«Letztlich geht es um eine Ansammlung von Zellen»

Warum FDP-Politiker Felix Gutzwiller kein Recht des Staates sieht, betroffenen Paaren die Präimplantationsdiagnostik zu verbieten.

Der medizinische Fortschritt macht es möglich: Injektion eines Spermiums in eine Eizelle. (12. Mai 2015)

Der medizinische Fortschritt macht es möglich: Injektion eines Spermiums in eine Eizelle. (12. Mai 2015) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Was geschieht mit einem Embryo, der mittels Präimplantationsdiagnostik (PID) aussortiert wird?
In der Schweiz gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird der Embryo entsorgt – man muss es benennen, wies es ist – oder die Eltern lassen ihn der Forschung zukommen. Auf jeden Fall sind es sie, die entscheiden. Theoretisch gäbe es noch die Möglichkeit der Frühadoption. Paare, die ein Kind möchten, könnten ein Embryo übernehmen. Das steht jetzt aber ja nicht zur Diskussion.

Ist Ihnen nicht unwohl, wenn Embryos im Abfall landen?
Letztlich ist ein Embryo in diesem frühen Stadium eine Ansammlung von Zellen. Natürlich ist die befruchtete Eizelle eine besondere Zelle, sie hat das zumindest das Potenzial, heranzuwachsen, doch letztlich ist es ein Gewebe. Und die Medizin geht mit allen menschlichen Geweben sorgsam um.

Es gibt die Ansicht, dass in einem Embryo die Identität des Menschen bereits angelegt ist, und darum bereits schutzbedürftiges menschliches Leben vorliegt.
Ich achte alle Menschen, die sagen, eine befruchtete Eizelle sei dasselbe wie ein Mensch. In einem säkularen Staat ist die persönliche Meinung jedes Einzelnen geschützt. Umgekehrt kann aber auch niemand zur Norm erheben, was sein persönlicher Glaube ist. Der grosse Teil der westlichen Ethik geht von einem graduellen Schutzbedürfnis aus. Der Mensch entsteht nicht an einem Tag. Deshalb ist es widersprüchlich, dass bei uns heute eine befruchte Eizelle am fünften Tag besser geschützt ist als ein Fötus in der zwölften Woche.

Weil dieselben Tests während der ersten Schwangerschaftswochen erlaubt sind.
Diese Inkonsistenz ist meines Erachtens Grund genug für ein Ja. Dass man Eltern, die bereits ein behindertes Kind haben, zu einer Schwangerschaft auf Probe zwingen will, kann ich nicht nachvollziehen.

Die Theologin Ruth Baumann-Hölzle vertritt die Ansicht, es sei etwas anderes, ob sich eine Frau der Schwangerschaft verweigert, oder ob sie eine bestimmte Qualität des Nachwuchses einfordert. Das Gesetz schaffe ein Recht auf ein gesundes Kind.
Dieses Argument wird immer wieder vorgebracht, ich glaube aber nicht, dass es zutrifft. Letztlich geht es um die gleichen Untersuchungen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt werden können. Mit welchem Recht kann ein Staat diese während der Schwangerschaft erlauben, bei einem fünf Tage alten Embryo ausserhalb des Körpers aber verbieten? Dieser Widerspruch ist einfach nicht auflösbar.

Aber die Hemmschwelle, ein werdendes Kind abzutreiben, ist höher, als im Reagenzglas einen bestimmten Embryo auszuwählen.
Ja, das ist vermutlich so. Doch zu Ende gedacht, bedeutet dieses Argument, dass die Frau in eine Lage bringt, noch mehr Hemmungen zu haben. Ein Verbot so zu begründen, ist nun wirklich nicht statthaft. Zudem unterschätzt dieses Argument völlig, was es für eine Mutter, die schon ein behindertes Kind hat, heisst, eine Abtreibung durchmachen zu müssen. Für dieses Argument habe ich wenig Verständnis.

Die Vorlage zur PID erlaubt nur Tests auf die Veranlagung zu einer schweren Erbkrankheit, die vor dem fünfzigsten Lebensjahr ausbrechen wird und nicht therapierbar ist. Welche Krankheiten fallen unter diesen Begriff?
Das muss in der Ausführungsgesetzgebung noch genau definiert werden. Die Vorlage setzt aber Schranken, und das ist auch richtig so.

Es gibt Erbkrankheiten, mit denen man vergleichsweise gut leben kann – zum Beispiel mit der Bluterkrankheit. Diese fällt also nicht darunter?
Ich glaube nicht, denn es ist eine behandelbare Krankheit. Den entsprechenden Katalog wird aber ein Expertengremium erarbeiten müssen. Jedenfalls sind die vom Gesetz gesetzten Schranken gerade auch im Vergleich mit den Bestimmungen über die Pränataldiagnostik sehr restriktiv.

Wie steht es mit Krebs? Dieser wird teilweise auch durch genetische Veranlagung hervorgerufen – und ist zweifellos eine schwere Krankheit.
Man hat heute tatsächlich sehr klare Kenntnisse über die genetischen Komponenten der beiden grössten Killer – Krebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Doch diese Krankheiten sind das Resultat von Interaktionen zwischen genetischen Dispositionen, Umwelteinflüssen und dem Verhalten der Betroffenen. Die Meinung ist deshalb ganz klar, dass solche Veranlagungen keinen Grund für eine Selektion darstellen können.

Zystische Fibrose wird oft als Anwendungsfall genannt. Viele Betroffene erachten ihr Leben aber durchaus als lebenswert. Signalisiert man ihnen mit der PID nicht das Gegenteil?
Für dieses Argument habe ich schon ein gewisses Verständnis. Nur: Heute ist es immer noch eine sehr schwere Belastung, ein Kind mit zystischer Fibrose zu haben. Deshalb habe ich auch Verständnis dafür, dass eine Familie nicht ein zweites solches Kind möchte.

Gegner der PID bringen vor, dass die PID die Status der Behinderten in der Gesellschaft abwerte.
Dasselbe Argument haben die Gegner der Pränataluntersuchungen vor dreissig Jahren gebracht. Passiert ist genau das Gegenteil. Physische Barrieren wurden abgebaut, IV-Reformen durchgeführt und vielen Behinderten die schulische Integration ermöglicht und das autonome Leben in eigenen Räumen ermöglicht. Sicher kann man da oder dort noch mehr machen. Doch für eine zunehmende Diskriminierung gibt es einfach keine Belege.

Ein anderes Argument gegen die PID ist, dass gesellschaftlicher Druck entstehe, diese Möglichkeit auch in Anspruch zu nehmen.
Auch das ist ein hypothetisches Argument, und ich glaube, die bisherige Erfahrung widerlegt es. Behinderte Kinder sind heute besser akzeptiert als früher; Eltern wird eher Respekt dafür entgegengebracht, dass sie sich für ein solches Kind einsetzen. Auch die Erfahrungen in anderen Ländern zeigen nicht, dass Druck entstehen würde, kein behindertes Kind mehr zu haben.

Kürzlich stiess ich auf ein Bild, das ein spanisches Schwulenpärchen zeigte. Es freute sich über zwei Mädchen, die eine indische Leihmutter ausgetragen hatte. Ist durch die Fortpflanzungsmedizin nicht etwas Grundlegendes aus den Fugen geraten?
Die Leihmutterschaft ist in der Schweiz derzeit kein Thema; wir kennen nicht einmal die Eizellenspende. Man muss ehrlicherweise sagen, dass die Gesellschaft und ihre Haltungen sich entwickeln. Ich kann auch nicht voraussagen, was in fünfzig Jahren gilt. Ich bin aber überzeugt, dass man die Antwort auf die anderen Fragen nicht vorwegnimmt, indem man die Präimplantationsdiagnostik für zwei eingeschränkte Zielgruppen erlaubt. Ob man die Stiefkindadoption erlauben will, ob man homosexuellen Paaren generell die Adoption erlauben will, all diese Fragen müssen einzeln diskutiert werden. Es gibt das Argument des slippery slope, wonach sich eine Entwicklung, nicht mehr aufhälten lässt, wenn man erst einmal auf diesen rutschigen Abhang geraten ist. Ich bin aber überzeugt, dass dieses Bild nicht stimmt.

Gibt es denn eine Grenze, von der Sie mit gutem Gewissen sagen können, dass sie nicht überschritten werden wird?
Die Selektion von Embryos nach Eigenschaften wie Haar- oder Augenfarbe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschheit je in einen Zustand gerät, wo solche Dinge möglich wären.

Eizellenspende und Leihmutterschaft können Sie sich aber vorstellen.
Für mich stellt sich hier die gleiche Grundfrage wie bei der PID. Mit welchem Recht verbietet der säkulare Staat beispielsweise einer Verwandten oder einer Freundin einer Frau, dieser ein Ei zur Verfügung zu stellen, wenn beide sich frei dafür entscheiden? Natürlich muss die Instrumentalisierung der Frau und die Kommerzialisierung ausgeschlossen werden. Doch um entsprechende Regeln aufzustellen, ist der Staat da. Bei der Leihmutterschaft ist es ähnlich. Rigorose Schutzmassnahmen vorausgesetzt, sehe ich kein Argument dagegen, dass mich überzeugen würde. Es wäre auch falsch, aus abstimmungstaktischen Gründen nun zu sagen, mit der PID sei die Diskussion über die Fortpflanzungsmedizin erledigt. Das ist sie nicht.

Sie haben im Parlament etliche Jahre für die PID gekämpft. Ist sie Ihnen ein persönliches Anliegen?
Als Forscher war ich bereits bei der Einführung der Pränataluntersuchungen dabei. Wir haben damals Versuche zum Alfa-Fetoprotein durchgeführt, anhand dem sich ein offener Rücken oder ein schwerer Wasserkopf diagnostizieren lässt. Als noch relativ junger Arzt war ich dann Präsident des Komitees für die Fristenlösung. Der Schwangerschaftsabbruch war neben der Drogenpolitik einer der Faktoren, die mich politisiert haben. Angesichts meines grossen Interesses für bioethische Fragen und meines liberalen Menschenbildes war das Engagement für weitere Themen wie die Stammzellenforschung nur die logische Folge.

Wie stark vertreten sie die Interessen Ihres Berufsstandes in der Frage der PID?
Selbstverständlich gibt es Ärzte, die gerne mit dieser Methode arbeiten würden. Die Hauptmotivation jener Ärzte, mit denen ich in dieser Frage am meisten zu tun hatte, ist aber klar die Weiterentwicklung der Methoden, um betroffenen Paaren möglichst gut helfen zu können. Ein kommerzielles Denken steht sehr im Hintergrund.

Die Stammzellenforschung kann aus ausgeschlossenen oder überzähligen Embryos Stammzellen gewinnen. Geht es bei der PID also auch darum, Material für die Forschung zu beschaffen?
Von mir aus gesehen spielt das eine sehr sekundäre oder überhaupt keine Rolle. Wer heute in der Schweiz Stammzellenforschung betreibt, kann sich Stammzellen auch international beschaffen. Der Vorwurf, man wolle hier Rohmaterial für die Forschung gewinnen, ist absolut polemisch. Jene, die sich für die PID einsetzen, sind auch nicht selber in der Stammzellenforschung tätig.

Wurden Sie wegen Ihres Engagements für die PID stark angefeindet?
Im Parlament nicht. Als ich 2004 mit einem Vorstoss forderte, das Verbot der PID aufzuheben, überwog rasch die Grundhaltung, dass man einerseits auf das Selbstbestimmungsrecht setzen und den Leuten die Möglichkeit geben soll, vom medizinischen Fortschritt zu profitieren, andererseits aber gewisse Leitplanken zu setzen. Natürlich gab und gibt es Widerstände aus dem religiös-konservativ gefärbten Lager und links-aussen feministische Instrumentalisierungsängste. Ich erhielt aber Unterstützung aus allen Fraktionen.

Und ausserhalb des Parlaments?
Ein Schlüsselerlebnis hatte ich als Präsident des Komitees für die Fristenlösung. Ein Arzt schrieb mir damals, es sei schade, dass mich meine Mutter nicht abgetrieben habe. Wie kann man jemand anderem wünschen, abgetrieben worden zu sein, wenn man gegen Abtreibungen ist? Das ist derart inkonsistent und hat mich nur darin bestärkt, dass eine liberale Grundhaltung in diesen Fragen die richtige ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2016, 11:02 Uhr

Felix Gutzwiller

Felix Gutzwiller war Professor und Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich und gehörte von 1999 bis 2015 dem Parlament an, zunächst als National- und später als Ständerat. Die Vorlage zur Präimplantationsdiagnostik, die nun zur Abstimmung kommt, geht auf einen Vorstoss zurück, den Gutzwiller 2004 einreichte. (Bild: Keystone Gaetan Bally)

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