Liebe Landbevölkerung, wir müssen reden

2017 macht uns Angst – weil die Dörfler bestimmen, was passiert. Der Stossseufzer eines Städters.

So nah und doch so weit: Appenzeller Sennen auf dem Weg zu einer Viehschau. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

So nah und doch so weit: Appenzeller Sennen auf dem Weg zu einer Viehschau. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Landliebe. So heisst eine der wenigen Schweizer Zeitschriften, die in den letzten Jahren steigende Auflagen verzeichneten. So lässt sich auch eine mächtige Facette des Lebensgefühls in der Schweiz, vielleicht überall in der westlichen Welt beschreiben. Auch beim Schreiber dieser Zeilen, der seit langem in der Stadt lebt. Die Jassrunden, die Männerriegen, das charakteristische Gemisch aus Diesel, ­Tannenharz und Eberdung in der Luft, die ­Schnitzel-Pommes-frites in der Dorfbeiz, der feste eigene Platz im Gefüge der kleinen Dorfwelt: Es ist nicht die Welt des Autors, und gerade darum übt sie ihren Zauber auf ihn aus, lockt ihn leise wie gehauchter Sirenengesang.

Und darum, liebe Bevölkerung vom Lande, aus enttäuschter Liebe und weihnächtlicher Nachdenklichkeit heraus: Ich verstehe dich nicht. Ich verstehe dich je länger, desto weniger. Ganz im Ernst, wir müssen reden. Ich glaube nämlich, du richtest grad an ziemlich vielen Orten auf der Welt ziemlich grossen Schaden an.

Trump, Islamismus, Ausgrenzung

Hätten in den USA nur die Städte gewählt, wäre die Welt, trotz allem, irgendwie noch in den Fugen. Wir dürften dem Jahr 2017 mit derselben resignativ-heiteren Gelassenheit entgegenblicken, die schon die letzten Jahresenden prägte. Aber du, Landbevölkerung, hast mitgewählt. Du warst es, die diese Wahl in den Maisfeldern von Iowa, den Bergen von West Virginia und den Wüsten von Texas entschieden hat. Und jetzt regiert in den USA ein Mann, der elementare bürgerliche Gewissheiten ins Wanken bringt. Der das höchstrangige Amt der Welt erringt, nachdem er Menschen in seinem Land aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres Geschlechts erniedrigt hat, der sich mit Rechtsextremen einlässt, mit dem russischen Autokraten verbrüdert. Und dem wir auch einen unbeherrschten Druck auf den Atomknopf zutrauen. Wegen dir, Landbevölkerung, macht uns 2017 Angst.

Bestünde die Türkei nur aus Istanbul und Izmir, wäre sie wohl längst eine starke Demokratie, in der Rechtsstaat und bürgerliche Freiheiten gewährleistet sind. Aber es bist du in den Dörfern Anatoliens und den gottverlassenen Ortschaften an der Schwarzmeerküste, die du die Macht des Potentaten Erdogan stützst. Du bist es, die auf sein Programm aus Personenkult, Islamismus und Xenophobie in speziellem Masse anspricht.

In Österreich bist du vor wenigen Wochen für einmal unterlegen. Grosse Städte wie Wien haben dich knapp minorisiert, den Kandidaten der rechtsnationalen FPÖ um die Präsidentschaft gebracht. Ansonsten hätte es an unserer östlichen Flanke langsam ungemütlich werden können.

Hier bei uns müssen wir mit dir am 12. Februar wieder rechnen. Einheimische, deren Pass zufällig eine andere Farbe hat als Rot, sollen etwas einfacher als bisher Teil unserer Staats­gemeinschaft werden können. Die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation ist überfällig – doch wir müssen fürchten, dass du sie ablehnst. Und kraft des Ständemehrs mit den vielen kleinen Kantonen, die du beherrschst, auch zu Fall bringst.

Wer ist hier konservativ?

Du nennst dich konservativ, traditionellen Werten zugetan. Bist du das? Im Kanton Graubünden hast du soeben die Einrichtung eines Nationalparks abgelehnt. Dabei ist Naturschutz konservativ im besten Sinn. Die jahrzehntelange Verschandelung der Täler mit Zweitwohnungen hat dich dagegen nicht gestört. Ein dunkelhäutiger Mensch, so meint man zuweilen, beeinträchtigt für dich das Landschaftsbild stärker als Chalet-Batterien.

Liebe Landbevölkerung, wir leben nahe beieinander. Wir sollten uns irgendwie wieder verstehen, zu einem gemeinsamen Wertefundament finden. Würdest du diesen Artikel hier schreiben, fiele er ganz anders, aber wohl ebenso verständnislos aus. Mit dem freilich entscheidenden Unterschied, dass du Anlass zu Optimismus hast. Es regieren an den meisten Orten der Welt die von dir bestimmten Leute und Programme. Liebe Landbevölkerung, du hast dir für 2017 eine grosse Verantwortung aufgeladen.

Erstellt: 21.12.2016, 23:20 Uhr

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