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Kritischer Journalismus für eine freie Welt

Politik und Medien kämpfen mit einem Vertrauensverlust. Je stärker die liberalen Demokratien unter Druck geraten, desto mehr müssen Journalistinnen und Journalisten Aussagen hinterfragen.

MeinungJudith Wittwer

2017 gab es Momente der Zuversicht. Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron macht Europa Mut. Die Weltwirtschaft wächst erfreulich. Der Islamische Staat verliert sein Kalifat. Und überall wehren sich Frauen gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Doch 2017 war leider nicht nur Zuversicht, dem Jahr wohnte auch etwas Zer­störerisches inne.

In den USA zog ein Möchtegern-Autokrat ins Weisse Haus. Donald Trump regiert nach dem Motto «The winner takes it all» – alle Macht dem Sieger. Seine Lust am Tabubruch ist grösser als der Respekt vor demokratischen Grundprinzipien und der Wille zum politischen Kompromiss. Die Wahlverlierer werden ignoriert.

Ob offene Grenzen, Umweltschutz oder Welthandel – der neue US-Präsident lehnt internationale Verträge ab. Autoritären Staatspräsidenten wie Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan bringt er mehr Sympathien entgegen als demokratischen Verbündeten wie der deutschen Kanzlerin Angela Merkel oder dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Die transatlantischen Beziehungen stecken in der grössten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Renaissance des Autoritären

Die liberale Demokratie gerät auch in Europa unter Druck. In Ungarn und Polen torpedieren Viktor Orbán und Jaroslaw Kaczynski Grundwerte des Rechtsstaats. Unabhängige Gerichte, freie Medien und politischer Pluralismus sind nicht mehr selbstverständlich.

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Video – «Trumps Inaugurationsrede war ein nationalistischer Schlachtruf»

Wo steht die Welt Ende 2017? Tagi-Auslandchef Christof Münger schaut in seiner Video-Analyse auf ein bewegtes Jahr zurück. (Video: Nicolas Fäs und Lea Koch)

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Auch im übrigen Europa verschaffen sich Populisten und Populistinnen zunehmend Gehör. In Frankreich schaffte es Marine Le Pen bis in die Stichwahl gegen Emmanuel Macron, in Deutschland wird die zuwanderungsfeindliche AfD drittstärkste Kraft im Bundestag, und in Österreich läutet der neue konservative Kanzler Sebastian Kurz mit der rechten FPÖ eine politische Zeitenwende ein: näher zu Orbán statt zu Merkel. Global betrachtet stellt die amerikanische Nichtregierungsorganisation Freedom House in diesem Jahr ein «Wiederaufleben autoritärer Herrschaft» fest: Die liberale Demokratie als Regierungsform verliert weltweit an Support.

Mit Trumps Wahl wurden auch die Risiken der neuen Kommunikationskanäle erkannt.

Die Krise der Demokratie ist auch eine Krise der Qualitätsmedien. Sie kämpfen mit einem Bedeutungsverlust. «Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien», hielt der deutsche Soziologe Niklas Luhmann vor über zwanzig Jahren fest. Heute können Informationen und Desinformationen über unübersichtlich viele Kanäle verbreitet werden. Mit der Digitalisierung und dem Aufstieg von sozialen Netzwerken und Suchmaschinen haben die etablierten Medien ihre uneingeschränkte Wächter­funktion verloren. Jeder Bürger, jeder Präsident kann heute Falschmeldungen vertwittern oder auf Facebook posten; die Plattformen der Internetgiganten hinterfragen kaum, und die Nutzer werden mit ungesicherten Informationen überschwemmt.

Putin wird im Präsidentschaftswahlkampf 2018 keine Web-Brigaden mehr benötigen, die in Onlineforen oder Kommentarspalten von Nachrichtenportalen im Sinne der russischen Regierung die öffentliche Debatte steuern. Social Bots – also intelligente Softwareprogramme, die Kommentare abändern und vervielfältigen – sind effizienter und kostengünstiger. Algorithmen lösen Menschen ab.

Dennoch darf man für 2018 ­hoffnungsvoll sein. Zwar haben die traditionellen Medien durch den Triumphzug der digitalen Netzwerke ihr Informationsmonopol verloren. Mit Trumps Wahl sind aber auch die Risiken der neuen Kommunikationskanäle für die offene Gesellschaft erkannt worden.

Investigative Journalisten sind gefragt

Altehrwürdige Blätter wie die «New York Times» oder die «Washington Post» stellten nach Trumps Sieg mehr investigative Journalisten ein, um Lügen und Falschaussagen des Präsidenten schneller zu entlarven. Durch die Investition gewannen sie Abonnenten. Die Recherchen zahlen sich aus. Die Medienkompetenz der Bürger steigt.

Mit der Digitalisierung erhalten die Journalisten auch neue Werkzeuge. Geschichten können interaktiv erzählt, Fakten rascher geprüft werden. Ganze Datenschätze warten darauf, von Rechercheuren analysiert zu werden.

Je stärker die liberalen Demokratien unter Druck geraten, desto mehr sind sie auf solch kritischen Journalismus angewiesen. Auf Medien, die in der Informationsflut die Übersicht behalten, Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, frei von Parteiinteressen recherchieren und einordnen – und die trotz finanziellem Druck die Kraft haben, in neue, digitale Bereiche wie etwa den Datenjournalismus zu investieren.

Mit den Enthüllungen rund um die Paradise Papers hat auch der «Tages-Anzeiger» 2017 gezeigt, wie wichtig ihm investigativer Journalismus und das kritische Begleiten der Einflussreichen dieser Welt sind. Er wird sich auch 2018 jeden Tag dafür einsetzen, dass Sie eine ebenso fundierte wie abwechslungsreiche Zeitung in den Händen halten. Wir danken für Ihre Treue und wünschen Ihnen ein gutes neues Jahr!

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