.

Zwei Wochen später sitzt er im Adidas-Trainer zu Hause: weisse Ledersitzgruppe, Keramikkatzen im Pflanzentopf, Gitarre und Keyboard an der Wand. Im Laufgitter brabbelt der einjährige Sohn. «Der Angreifer wollte mich töten», sagt der Pastor. «Einen Mann Gottes mit der Bibel unter dem Arm vor den Augen seiner Familie niederstechen – welcher Christ tut das?»

Eine Hand ist im Gips, ein Hut bedeckt die Wunden am Kopf, der Rücken ist grün und blau, fünf Zentimeter oberhalb der Niere drang der Messerstich des Angreifers ins Fleisch. Altendorfer hat Anzeige erstattet. Doch eigentlich geht es ihm um etwas anderes. Er ist ein Mann auf einer Mission: «Wir kämpfen mit dem Wort Gottes», sagt er. «Wir kämpfen gegen Dämonen, aber nicht gegen Fleisch und Blut.» Wir, das sind er, seine Gemeinde und Jesus. Die Dämonen, die er meint, heissen sexueller Missbrauch, Manipulation, Veruntreuung, Lügen und Gewalt in seiner Gemeinde.

Wobei der Begriff Gemeinde sehr weit gefasst werden muss: Facebook, Youtube und Co. haben die territorialen Grenzen der Seelsorge gesprengt. Für Youtube-Prediger gehört jeder, der sich die Videos anschaut, der Gemeinde an. Egal, wo er sich gerade befindet. Und wer sich an den Social-Media-­Prediger wendet, der darf auf Hilfe des Pastors zählen.

Er will keine Kompromisse

Seit Monaten streitet Patrick Altendorfer aus Uttwil im Internet mit Turgay Y., einem Evangelisten aus Freudenstadt im Schwarzwald, Chef des christlichen Motorradclubs True Life. Hauptsächlich geht es darum, dass einige Frauen Turgay Y. vorwerfen, er habe sie sexuell ausgenutzt. Auch von Missbrauch, Einschüchterungen und Drohungen ist wiederholt die Rede. Altendorfer hörte vor rund einem Jahr erstmals von diesen Vorwürfen und beschloss, als richtiger Christ vor solchen Missständen die Augen nicht zu verschliessen. Zusammen mit anderen warnte er seine Gemeinde vor Y. Gezielt gehe dieser auf Frauen in psychischen Notlagen zu, baue Vertrauen auf und dränge sie dann zu sexuellen Handlungen. Danach lasse er sie fallen.

Im christlichen Umfeld sorgte der Streit für Unruhe. Manche ergriffen Partei, viele forderten die Protagonisten auf, ihre Konflikte beizulegen. Im März 2018 kam es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf das Bezirksgericht Arbon eine superprovisorische Verfügung erliess: Da Altendorfer keine Beweise für seine Vorwürfe habe, dürfe er sie nicht mehr öffentlich wiederholen, auch die entsprechenden Videos musste er löschen. Doch beflügelt von seiner Mission, machte Altendorfer weiter, trotz wiederholter Drohungen. «Die Frauen haben sich mir anvertraut. Ein echter Christ macht keine Kompromisse.» Nur um seine Familie mache er sich Sorgen, sagte er schon im März. Nicht zu Unrecht, wie sich jetzt gezeigt hat. Die Firma von Y., T. Y. Ministries, wies jegliche Beteiligung an dem Angriff zurück. Auf Anfrage dieser Zeitung gab es zwar eine Rückmeldung, aber keine Stellungnahme zum Sachverhalt.

Der Beschuldigte Turgay Y. ist eine beeindruckende Figur: hundert Kilo Selbstbewusstsein, Pferdeschwanz, Lederjacke und eine Stimme wie ein Erdbeben. Dass Y. ein geborener Anführer ist, zeigt seine Biografie. Bevor der türkischstämmige Rocker vom Islam zum Christentum konvertierte, kannte man Y. als Präsidenten der Rockerbande Black Jackets, der vornehmlich türkische ­Secondos angehören und die vor allem in Deutschland und Holland aktiv ist. Y. kam wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. Fast zehn Jahre sass er im ­Gefängnis, wegen Gewalt- und Betäubungsmitteldelikten. Zuletzt stand er im September 2009 im deutschen Böblingen vor dem Amtsgericht. Er wurde als Haupttäter und Rädelsführer einer Massenschlägerei zwischen verfeindeten Rockerbanden verurteilt. «Ich war einer der besten Diener des Satans», sagt Y. über diese Zeit. Ein paar Tage nach der Verhaftung in Böblingen hatte er im Gefängnis eine Erscheinung. Darüber hat er später ein Buch geschrieben, darüber spricht er später auch auf Youtube.

Wenn Turgay Y. auf öffentlichen Veranstaltungen von seinem religiösen Erweckungserlebnis im Knast erzählt, reckt er die Faust in die Luft und brüllt: «Amen! Ich will Amen hören!» Mitreissend und charismatisch erzählt er über seinen Glauben, seine Mission: Er will die Botschaft in Gefängnisse bringen, ins Rotlichtmilieu, zu denen, die sie am meisten brauchen.

2015 kam er frei und verschrieb sich der christlichen Mission. «Früher war mein Leben Geld, Macht, Frauen. Heute ist meine Sehnsucht Jesus Christus und bei ihm zu sein», bekannte er. Er gründete die christliche Rockergruppe True Life und eine Firma. Er fand mit seiner Geschichte und seinem Charisma bei vielen Gehör, konnte bald auf eine treue Anhängerschaft zählen. ­Gegner, mit denen diese Zeitung ge­sprochen hat, behaupten hingegen, Y. betreibe organisierte Kriminalität unter christlichem Deckmantel. Pastor Altendorfer gehörte zu seinen hartnäckigsten Kritikern.

Alle haben Angst

Recherchen im Umfeld von Freikirchen ergaben, dass Altendorfers Vorwürfe gegen Y. glaubwürdig sind. Dieser sei plötzlich in christlichen Gemeinden aufgetaucht, über die sozialen Medien fand er Menschen, die ihm glaubten, ihm vertrauten und ihn auch finanziell unterstützten. Geld, Macht, Manipulation, Ruhm und Ehre, das sei von Anfang an sein Ziel gewesen, sagen die Kritiker von Y. Nach dem Rechtsstreit mit Altendorfer habe Y. im Frühling 2018 seinen «Rücktritt» aus dem Christentum bekannt ­gegeben. Im Sommer rief er seinen ­Anhängern auf Youtube zu: «Begeht Straftaten!»

Im Netz sind noch Berichte von Frauen auffindbar, die von sexueller Ausnutzung berichten, zwei sollen in Deutschland auch Anzeige erstattet haben. Die meisten Videos aber wurden gelöscht, auch jene, auf denen sich Y. äussert. Im Netz wird aber auch klar, dass Y. fanatische Anhänger hat, die Altendorfer im Vorfeld des Angriffs Anfang Oktober bedrohten. Zusammen sollen sie die Frauen, die Y. beschuldigten, eingeschüchtert und diffamiert haben, bis sie klein beigaben. Turgay Y. selber beteuert, er lehne Gewalt ab. Auf Youtube gibt es ­jedoch Videos, in denen er anderen Schläge androht.

Patrick Altendorfer sagt: «Gott hat seine Soldaten ausgesucht, und ich bin einer davon.» Auch der gelernte Informatiker hat das Christentum erst vor kurzem für sich entdeckt. Bis vor fünf Jahren vertrieb sich der 43-Jährige seine Zeit lieber mit Alkohol, Frauen und Dummheiten als mit Jesus. Bis seine Frau ihn wieder einmal aus Schwierigkeiten befreien musste und ihm im Auto eröffnete: «Ob du lebst oder stirbst, ist mir jetzt egal. Ich habe dein Leben Jesus überantwortet.» Das wirkte. Er rang sich zum Glauben durch, und als er zu beten begann, fühlte er sich plötzlich frei. «Ich wusste: Gott ist real.» Er gab seinen Beruf auf und wurde Pastor, predigte, studierte die Bibel und diente Gott. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er als selbstständiger Kurier und aus Spenden seiner Gemeinde. Aufgrund seiner Verletzungen ist er nun ganz auf seine Gemeinde angewiesen. Angst vor Y.s Schergen hat er nicht. Patrick Altendorfer vertraut auf Gott.

Die Staatsanwaltschaft Thurgau gibt zum laufenden Verfahren keine Auskunft. Gerüchteweise soll es wegen ­Verbrechen in Deutschland einen internationalen Haftbefehl gegen Y. geben. Er selber sei in Spanien in Haft und ­solle bald nach Deutschland ausgeliefert werden.

Erstellt: 16.10.2018, 08:12 Uhr

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