Leuthard geht zu ihrem Vertrauensmann in der Wirtschaft

Die Ex-Bundesrätin wechselt in den Verwaltungsrat von Coop. Dort trifft sie auf einen engen Verbündeten: Hansueli Loosli.

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Doris Leuthard hat eine neue Aufgabe. Sie wird Verwaltungsrätin von Coop und der Coop-Tochter Bell. Erst seit 56 Tagen ist sie nicht mehr Bundesrätin. Damit hat sie nicht ganz so schnell wie Moritz Leuenberger (SP), ihr Vorgänger, ein Mandat in der Wirtschaft ergattert.

Leuenberger wurde 2011 nach seinem Rücktritt Verwaltungsrat des Baukonzerns Implenia. Daraufhin beschloss der Nationalrat, dass ehemalige Bundesräte während zweier Jahre keine Mandate annehmen dürfen. Der Ständerat wollte von dieser Lex Leuenberger allerdings nichts wissen. Vor dem Zürcher hatten bereits andere Alt-Bundesräte umstrittene Aufgaben angenommen, so Ruth Metzler (CVP) beim Pharmakonzern Novartis. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Joseph Deiss (CVP) wurde Verwaltungsrat beim Milchverarbeiter Emmi, und Ex-Finanzminister Kaspar Villiger (FDP) stand der UBS als Verwaltungsratspräsident vor.

«Erforderliche Sorgfalt»

Einzig ein Passus im «Aide-mémoire für die Mitglieder des Bundesrates» befasst sich mit der Tätigkeit ehemaliger Regierungsmitglieder. Darin heisst es, Alt-Bundesräte hätten bei der Annahme von Mandaten die «erforderliche Sorgfalt» walten zu lassen und auf Tätigkeiten zu verzichten, bei denen es zu Interessenkonflikten kommen könne. Ob es solche Interessenkonflikte geben könnte und was Coop oder Leuthard dazu sagen, blieb vorerst offen. Coop liess ausrichten, für derartige Fragen sei es noch «zu früh», und eine Anfrage für eine Stellungnahme von Doris Leuthard blieb unbeantwortet.

Mögliche Interessenkonflikte gibt es: Coop ist auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen, sei es im Verkehr oder in der Energie. Umweltstandards sind für den Grossverteiler entscheidend. Leuthard kennt die Dossiers und die Akteure persönlich. Sie ist auch in den Kantonen bestens vernetzt, sei es mit Baudirektoren, auf deren Tisch Bauprojekte des Grossverteilers landen, sei es mit den Energie-, Umwelt- oder Verkehrsdirektoren für andere Infrastruktur­fragen. Weitere Interessen von Coop sind die Landwirtschaftspolitik und das Arbeitsrecht. Zusätzlich ist Leuthard international bestens vernetzt und kann den Grossverteiler auf Entwicklungen und Standards im Umweltbereich oder Freihandel aufmerksam machen.

Coop sei ein «spannendes und sympathisches» Unternehmen, liess die Alt-Bundesrätin verbreiten. Doris Leuthard sei eine «profilierte und hoch kompetente» Persönlichkeit, gab Coop-Chef Hans­ueli Loosli zurück. Doch die beiden verbindet viel mehr, als das kurze Communiqué offenlegt. Loosli, der auch Präsident der Swisscom ist, war Leuthards engster Verbündeter in der Wirtschaft.

Ein enger Verbündeter von Doris Leuthard: Coop- und Swisscom-Chef Hansueli Loosli. Archivbild: Keystone

Im August 2011 wurde er in den Vorstandsausschuss von Economiesuisse gewählt, Leuthard hatte soeben die Kehrtwende von der «Atom-Doris» zur «Sonnenkönigin» vollzogen. Der Wirtschaftsdachverband lobbyierte mit allen Mitteln gegen Leuthards neue Energiepolitik. Er gleiste 2015 noch während der Beratungen im Parlament eine Kampagne auf und plante eine Medienkonferenz, an der eine breite Koalition aus Politikern von CVP bis SVP als «Komitee für eine vernünftige und bezahlbare Energiepolitik» auftreten sollte. Dann trat der Wirtschaftsdachverband brüsk auf die Bremse – unter dem Einfluss von Loosli, wie mehrere Quellen übereinstimmend sagen. Die Kampagne wurde abgeblasen, das Lobbying eingestellt. Dafür wurde Hans­ueli Loosli – zusammen mit Coop-CEO Joos Sutter – der prominenteste Wirtschaftsvertreter im Ja-Komitee im Abstimmungskampf.

Ebenfalls 2015 drehte Loosli gemäss Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler den Wirtschaftsdachverband bei der Abstimmung über Leuthards Radio- und Fernsehgesetz. Auch da wurde der Widerstand des Wirtschaftsdachverbandes plötzlich gestoppt, die entscheidende Stimme war gemäss «SonntagsZeitung» Loosli.

Leuthard verteidigt Loosli

Dafür verteidigte Leuthard regelmässig Looslis Spitzenlohn bei der Swisscom. So 2016, als die Service-public-Initiative die Löhne der Bundesbetriebe beschränken wollte. Loosli hätte dann nicht mehr als seine Vertraute im Bundesrat verdient, rund 450'000 Franken. 2018 verdiente Loosli als Verwaltungsratspräsident des Telecomkonzerns 563'000 Franken für ein 50-Prozent-Pensum.

Leuthard darf mit einem Honorar von je rund 100'000 Franken für ihre beiden Mandate rechnen. Leuthards Rente als ehemalige Bundesrätin beträgt 226'000 Franken. Sie wird erst gekürzt, wenn die Alt-Bundesrätin mehr verdient als in ihrem früheren Job. Coop verweigerte eine genaue Angabe der Entlöhnung Leuthards.

Erstellt: 26.02.2019, 20:29 Uhr

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