Liechtensteins Aussenministerin abserviert

Die 43-jährige Aurelia Frick muss ihr Amt abgeben. Auch ihre Garderobe ist ein Thema.

Ein Bild der Sorglosigkeit: Aurelia Frick, Aussenministerin von 2009 bis 2019. Foto: Anne Gabriel-Jürgens (13 Photo)

Ein Bild der Sorglosigkeit: Aurelia Frick, Aussenministerin von 2009 bis 2019. Foto: Anne Gabriel-Jürgens (13 Photo)

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Am Ende fallen ihr gar die eigenen Leute in den Rücken. Einer nach dem anderen. Sie erzählen, weshalb sie ihre eigene Parteikollegin absetzen wollen. Es ist Dienstagabend, 17.45 Uhr im Landtagssaal in Vaduz, und Aurelia Frick – Regierungsrätin, Aussenministerin, Justizministerin, Kulturministerin von Liechtenstein – steht Minuten vor dem Misstrauensvotum. Das Misstrauen gilt ihr.

Ein letztes Mal legen die Parlamentarier dar, weshalb Frick nicht mehr die Richtige für ihr Amt sei. Dann wird jeder der 20 Landräte und 3 Landrätinnen aufgerufen, Ja (gegen Frick) oder Nein (für Frick) zu sagen. Ja. Ja. Ja. Ja. Es hört nicht auf, die Ja prasseln nur so auf sie nieder. Jedes Ja ein Haken, jedes Ja beendet ihre Karriere ein bisschen mehr. Sie nimmt die Schläge, ihr Blick sucht im Raum einen Punkt. «Schwierig, schwierig», sei der Moment gewesen, wird sie später sagen. 2:21 steht es am Schluss. Frick ist am Ende.

Etwas Historisches ist passiert im Fürstentum. Was mit einer Budgetüberschreitung begonnen hat, endet in einer Staatsaffäre. Und es ist nicht klar, ob sachliche oder nicht vielmehr emotionale Gründe dazu geführt haben, ob es um Fehler von Frick – oder nicht um Frick selbst ging.

Die 43-Jährige war lange ein Star auf internationalen Konferenzen, sie hat in der UNO eine systematische Beweissammlung gegen Menschenrechtsverletzungen in Syrien angeregt, sie hat mit den Aussenministern der Schweiz, Didier Burkhalter und später Ignazio Cassis, ein inniges, freundschaftliches Verhältnis gepflegt. Die Erfolge fern von der Heimat helfen ihr in diesem Moment wenig, denn nun geht es um Geld und Vertrauen. Höchste Güter in Liechtenstein.

300'000 Franken für Berater

Aurelia Frick hat zu viel ausgegeben. Um 43 Prozent überschritt sie ihr Etat bei der Öffentlichkeitsarbeit. Und um 36 Prozent bei den Reisespesen. Aus diesem Grund nimmt die Geschäftprüfungskommission (GPK) in diesem Frühjahr ihre Arbeit auf und fragt bei Frick nach. Dabei soll die Aussenministerin «vertuschend und verschleppend» gehandelt haben. Das geht so weit, dass ein wutentbrannter GPK-Chef in ihr Büro stürmt und einen Beleg verlangt. Frick schwärzt einen Beleg, gibt ihn der GPK, das Original vernichtet sie – es sei aber elektronisch abgelegt.

Die Leute in der GPK fühlen sich nicht ernst genommen, es ist der Zeitpunkt, ab dem immer mehr Interna an die Zeitungen gelangen. Zum Beispiel, dass Frick 2018 mehr als 300'000 Franken für Berater und Medientrainer ausgegeben hat. Dass sie eine Stylistin aus Zürich für ein Fotoshooting nach Vaduz (641 Franken) bestellt, dass sie in ihrem Sekretariat zwei Schränke einbaut (4600 Franken), den Betrag aber über das Konto Öffentlichkeitsarbeit abrechnet. Dass sie als Aussenministerin gerne Business fliegt und bevorzugt in teuren Hotels übernachtet. Wie im «Kempinski» während der Münchner Sicherheitskonferenz. Kosten: 1870 Euro pro Nacht. Ihr opulenter Regierungsstil wird gnadenlos politisiert.

Aus diesem Grund wird ein Sonderlandtag einberufen, um acht Stunden lang Fragen zu klären. Frick wird von Anfang an mit Fragen eingedeckt, selbst ihre Partei schont sie nicht. Strafrechtlich hat sie zwar keine Fehler gemacht, und auch jede Ausgabe kann sie erklären, doch die Summe der kleinen Fehler ergeben ein Bild der Sorglosigkeit.

Die Frage der Demut begleitet Frick seit längerem.

Als sich ihre Gegner mit einem «Das Highlight kommt noch» in die Mittagspause verabschieden, durfte man gespannt sein. Als sie dann beginnen, Fricks Leistungen in schönen Worten zu würdigen, da ahnt man den Ausgang. Und als sie ihr Ratschläge zu mehr Demut und Bodenständigkeit geben, da wird die Siegesgewissheit offensichtlich, einerseits. Und andererseits drängt sich der Eindruck auf, dass die achtstündige Fragerei im Landratssaal nur Inszenierung war – die Meinungen waren schon vorher gemacht.

Die Frage der Demut, sie begleitet Frick seit längerem. Häufig wurde die Frage auch an ihrem Kleidungsstil festgemacht. Das «St. Galler Tagblatt» schrieb einmal von einer «Ministerin mit modischem Mumm». Ihr Stil hat ihren Ruf auf den Strassen Lichtensteins geprägt, den Ruf der extravaganten Frau aus der Oberschicht. Im Januar 2018 kam sie mit einem Pelzmantel zur Landtagseröffnung, sie trug eine Prada-Tasche, eine Rolex ums Handgelenk und einen mächtigen Brillanten am Finger. Die Zeitung «Vaterland» hat Fricks Konfektion genau beschrieben und bei der Leserschaft Kopfschütteln ausgelöst. Mit Kalkül.

Die Rolle des Erbprinzen ist unklar

Denn in Liechtenstein gibt es zwei grosse Parteien. Einerseits die Fortschrittliche Bürger Partei, die FBP, die Schwarzen, die wirtschaftsfreundlichen – Fricks Partei. Andererseits die Vaterländische Union, die VU, die Roten, die sozialeren. Dazu gehört auch, dass jede Partei eine sich zugewandte Zeitung hat. Die FBP das «Volksblatt», die VU das «Vaterland». Dieses hat damals die Pelzmantelaffäre ausgeschlachtet – und auch nun fast täglich Fricks Krise bewirtschaftet. Währenddessen bemüht sich das «Volksblatt» um Zurückhaltung. Es schreibt in einem Leitartikel von einem «unfassbaren Theater», aber auch von einer «Unfairness, die Aurelia Frick entgegenschlug», und einer Treibjagd unter dem Deckmantel «Transparenz».

Transparenz war auch das grosse Thema des Sonderlandtags. Doch eine Facette blieb völlig unbeleuchtet: Die Rolle des Erbprinzen. Sein Einfluss auf die Politik ist wesentlich, er hat sogar ein Veto auf politische Entscheide. Doch bei allen Informationslecks in der Affäre, zum Thema Fürst schweigt man. Nur hinter vorgehaltener Hand wird angedeutet, dass in den vergangenen Tagen immer wieder Abgeordnete im Schloss waren und sich mit ihm besprochen haben. Offenbar soll auch der Erbprinz im Vorfeld Frick den Rücktritt nahegelegt haben. Der Erbprinz will dazu keine Auskunft geben, Aurelia Frick ebenso.

Im Moment der Niederlage wird ihre Isoliertheit im Parlament augenscheinlich. Bloss eine Landrätin drückt ihr Mitleid aus, der Rest macht einen Bogen um sie. Zum Abschied sagt Frick, die einstige Aussenministerin: «Ich wünsche meinem Land und seinem Ruf in der Welt alles Gute.»

Erstellt: 03.07.2019, 19:50 Uhr

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