«KZ und solchen Mist»

Christoph Blocher sprach in der Talksendung von Roger Schawinski über seinen Nazivergleich. Und machte dabei alles schlimmer.

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Wer sich noch einen Zweifel bewahrt hatte, der Alte sei wieder einmal auf Provokation aus, wolle bloss seine Gegner ärgern und könne nicht im Ernst meinen, was er gesagt habe, ein so gebildeter, historisch interessierter Mann wie er, weiss seit gestern Abend nach seinem Auftritt beim SRF-Talker Roger Schawinski: Christoph Blocher meint seinen Satz genau so, wie er ihn formuliert hatte. Und damit jedem klar ist, was er sagte, hier noch mal der Satz in voller Länge: «Der Kampf gegen die SVP vonseiten der Staatsmedien und von ‹Blick› bis NZZ hat mich in ihrer Radikalität an die Methoden der Nationalsozialisten den Juden gegenüber erinnert.»

Man hat Schawinski oft vorgeworfen, er lasse sich von seiner eigenen Aufregung leiten, statt zuzuhören, er fahre immer ein, statt die Leute reden zu lassen. Diesmal kam man nicht umhin, seine Gefühlslage nachzuvollziehen. Je mehr er seinen Gesprächspartner mit der historischen Absurdität seines Vergleiches zu konfrontieren versuchte, desto weniger dachte Blocher ans Einlenken. Die Kampagne gegen die Durchsetzungsinitiative, wiederholte er, sei der Höhepunkt der Verunglimpfung einer Partei gewesen, die den Staat in den letzten 25 Jahren hochgehalten habe wie keine andere. Eine Scheinanalogie habe er nicht gezogen, ergänzte er. Und liess sich auch nicht von seiner Behauptung abbringen, als Schawinski ihn an das systematische Vorgehen der NSDAP gegen die Juden erinnerte, die Rassen- und Ermächtigungsgesetze, die «Kauft nicht bei Juden»-Kampagne.

Im Gegenteil, Blocher identifizierte sich auch damit wieder: Das sei dasselbe, sagte er, wie «wählt keinen SVP-Pro­fessor». Dass die SVP 70 National- und Ständeräte und zwei Bundesräte stellt, wie Schawinski einwarf, konnte Blocher nicht bremsen: Eine Volksgruppe werde ausgegrenzt, sagte er: «Wenn ich in Deutschland schaue, wieso jede Woche ein Asylheim brennt ...» Wer einen Teil ausgrenze, schloss er daraus, fördere den Extremismus. So ging das weiter.

Dass seine Nazivergleiche die Leute so erbost habe, hält Blocher übrigens für ein gutes Zeichen, «jetzt wird diskutiert». Schawinski griff darauf die ähnlich heftige Empörung auf, die Pascal Couchepin 2008 mit seinem Vergleich zwischen Christoph Mörgeli und SS-Arzt Josef Mengele ausgelöst hatte. Dazu spielte er ein Zitat Mörgelis ein, wonach man nicht «mit dem Leid von Millionen» Tagespolitik betreiben könne. Blocher griff das Thema auf und benutzte dabei eine Formulierung, die seine bisherigen bei weitem übertrifft: Mit seinem Satz, sagte er, habe er nicht «Konzentrationslager und solchen Mist» gemeint. Als ein fassungsloser Schawinski ihn auf die Wortwahl ansprach, ergänzte Blocher den Mist mit dem Adjektiv «entsetzlich».

Aber da war der Mist schon geführt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2016, 20:11 Uhr

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