«Lieber künstlich schön als natürlich hässlich»?

Schöne Körper, schöne Gedanken: Täglich beantworten Philosophen und Philosophinnen in unserer Sommerserie Fragen zur Schönheit.

Künstlich schön: Model Valeria Lukyanova sieht aus wie Barbie. Bild: Instagram

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«Lieber künstlich schön als natürlich hässlich.» Ob dieses Credo ein spezifisch amerikanisches ist, bezweifle ich. In allen Kulturen gab und gibt es vielfältige Methoden, Prozeduren und Techniken, den eigenen Körper künstlich zu verschönern. Aber beginnen wir von vorne: «Lieber schön als hässlich?» Klar, wer würde dies schon ablehnen. «Lieber natürlich als künstlich?» Wohl auch, denn die meisten finden irgendwie, dass Natürliches besser oder wertvoller ist als Künstliches. Knifflig wird es erst so richtig, wenn man sich entscheiden soll, zwischen «künstlich schön» und «natürlich hässlich».

Das Problem fängt aber wie so oft bereits bei den Begrifflichkeiten an. Mit den Begriffen der Schönheit und der Hässlichkeit befasst sich die Ästhetik. Als philosophische Disziplin ist sie praktisch so alt wie die Philosophie selbst. Vor fast 2500 Jahren befasste sich bereits Platon mit den Grundfragen «des Guten, des Schönen und des Wahren». Sein Zeitgenosse, der griechische Historiker Thukydides, prägte den Aphorismus, dass Schönheit im Auge des Betrachters liege. Im 18. Jahrhundert kam Immanuel Kant ebenfalls zum Schluss, dass ästhetische Urteile auf sinnlichen Wahrnehmungen und privaten Empfindungen des Gefallens basieren: «Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.» Ob etwas schön oder hässlich ist, ist also ein subjektives «Geschmacksurteil».

Entsprechend hatte jedes Zeitalter seine vorherrschenden Schönheitsideale und auch heute sind diese ästhetischen Idealvorstellungen von Kultur zu Kultur völlig unterschiedlich. Im einen Kulturkreis lassen sich Frauen bevorzugt die Brüste künstlich vergrössern oder Fettgewebe absaugen; in einer anderen Kultur ist hingegen die künstliche Gesäss-Vergrösserung mittels entsprechender Implantate eine der häufigsten Schönheitsoperationen. Sind solche rein ästhetischen Operationen abhängig vom jeweiligen kulturellen Hintergrund stark umstritten, empfindet im Gegensatz dazu eine grosse Mehrheit beispielsweise die ästhetisch-chirurgische Wiederherstellung nach Verbrennungsverletzungen kulturübergreifend als unproblematisch oder sogar als wichtig. Ästhetische Eingriffe nach Verletzungen sind breit akzeptiert. Hier nähern wir uns jedoch nun einem Bereich an, wo es nicht nur um Schönheit, sondern auch um Funktionalität und Gesundheit geht.

Jeder hat sein eigenes Schönheitsideal: Bodybuilderin. Bild: Keystone/Kim Ludbrook

Beim Thema Gesundheit vertritt wohl praktisch niemand das Credo «lieber natürlich krank als künstlich gesund». Es ist selbstverständlich, dass sich die Medizin künstlicher Mittel bedient, um «natürlich» Kranke wieder gesund zu machen. Dies bringt uns zur nächsten Frage: Was bedeuten die Begriffe Natürlichkeit und Künstlichkeit und wo ziehen wir die Grenze, ob wir etwas als natürlich oder künstlich anschauen? Ist eine Nase, die chirurgisch zur Mitte hin korrigiert wurde, eine künstliche Nase? Sie enthält keine künstlichen Materialien, sondern besteht nach wie vor aus menschlichem Gewebe, aus Fleisch und Blut. Ist eine gerade Nase nicht sogar natürlicher als eine krumme? Ist die Nase erst dann eine künstliche, wenn zu ihrer Korrektur körperfremdes Material verwendet wurde? Oder ist es gar nicht das Endresultat der Operation, das als künstlich bezeichnet wird, sondern der chirurgische Prozess, der menschliche Eingriff in die naturgegebene Form des Körpers?

Auch bei der künstlichen Befruchtung oder der künstlichen Ernährung besteht das Künstliche in der äusseren Einwirkung und nicht darin, dass künstliche Substanzen oder Materialien verwenden werden. Wir können Natürliches und Künstliches auf zwei Arten voneinander unterscheiden. Wir können die Unterscheidung einerseits aufgrund der Entstehungsweise einer Sache treffen: «Künstlich» bezeichnet in diesem Sinne das, was auf menschliche Einwirkung zurückgeht und «natürlich» das, was auch ohne Mensch da wäre. Die Grenzlinie verläuft sozusagen zwischen Gemachtem und Gewordenem. Das Problem dabei ist aber, dass oft gar nicht erkennbar ist, ob etwas in diesem Sinne künstlich oder natürlich ist. Wir sehen es einer Blumenwiese nicht unbedingt an, ob sie aus genmanipulierten Blumen besteht oder nicht. Auch ein im Labor künstlich synthetisierter Duft nach Safran wäre gemäss dieser Definition nicht natürlich, obwohl er olfaktorisch nicht zu unterscheiden wäre vom aus den Blütenstempeln von Crocus sativus gewonnenen Staub.

Künstliches Gesicht: Kim Kardashian. Bild: Keystone/Andy Kropa

Ebenso wenig sehen wir einer chirurgisch korrigierten Nase auf den ersten Blick an, ob sie künstlich «gemacht» wurde oder natürlich «geworden» ist. Dies weist auf die zweite Unterscheidungsmöglichkeit hin. Wir können Natürliches und Künstliches auch anhand seiner äusseren Erscheinungsform in der Welt auseinanderhalten. Ein natürlich gewachsener Gummibaum ist bei näherer Betrachtung meistens deutlich von einem Gummibaum aus Kunststoff zu unterscheiden und wäre gemäss dieser Definition künstlich. Ist Natürliches nun grundsätzlich besser oder wertvoller als Künstliches?

In der akademischen Philosophie gilt es seit dem britischen Philosophen G. E. Moore Anfang des 20. Jahrhunderts als «naturalistischer Fehlschluss», wenn sich jemand auf die Natur beruft, um eine moralische Bewertung vorzunehmen. Es ist unzulässig, wenn Natürliches als moralisch wertvoller angeschaut wird, einzig darum weil es natürlich ist. Warum um alles in der Welt schreiben wir dem Natürlichen jedoch in unserer Alltagsmoral oft mehr Wert zu als dem Künstlichen? Eine mögliche religiöse Erklärung wäre, dass menschliche Eingriffe in die Natur noch heute mehr oder weniger bewusst als unzulässiger Eingriff in die (göttliche) Schöpfung angeschaut werden. Eine psychologische Erklärung könnte die zunehmende Verknappung des Natürlichen, des Ursprünglichen und des Unberührten in allen Lebensbereichen liefern. Wie allen knappen Gütern wird auch dem Natürlichen ein höherer Wert zugeschrieben.

Eine weitere psychologische Erklärung wäre schliesslich, dass viele natürliche Übel schon immer und meistens auch noch heute unabänderlich sind und es für das psychische Gleichgewicht günstiger ist, das Unabänderliche und Unwillkommene aufzuwerten, anstatt mit einem dauerhaften Konflikt zwischen eigenen Ansprüchen und den natürlichen Übeln zu leben. Auch wenn mögliche religiöse und psychologische Erklärungen herangezogen werden können, existieren aus ethischer Sicht keine stichhaltigen Gründe, weshalb Natürliches per se mehr Wert haben sollte als Künstliches. In diesem Sinne ist es natürlich nicht künstlich zu sagen: «Natürlich, lieber künstlich schön als natürlich hässlich!» Und was hat das nun mit Amerika zu tun? Natürlich nichts; diese Verknüpfung ist künstlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2016, 09:47 Uhr

Die Sommerserie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 27. Juli lesen Sie auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Onlineportal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

Dr. med. Dr. phil. Manuel Trachsel hat Philosophie/Ethik, Psychologie sowie Medizin studiert und arbeitet als Oberassistent am Institut für Biomedizinische Ethik und
Medizingeschichte der Universität Zürich.

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