Lasst die Kinder wählen

Das Stimm- und Wahlalter 16 ist überfällig. Es gibt keine vernünftigen Gründe dagegen.

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Die Angst geht um unter bürgerlichen Politikern. Die Angst vor Kindern. Genauer gesagt: vor Teenagern, die für den Klimaschutz demonstrieren und dabei auch die Frage aufs Tapet bringen, ob 18 noch ein angemessenes Stimmrechtsalter sei. Oder nicht doch lieber 16, wie die linken Fraktionen zusammen mit der BDP am Montag im Zürcher Kantonsrat forderten. Auch im Nationalrat ist eine Senkung des Stimmrechtsalters derzeit ein Thema.

Auf beides, sowohl die Demos als auch die Frage nach dem Stimmrechtsalter, reagieren die hauptsächlich bürgerlichen Gegner mit einer irritierenden Mischung aus Überheblichkeit und Verunsicherung. Da werden die demonstrierenden Jugendlichen als «Kindersoldaten» diffamiert, deren Aktionen «von Erwachsenen orchestriert» seien. Verbunden ist die Kritik mit hämischen Bemerkungen über den Lebensstil der Klimajugend.

So sagte etwa SVP-Nationalrat Sebastian Frehner zu Telebasel: «Es könnte zum Beispiel jeder von denen sagen, er fliegt nicht mehr in die Ferien. Das wäre dann schade für sie, ich würde immer noch fliegen, aber das wäre ein Ansatz, der konkret wäre.» Arroganter kann man ein Anliegen kaum vom Tisch wischen.

Staatsbürgerlich gebildete und engagierte junge Leute sind nicht mehr so einfach (ver-)führbar.

Eine ähnliche Sprache sprechen auch viele Argumente gegen ein Stimmrecht mit 16. SVP-Kantonsrat Benjamin Fischer findet, «unter 18 ist die Beeinflussbarkeit noch zu gross» – womit er vor allem die angebliche Beeinflussung durch linke Lehrer meint. Dazu muss man wissen: Fischer trat mit 15 der Jungen SVP bei. Er habe sich immer gegen die Ansichten seiner Lehrer gewehrt, sagt er, «aber andere tun das nicht». Erich Vontobel (EDU) sagte gar, «Jugendliche sollten sich noch nicht mit den Sorgen und Nöten der Erwachsenen auseinandersetzen müssen».

Man würde diesen Politikern gern einen Blick in die gesellschaftliche Realität empfehlen. Und die sieht so aus: Wir gehen ohne weiteres davon aus, dass Menschen mit 16 reif genug sind, einen Beruf zu wählen. Wir trauen ihnen zu, miteinander und auch mit Erwachsenen Sex zu haben. Sie dürfen Wein und Bier kaufen, sie dürfen Roller fahren. Und was die Sorgen und Nöte der Erwachsenen angeht: Damit werden die Jungen tagtäglich konfrontiert.

Und wir fragen im Ernst, ob diese jungen Leute reif genug sind, um abzustimmen und zu wählen?

Staatskundeunterricht verpufft heute leider zu oft, weil die Jungen keinen Bezug dazu haben, weil ihnen das Mitspracherecht fehlt.

Abstimmen zu können, habe weniger mit dem Alter zu tun, sondern vielmehr mit der Urteilsfähigkeit, sagt der Berliner Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann: «Wie die aktuellen Ereignisse zeigen, ist schon bei den 10- und 12-Jährigen politisches Interesse vorhanden.» Junge Leute könnten von diesem Alter an einschätzen, worum es bei einem Thema geht und worauf es bei einer Wahl ankommt. Hurrelmann hat recht.

Sicher, politisch interessierte Jugendliche sind eine Minderheit, engagierte sowieso. Nur: Das ist bei den Erwachsenen nicht anders. Auch sie entscheiden mitunter aus dem Bauch heraus; Stimmbeteiligung und politisches Interesse sind auch bei Erwachsenen oft bescheiden, vom Engagement gar nicht zu reden.

Genau hier liegt eine Chance des tieferen Stimmrechtsalters. Wenn Erwachsene nicht abstimmen, hat das ja oft mit Desinteresse und fehlendem Wissen zu tun. Dem ist nur schwer beizukommen. 16-Jährige hingegen sind fast alle noch in der Schule, sei es im Gymnasium, in der Sek oder in der Berufsschule. Das heisst, sie haben Staatskundeunterricht.

Das Interesse wäre grösser

Der verpufft heute leider zu oft, weil die Jungen keinen Bezug dazu haben, weil ihnen das Mitspracherecht fehlt. Das ist, als würde man versuchen, nur mithilfe von Grafiken stricken zu lernen, und bekäme erst zwei Jahre später Wolle und Nadeln in die Hand gedrückt. Wie anders wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler schon stimmberechtigt wären, wenn Staatskunde auf dem Stundenplan steht. Wenn sie Ja oder Nein zu einer Vorlage sagen oder wählen könnten. Ihr Interesse wäre viel grösser. Das gilt umso mehr für all die Jugendlichen, die in einem unpolitischen Haushalt aufwachsen.

Sicher, ein solcher Unterricht darf die Schülerinnen und Schüler nicht auf eine bestimmte politische Richtung hin beeinflussen – aber diese Anforderung gilt heute schon. Überdies schadet es Schülern nicht, wenn die Lehrerin ihre Position klar bekundet, solange sie andere Meinungen akzeptiert. Ganz im Gegenteil: Das lehrt die Jugendlichen, offen und respektvoll zu diskutieren.

Jene, die sich so sehr gegen die engagierte Jugend und ihre Forderung, mitbestimmen zu dürfen, stellen, scheinen genau davor Angst zu haben. Dass staatsbürgerlich gebildete und engagierte junge Leute nicht mehr so einfach (ver-)führbar sind. Dass sie sich nicht mehr abspeisen lassen, sondern ihre Ideen einbringen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.03.2019, 21:18 Uhr

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