Lasst die Lehrer nicht allein

Wenn der Systemwechsel die Lehrer verheizt, leiden auch die stärkeren Schüler.

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Unterdurchschnittliche Leistungen, schwierige Lehrer-Schüler-Beziehungen, überforderte Lehrer: Die Befunde der Pilotstudie zur integrativen Förderung legen die Schwachstellen der Schulreform offen. Sie dürften Wasser auf die Mühlen der Kritiker sein, die in ­immer mehr Kantonen zum politischen Widerstand aufrufen. Ihr Ziel: Die Integration schwieriger Schüler in Regelklassen soll rückgängig gemacht, Klein- und Sonderklassen sollen wieder vermehrt möglich werden.

Es lohnt sich jedoch, auch die anderen Ergebnisse der Studie zu beachten. Die Kinder fühlen sich nach eigenen Angaben wohl in integrativen Schulen – sowohl jene mit Förderbedarf als auch jene ohne. Damit scheint ein Ziel der Reform erreicht: Beide Schülergruppen sollen profitieren; die einen von der Normalität in der Regelklasse, die anderen vom Umgang mit ­Diversität.

Die Studie zeigt aber deutlich, wer die Hauptlast derart heterogener Klassen trägt: die Lehrer. Sie müssen heute fremdsprachige, behinderte, verhaltensauffällige und lernschwache Kinder gleichzeitig unterrichten. ­Dafür werden sie nur punktuell unterstützt – in nahezu jeder zweiten Klasse von Personen, die nicht für diese Aufgabe ausgebildet sind. Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass die Lehrer die Entwicklung integrierter Schüler pessimistischer beurteilen als die Kinder selbst. Und dass die meisten über mangelnde Ressourcen klagen, um allen Kindern gerecht zu werden.

Die Haltung der Lehrer sollte nicht als grundsätzlicher Widerstand gegen die Inklusion missverstanden werden. Viele befürworten den Gesetzesauftrag – aber nicht unter diesen Bedingungen. Die Reform wurde den Schulen 2004 politisch übergestülpt, ohne sie mit ausreichend Mitteln auszustatten. In Zeiten klammer Kantonsbudgets wird sich das nicht ändern. Ein gefährliches Versäumnis: Wenn der Systemwechsel die Lehrer verheizt, leiden auch die stärkeren Schüler. Ein Indiz dafür könnten die Testresultate der Studie sein. Dieser Zusammenhang muss aber breiter geprüft werden.

Soll die Reform langfristig gelingen, müssen endlich ihre Geburtsfehler korrigiert werden. Nicht nur mit Investitionen in die Lehrerbildung, wie die Studie fordert. Sondern vor allem in deren Unterstützung durch ausgebildete Experten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2017, 22:43 Uhr

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