Kurz vor dem Ertrinken rufen Flüchtlinge in Zürich an

Schweizer Aktivisten betreiben eine Hotline für die Seenotrettung. Reto Plattner ist einer von ihnen.

Wenn sich Flüchtlinge aus Nordafrika auf den Weg nach Europa machen, ist die Nummer von Alarmphone oft die letzte Rettung. Foto: Omar Marques (Getty Images)

Wenn sich Flüchtlinge aus Nordafrika auf den Weg nach Europa machen, ist die Nummer von Alarmphone oft die letzte Rettung. Foto: Omar Marques (Getty Images)

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Es ist eine Szene, wie sie sich im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien schon viele Male abgespielt hat. Zwei Holzschiffe, voll beladen mit je rund 500 Flüchtlingen, sind in den frühen Morgenstunden in Seenot geraten. Ein drittes, kleineres Boot haben sie im Schlepptau. Auf einmal gerät eines der grösseren in Schieflage. Es sinkt. Hunderte Menschen fallen ins Meer und kämpfen um ihr Leben. «Viele sind im Wasser, sie ertrinken. Viele sind schon tot!», ruft ein Mann in sein Handy.

Reto Plattner sitzt zusammen mit Kolleginnen und Kollegen in einer Wohnung in Zürich. Einer von ihnen hält das Telefon in der Hand, aus dem die verzweifelte Stimme kommt. Sie hören Menschen um Hilfe schreien, versuchen Rettung zu organisieren – und scheitern. Irgendwann hören sie nichts mehr, der Kontakt bricht ab. Am nächsten Tag erfährt die Gruppe, dass am Vortag über 300 Männer, Frauen und Kinder ertrunken sind.

Drei Jahre später. Der 46-jährige Plattner sitzt vor einem Café in Zürich und fasst seine Gefühle in einem Wort zusammen: «Ohnmacht». Seit 2015 arbeitet er als Freiwilliger für die Organisation Alarmphone. Dahinter stehen Aktivistinnen und Aktivisten in ganz Europa und Nordafrika, die in Schichten von acht Stunden rund um die Uhr eine Notrufnummer für Flüchtlinge in Seenot bedienen. Läutet das Telefon, versuchen sie Rettung zu organisieren. Die Organisation wurde 2014 gegründet, nachdem innerhalb von wenigen Monaten Tausende Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ihr Leben verloren hatten. «Wir übernehmen eine Aufgabe, die eigentlich die europäischen Staaten erfüllen sollten. Wir tun es, weil es kein anderer tut. Weil sonst Menschen sterben», sagt Plattner.

Aktivist Reto Plattner: «Wir tun es, weil es kein anderer tut.» Foto: Reto Oeschger

Mittlerweile ist die Nummer von Alarmphone oft mit an Bord, wenn irgendwo in Nordafrika ein Schiff in See sticht. Einem Flüchtling hat sie ein Bekannter mit Filzstift auf den Arm geschrieben, ein anderer hat sie sich ins Handy gespeichert. Viele tragen sie auf den bunten Visitenkarten bei sich, die die Organisation in zahlreichen Sprachen verteilt. Alarmphone in Zürich sammelt gebrauchte Handys und schickt sie nach Nordafrika, um sie ebenfalls an Flüchtlinge abzugeben. Dank Spenden können in Notfällen Handyguthaben laufend aufgeladen werden.

Pro Tag geht mindestens ein Anruf ein, zwei- bis dreimal im Monat nimmt Plattner ab. Zuerst muss er herausfinden, ob es sich um einen echten Notruf handelt. Immer wieder wird die Nummer irrtümlich gewählt oder von Gegnern der Seenotrettung, vor allem aus der französischen Rechten, um sie zu blockieren. Plattner verdreht die Augen. «Zum Glück stört das unseren Betrieb nicht spürbar.»

Grössere Sorgen macht ihm Europas Migrationspolitik. Unter dem mittlerweile abgetretenen italienischen Innenminister Matteo Salvini habe sich die Situation für die Retter massiv verschlechtert. «Wir alarmieren bei einem Notfall im zentralen Mittelmeer sofort die zuständigen Küstenwachen in Italien und Malta. Immer häufiger verweigern die aber die Hilfe und verweisen uns an Libyen.» Das sei in vieler Hinsicht problematisch. «Die Zustände in Libyen sind für die Flüchtlinge aufgrund von körperlicher und sexueller Gewalt, Menschenhandel und Hunger so schlimm, dass viele lieber ertrinken, als dorthin zurückzukehren», sagt Plattner. Ausserdem haben auch die Libyer wenig Interesse an den Menschen, die meist aus Ländern südlich der Sahara eingewandert sind. «Wir bekommen von den Italienern immer wieder neue Telefonnummern der libyschen Küstenwache, aber bei keiner geht jemand ran. In der Zwischenzeit ertrinken Menschen», sagt Plattner. Die Helfer von Alarmphone stehen zudem mit den Rettungsschiffen privater NGOs in Kontakt. Aber auch das ist schwierig geworden, seit den Besatzungen harte Strafen drohen. Eine andere Möglichkeit sind Handelsschiffe, die sich in der Nähe der Unglücksstelle befinden. Wer als Retter infrage kommt, sehen die Aktivistinnen und Aktivisten über öffentlich zugängliche Programme wie Vesselfinder.com, das in Echtzeit anzeigt, wo gerade Schiffe kreuzen.

Die Wut ist geblieben

Schon als Jugendlicher stand Plattner, der Sohn des ehemaligen SP-Ständerats Gian-Reto Plattner, politisch weit links, bewegte sich in der Basler Hausbesetzerszene und kämpfte gegen die Gentrifizierung. Heute lebt er in einer Gross-WG in Zürich und arbeitet in einem selbstverwalteten Getränkemarkt. Die Wut ist geblieben. Auf die Gesellschaft und ihre Ungerechtigkeiten. Und sie wächst mit jedem Hilferuf, jeder Absage einer Küstenwache, mit jedem Toten im Mittelmeer. Plattner zündet sich eine von vielen Zigaretten an diesem Abend an. «Ich glaube dennoch, dass ich es einigermassen gut verkrafte. Zumindest habe ich keine Albträume von Ertrinkenden.»

Seit Salvinis Abgang vor rund drei Wochen hat sich die Situation auf dem Mittelmeer etwas entspannt, weil wieder mehr private Rettungsschiffe unterwegs sind. Die Reaktion kam umgehend. Nur einen Tag nach dem Auseinanderbrechen der italienischen Regierung, bestehend aus Salvinis rechtspopulistischer Lega und den Populisten der Cinque Stelle, steuerte das Schiff Open Arms den Hafen von Lampedusa an. Zuvor war der Kahn mit über hundert Flüchtlingen an Bord fast drei Wochen auf dem Mittelmeer blockiert gewesen.

Zumindest in naher Zukunft dürfte diese Entspannung anhalten. Die neue Innenministerin Luciana Lamorgese vertritt eine weniger harte Politik gegen Migranten und NGOs. Dennoch stehen die freiwilligen Retter und damit auch die Organisation Alarmphone weiterhin in der Kritik. Ihre Hilfe ermögliche überhaupt erst, dass Schlepper Tausende Migranten in untüchtigen Gummibooten aufs Meer schickten, wohl wissend, dass irgendeine NGO die Leute dann schon nach Italien bringe. Diese Meinung vertreten auch Schweizer Politiker. Unter ihnen ist der Tessiner Sicherheitsdirektor Norman Gobbi von der Lega, der Salvinis Abgang bedauert. Er fürchte sich bereits vor Migrantenströmen, die jetzt wieder übers Mittelmeer und dann die Schweizer Südgrenze ins Tessin kommen könnten, teilt er in einem Interview mit «Watson» mit.

«Schwachsinn», ruft Plattner. Da ist sie wieder, die Wut. «Die Zahlen zeigen doch, dass die Menschen nicht aufhören, schrottreife Boote zu besteigen, wenn sie keiner rettet. Es ertrinken dann einfach mehr. Sowieso gibt es eine riesengrosse Anzahl Ertrunkener, von denen niemand etwas weiss.» Er reisse sich nicht darum, Menschen aus dem Meer zu holen. «Ich wünschte mir, wir hätten eine Welt, in der das unnötig ist, in der keine Menschen ertrinken müssen, weil sie auf der Suche nach besseren Chancen sind.» Plattner vertritt wie die anderen Mitglieder von Alarm­phone eine klar politische Haltung, die Bewegungsfreiheit für jedermann verlangt. «Ich darf in jeden Staat Afrikas reisen, aber die Menschen von dort nicht zu uns. Das ist nicht nur absurd, das ist schlicht unrecht.» Es ist ihm egal, ob die Flüchtlinge vor Krieg, Hunger oder Armut davonlaufen. «Die wissen, worauf sie sich einlassen. Die wissen, wie viele dabei sterben, Internet gibt es schliesslich auch in Afrika. Und sie steigen trotzdem in die verdammten Boote, weil es ihnen die Chance wert ist.»

Ist das Schlimmste eingetroffen?

Wie viele Menschen er durch seine Verhandlungen mit den Küstenwachen schon retten konnte, weiss Plattner nicht. Oft bricht der Kontakt irgendwann ab. Dann weiss er nicht, warum. Ist der Akku leer, der Kredit aufgebraucht, oder befindet sich das Boot in einem Funkloch? Oder ist das Schlimmste eingetroffen? Häufig werfen die Menschen die Handys ins Meer, sobald Rettung naht. Denn wer ein Telefon auf sich trägt, gilt rasch als Schlepper und wird verhaftet. Manchmal kommt irgendwann später eine Nachricht. Man habe es nach Italien geschafft. Andere Mitteilungen sind trauriger, wie der Hilferuf aus einem libyschen Gefängnis.

Plattner will weitermachen. Trotz der Belastung fühlt es sich für ihn auch gut an. Dass er etwas Sinnvolles tue, aber auch die Gemeinschaft. Die Alarm­phone-Crew aus der Umgebung trifft sich regelmässig, andere besuchen sich in ganz Europa. Plattner war kürzlich in Marokko bei Aktivisten zu Gast. «Diese Kontakte geben mir viel.» Und so wird er weiterhin ans Telefon gehen, wenn es klingelt. Immer in der Hoffnung, es sei nur ein Fehlalarm.

Erstellt: 13.09.2019, 18:21 Uhr

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Die Mittelmeer-Route gilt als die gefährlichste Fluchtroute der Welt. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen kommt einer von elf Flüchtlingen zwischen Libyen und Italien ums Leben. Im vergangenen Jahr kamen rund 110000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa, die meisten aus den Ländern südlich der Sahara oder aus Nord­afrika. Es sind deutlich weniger als noch 2015, als fast eine Million übers Meer kam. Doch das Risiko, zu sterben, hat deutlich zugenommen. In diesem Jahr wurden bis zum 1. Juli 584 Ertrunkene registriert. (red)

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