Landwirte wollen unabhängiger vom Staat werden

Die Berner Bauern, der grösste kantonale Verband, stellen sich mit eigenen Reformideen gegen den Schweizer Dachverband.

Mehr Unabhänigkeit vom Staat gefordert: Ein Landwirt pflügt mit dem Traktor ein Feld. Bild: Keystone

Mehr Unabhänigkeit vom Staat gefordert: Ein Landwirt pflügt mit dem Traktor ein Feld. Bild: Keystone

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Freihandel und Marktöffnung: Das sind Begriffe, die Bauern scheuen. Trotzdem lassen sich die Berner Bauern morgen auf eine Diskussion mit einem Verfechter von Markt und Freihandel ein. Peter Grünenfelder, Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse, ist ein vehementer Gegner der protektionistischen Agrarpolitik, die der Schweizer Bauernverband (SBV) verteidigt. Die Berner Bauern, der grösste Kantonalverband des SBV, wollen mit Grünenfelder über «mehr Markt» reden.

Die Agrarpolitik krankt laut Grünenfelder an mehreren Stellen. «Die Bauern kommen trotz hoher Arbeitsbelastung und hoher staatlicher Unterstützung auf keinen grünen Zweig», sagt er. Auch die ökologischen Probleme bleiben trotz zahlreicher Vorschriften ungelöst. Zudem verteuere die Abschottung des Agrarmarkts die Lebensmittel. Fast noch mehr als Grünenfelder hadern die Bauern mit der Situation. Der Konflikt hat sich vertieft, seit der Bundesrat im November klarmachte, dass er Zollschranken, die inländische Bauern vor Weltmarktpreisen schützen, markant senken will. Der SBV wies dies erbost zurück.

Die Berner Bauern setzen dem Bundesrat eine eigene Vision entgegen. «Wir wollen die Abhängigkeit vom Staat reduzieren», sagt Geschäftsführer Andreas Wyss. Mittelfristig müsse man mit weniger Direktzahlungen vom Staat auskommen. Dies bedinge einen Umbau dieses ersten Pfeilers der Agrarpolitik. Inwieweit eine Anpassung des zweiten Pfeilers, also eine Senkung des Grenzschutzes, verkraftbar wäre, sei zu prüfen.

Radikal vereinfachen

Die OECD stellte jüngst in einer Studie fest, dass nicht die Bauern am meisten von der jährlichen Verteuerung von Importen im Rahmen von rund 3,5 Milliarden Franken profitierten, sondern der Detailhandel oder der Verkäufer von Dünger und Saatgut. Der Grenzschutz sei insofern ein schlechtes Instrument zur Hebung bäuerlicher Einkommen.

Bei den Direktzahlungen ist die Meinung der Berner Bauern klar: Das heutige System, das die Zahlungen zum grössten Teil an bewirtschaftete Flächen und zum Teil nach wie vor an die Produktion kopple, sei zu kompliziert und ineffizient. Darum schlagen sie eine radikale Vereinfachung vor: Künftig sollen nur noch zwei Arten von Direktzahlungen fliessen. Ist ein Betrieb ökonomisch, ökologisch und sozial gut unterwegs, wofür er einen Nachweis erbringen müsste, soll er einen Basisbeitrag für die Nachhaltigkeit erhalten. «Wir gehen etwa von 25'000 Franken pro Vollzeitbetrieb aus», sagt Wyss. In der Summe wären das ein Drittel der heute 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen pro Jahr. Die anderen zwei Drittel sollen für Leistungen fliessen, für die es keinen Markt gebe. Dazu zählt Wyss Aufwände zur Förderung der Biodiversität oder für das Bewirtschaften von Flächen, die sonst verwalden würden. Diese Unterstützung würde regional stärker variieren als heute.

Auf Marge verzichten

Parallel zur Neuausrichtung der Agrarpolitik müsste der Bauer mehr Erlös aus seinen Produkten erwirtschaften. «Für den Konsumenten bedeutet dies nicht unbedingt höhere Preise», sagt Wyss. Entscheidend sei, dass dem Bauer wieder ein höherer Anteil der Wertschöpfung des Endprodukts bleibe und Verarbeiter und Handel auf einen Teil ihrer gestiegenen Marge verzichten. Gelungen sei dies in der biologischen, aber auch bei der integrierten Produktion. Der Schlüssel sei das richtige Rohprodukt, das der Bauer selber weiterverarbeite.

Beim SBV trifft die Berner Initiative nicht auf offene Ohren. Der Verband schreibt, man frage sich, ob ein «grundlegendes Reset» ratsam sei oder ob Anpassungen nicht auf der heutigen gesetzlichen Basis möglich seien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2018, 22:57 Uhr

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«Fairer Handel statt Freihandel»

Der Schweizer Bauernverband (SBV) hat an seiner Jahresmedienkonferenz seinen Unmut über die vom Bundesrat geplante Marktöffnung bekräftigt. Eine nachhaltige Landwirtschaft sei zu Weltmarktpreisen nicht zu haben. Laut dem SBV leidet die Masse der landwirtschaftlichen Rohstoffe global unter unfairen Bedingungen – auch in der Schweiz. «Tiefe Produzentenpreise und zu tiefe Einkommen führen dazu, dass viele Landwirte sich anderswo eine Arbeit suchen», sagte SBV-Direktor Jacques Bourgeois. Besonders gross sei der Strukturwandel in der Milchwirtschaft. Dort lebten viele Bauern von der Substanz. Auch in anderen Branchenzweigen sei die unfaire Einkommensverteilung die Norm. So machten die Kosten für das Getreide zwischen 6 und 11 Prozent des Preises eines Brots aus. Es brauche deshalb ein Umdenken in den Wertschöpfungsketten.

Gefordert sind laut dem SBV auch die Bauernfamilien. Diese könnten mit mehr Direktverkauf sowie kürzeren Wegen zum Konsumenten oder dem Aufbau von Genossenschaften und Labeln versuchen, ihren Anteil am Konsumentenfranken zu erhöhen. Das grösste Sorgenkind aber bleibe die grosse Menge wenig differenzierbarer Produkte, die an grosse Abnehmer gehen. «Gefragt sind angemessene Preise, welche die Kosten decken und Investitionen in die Zukunft erlauben», sagte SBV-Präsident Markus Ritter. Der Appell des Bauernverbands heisst deshalb: «Fairer Handel statt Freihandel». Für den SBV steht insbesondere der Bundesrat in der Verantwortung. «Wenn dieser die Schweizer Landwirtschaft mit einer Marktöffnung markant schwächen will, ist das für uns inakzeptabel», sagte Ritter. Er sei aber offen für Gespräche. (SDA)

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