Künstliche Sprachbarrieren für Flüchtlinge

Der Bund verteilt Asylbewerber nach dem Zufallsprinzip. Dies, obwohl französischsprachige Flüchtlinge in der Romandie schneller einen Job finden würden.

Hätte einen Job in der Romandie in Aussicht gehabt: Die französischsprachige Sonia Djamen (27) . Foto: Franziska Rothenbühler

Hätte einen Job in der Romandie in Aussicht gehabt: Die französischsprachige Sonia Djamen (27) . Foto: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Absage kam nicht völlig unerwartet. Aber sie traf Folashade Lahadjo dennoch. «Mit Ihren Deutschkenntnissen haben Sie für eine Lehre als kaufmännische Angestellte keine Chance», eröffnete ihr der Berufsberater. Dafür sei die Konkurrenz zu gross. Auch eine Lehre bei der Post komme aus demselben Grund nicht infrage. Der Berufsberater empfahl ihr: «Suchen Sie eine Stelle, die weniger Qualifikationen voraussetzt.»

Folashade Lahadjo war enttäuscht. «Ich fragte mich, warum das ausgerechnet mir passiert», erinnert sie sich. «Warum ich in Zürich gelandet bin und nicht in der Romandie, wo ich die Lehre ohne Probleme hätte machen können. Ich spreche ja perfekt Französisch.»

Lahadjo, 20 Jahre alt, stammt aus ­Benin. 2015 kam sie als Asylsuchende in die Schweiz, gemeinsam mit Zehntausenden weiteren Flüchtlingen. Zunächst waren die Behörden damit beschäftigt, die Migranten zu registrieren und zu versorgen. Jetzt wendet sich die Politik einem sehr viel komplexeren Problem zu: der Integration jener Asylsuchenden, bei denen eine Rückkehr in die Heimat nicht absehbar ist.

Beinahe im Wochentakt stellen derzeit Gemeinden, Kantone, Unternehmen und Branchenverbände neue Projekte und Angebote für Flüchtlinge vor. Die Asyl-Integrationskosten für die öffentliche Hand beliefen sich 2015 auf 148 Millionen Franken, rund 30 Prozent mehr als im Vorjahr.

Französischsprachig in Glarus

Ein grundlegenderes Integrationshindernis hingegen hat die Politik bisher nicht angetastet. Asylsuchende werden in der Schweiz per Zufallsprinzip auf die Kantone verteilt. Dort müssen sie bleiben. Welche sprachlichen Fähigkeiten sie mitbringen, spielt dabei keine Rolle. Theoretisch ist somit denkbar, dass ein Asyl suchender Französischprofessor aus Aleppo von den Behörden im Kanton Glarus platziert wird und dort erst einmal elementare Deutschkenntnisse erwerben muss, bevor er sich auf die Suche nach einer Arbeit machen kann.

Die Verteilung nach dem Zufallsprinzip geht auf die 1990er-Jahre zurück. Damals hatten sich Westschweizer Kantone beschwert: Weil ihnen vorab französischsprachige Migranten aus Nord- und Westafrika zugewiesen würden, bestehe eine Gefahr der Ghettoisierung. Heute kommen weniger Flüchtlinge aus dieser Region in die Schweiz.

«Eine intelligente Zuweisung an die Kantone könnte Kosten sparen.»SVP-Nationalrat Heinz Brand

Kaum jemand in der Schweiz kennt das Problem besser als Daniel Auer, Forscher am Institut für Öffentliche Verwaltung der Universität Lausanne. Anhand von Arbeitslosendaten aus den Jahren 2000 bis 2012 hat Auer untersucht, welchen Effekt die zufällige Kantonszuweisung für die Arbeitsintegration jener Flüchtlinge hat, die eine Landessprache beherrschen. Das Ergebnis: Werden Asylsuchende in einen Kanton platziert, dessen Sprache sie bereits beherrschen, haben sie «substanziell höhere» Chancen, binnen zwei Jahren einen Job zu ­finden. Den Vorteil beziffert Auer in seiner kürzlich publizierten Studie auf bis zu 20 Prozent. Somit sei nachgewiesen, dass der Bund die Arbeitsintegration mit der zufälligen Kantonsverteilung der Flüchtlinge aktiv erschwere.

«Man kann es ein Sprach-Roulette nennen», sagt Auer. «Manche Flüchtlinge, die eine Schweizer Landessprache beherrschen, haben Glück. Sie kommen in eine Region, wo sie sich gut verständigen können, und erhalten rascher eine Arbeit. Andere haben Pech.»

Beautysalon am falschen Ort

Folashade Lahadjo hatte Pech. Auch Sonia Djamen tat sich schwer mit dem Verbot, den Kanton zu wechseln. Die 27-Jährige kommt aus Kamerun, ihre Muttersprache ist Französisch. Drei Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz schrieb sie sich für eine Modeschule in Zürich ein, brach diese nach einem Jahr aber wieder ab. «Mein Deutsch war einfach nicht gut genug», sagt sie. Als sie sich für Jobs in der Modebranche bewarb, kam sie in den Vorstellungsgesprächen zwar jeweils gut an. «Doch am Ende hiess es immer: Ihre Sprachkenntnisse sind leider ungenügend.» Auch auf das Angebot ihrer Schwester, in deren Beautysalon zu arbeiten, konnte sie nicht eingehen. Der Salon befand sich in Freiburg.

So arbeitete Sonia Djamen hier und dort, in Restaurants, in einer Fast-Food-Kette. Ihr Deutsch verbesserte sich schrittweise; dennoch verlor sie zwischendurch den Glauben daran, dass sich an ihrer Situation etwas ändern würde. «Ich fragte mich: Ist das jetzt meine Zukunft? Ein Leben lang im Burger King zu arbeiten?» 2014 stiess sie dann auf den Förderverein Cocomo. Dieser unterstützt Fremdsprachige bei der Stellensuche und half ihr bei der Suche nach einem Praktikum. Zehn Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz hat sie den Einstieg in die Modewelt doch noch gefunden: Sie macht nun in einer Modekette eine Lehre als Detailhändlerin.

Politiker wollen eine Änderung

Bundespolitiker wollen das Sprach-Roulette im Asylbereich korrigieren. Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli arbeitet an einem Vorstoss, um «den Verteilprozess zu verfeinern und die Sprachkompetenzen der Flüchtlinge in die Kantonszuweisung einzubeziehen». Es liege auf der Hand, dass sich Asyl­suchende einfacher integrieren liessen, wenn sie die Sprache beherrschten, so Glättli. Klar sei aber auch, dass dies nicht einseitig zulasten der Romandie gehen dürfe. Auch SP-Nationalrätin Silvia Schenker befürwortet die Berücksichtigung der Sprachkompetenzen bei der Verteilung. Zudem glaubt sie nicht, dass eine besser auf die Sprachkompetenzen abgestimmte Zuweisung negative Folgen für die Romandie haben könnte. «Die Integration würde für die Westschweiz sogar eher erleichtert, weil es bei mehr Flüchtlingen keine Sprachbarriere mehr geben würde», so Schenker.

Selbst SVP-Asylexperte Heinz Brand befürwortet eine stärkere Berücksichtigung der Sprachfähigkeiten von Asyl­suchenden bei der Kantonszuteilung – jedenfalls unter gewissen Bedingungen: «Bei Asylsuchenden, die mit grosser Wahrscheinlichkeit lange in der Schweiz bleiben werden, fände ich es vernünftig. Es würde die Integration beschleunigen. Zudem könnte man durch eine intelligentere Kantonszuweisung Kosten für Sprach- und Integrationskurse sparen.»

Das Staatssekretariat für Migration indes verteidigt den aktuellen Verteilprozess. Das Zufallsprinzip biete Gewähr, dass Asylsuchende möglichst gleichmässig auf die Kantone verteilt würden und es keine Konzentration einzelner Gruppen in bestimmten Regionen gebe, sagt ein Sprecher. Die Berücksichtigung spezifischer Kriterien, etwa der Sprachfähigkeiten, würde «beträchtlichen Zusatzaufwand verursachen». Zudem spreche die grosse Mehrheit der Asylsuchenden keine Landessprache.

Erstellt: 09.04.2017, 19:20 Uhr

Artikel zum Thema

Bund erschwert Arbeitsintegration von Asylsuchenden

Die Verteilung nach dem Zufallsprinzip schafft für Flüchtlinge Sprachbarrieren. Politiker wollen handeln. Mehr...

Eine absurde Lotterie

Kommentar Integration erfolgt in erster Linie über Arbeit, entsprechend sollte man Flüchtlingen die Suche danach erleichtern, nicht zusätzlich verkomplizieren. Mehr...

Anwaltschaftliche Faustschläge für Flüchtlinge

Zwei junge Zürcher Anwältinnen unterrichten Asylsuchende im Fitboxen. Und bekommen so gleich selbst den Kopf frei. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...