«Liederlich», «arbeitsscheu» – weggesperrt

Jahrzehntelang gingen die Bündner Behörden mit Entmündigungen und Freiheitsentzug gegen Menschen vor, deren Verhalten nicht der sozialen Norm entsprach.

Zu Zwangsarbeit verurteilt: Insassen der Anstalt Realta bei der Kartoffelernte (Foto um 1950).<br />Foto: Romedo Guler (Staatsarchiv Graubünden)

Zu Zwangsarbeit verurteilt: Insassen der Anstalt Realta bei der Kartoffelernte (Foto um 1950).
Foto: Romedo Guler (Staatsarchiv Graubünden)

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Da ist zum Beispiel V. N., 19 Jahre alt, als sie mit ihrem Freund ins Ausland verschwindet, 20 Jahre alt, als sie entmündigt wird. «Von jeher sehr nervös» sei sie gewesen, heisst es im Gutachten des Psychiaters, habe «schon als Säugling und als Kleinkind enorm viel geweint», sei «auf einer pubertären Stufe stecken geblieben». Das Verhalten einer jungen Frau, die mit einem verheirateten Familienvater liiert ist, mit ihm Pläne für ein wildes Leben schmiedet, noch nicht volljährig nach Marokko auswandert, für einen Reisepass die Unterschrift der Mutter fälscht – ein solches Verhalten verlangt nach Erklärungen.

Und es verlangt nach Gegenmassnahmen. Es sind diese Massnahmen, die im Fokus der neuen, gestern veröffentlichten Studie des Kantons Graubünden stehen. Zwei Jahre lang haben die Historikerin Tanja Rietmann und ihr Team die Akten durchforstet, um die Schicksale Betroffener zu rekonstruieren. Schicksale wie jenes der V. N. im Jahr 1959: Von Marokko an die Bündner Behörden ausgeliefert, wird sie in die psychiatrische Klinik Beverin verfrachtet, aufgrund des psychiatrischen Gutachtens entmündigt und anschliessend in ein Erziehungsheim im Kanton Bern überführt. Ein knappes Jahr später setzt sie sich nach Südfrankreich ab, wird aber erneut gefasst und an Graubünden überstellt. Diesmal geht es zuerst nach Chur in die Strafanstalt Sennhof und dann in ein Heim im Kanton St. Gallen. Ihre Mutter erhält eine Rüge vom kantonalen Fürsorgeamt: Sie möge gefälligst das Vorgehen gegen die Tochter «nicht mit allen möglichen und unmöglichen Vorwürfen» ­kritisieren. «Liesse die Vormundschaftsbehörde Ihrer Tochter freie Bahn, wäre diese wohl längstens irgendwo in Frankreich zur Dirne herabgesunken.»

Männer fleissig, Frauen keusch

«Zur Dirne herabgesunken» – mitgeteilt von einer kantonalen Behörde an eine besorgte Mutter in Graubünden, anno 1961. Über ein halbes Jahrhundert später stellt sich der Kanton nun diesem Teil seiner Vergangenheit. Die von der Bündner Regierung in Auftrag gegebene Studie ist wohl die bislang breiteste ihrer Art in einem Kanton. Auf 180 Seiten wird der Umgang der Bündner Gesellschaft mit ihren Aussenseitern von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das zweite Drittel des 20. Jahrhunderts durchleuchtet.

Zutage tritt die Geschichte eines Glaubens an Autoritäten, Normen und die Formbarkeit des Charakters durch Sanktionen. Ein Glaube, der Hunderten von Menschen «empfindliche Verletzungen ihrer persönlichen Freiheit und Integrität» brachte, wie es in der Studie heisst. Als da waren: fürsorgerischer Freiheitsentzug und Zwangsarbeit. Entmündigung und Bevormundung, inklusive Verlust bürgerlicher Rechte. Oder bei Kindern: Fremdplatzierungen in Heimen oder Pflegefamilien.

Wie viele waren betroffen? Aufgrund der lückenhaften Aktenlage sind kaum mehr als Schätzwerte möglich. Doch alleine in der Arbeitsanstalt Realta, wo die Archive vergleichsweise sorgfältig geführt wurden, ist gemäss Rietmann und ihrem Team von 1000 bis 1500 administrativ Versorgten während des untersuchten Zeitraums auszugehen. 1000 bis 1500 «Arbeitsscheue», «Liederliche» und «Trunksüchtige» – so lauteten üblicherweise die Anschuldigungen, die zu einer Internierung Anlass gaben. Wobei sich nirgendwo juristisch präzise Definitionen dieser Begriffe fanden: Sie schienen für Behörden, Politik und Öffentlichkeit «ausreichend verständlich gewesen zu sein, sodass es keine genaueren Erklärungen brauchte». Arbeitsamkeit, kontinuierliche Erwerbstätigkeit, massvoller Alkoholgenuss: Das waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Erwartungen der Gesellschaft an ihre männlichen Mitglieder – verstiessen sie dagegen, konnte eine fürsorgerische Zwangsmassnahme die Folge sein.

«Liesse man Ihrer Tochter freie Bahn, wäre sie wohl längst irgendwo in Frankreich zur Dirne herabgesunken.» Schreiben des kantonalen Fürsorgeamtes

Frauen waren in Realta deutlich seltener anzutreffen. Auch ihnen gegenüber gab es gesellschaftliche Erwartungen, allerdings nicht dieselben: «Weibliches Fehlverhalten manifestierte sich in den Augen der Gesellschaft in Form von unschicklichen Kontakten zu Männern, ausserehelichem Geschlechtsverkehr, ausserehelichen Geburten oder Prostitution», heisst es in der Studie.

Verstiess man gegen eine dieser Normen, konnte es einem wie der eingangs erwähnten V. N. ergehen. Oder wie jenem Hotelier aus Scuol, der mit seinem Bruder im Dezember 1951 über eine Erbschaft stritt. Der Bruder informierte die örtliche Vormundschaftsbehörde über ein Alkoholproblem des Hoteliers, worauf der Denunzierte sogleich Besuch von zwei Polizisten erhielt: Erst brachten sie ihn zur Einvernahme, anschliessend noch gleichentags in die Klinik Beverin.

Oder es erging einem, ärger noch, wie jenem bitterarmen Ehepaar aus Rhäzüns, das die Behörden im Jahr 1955 entmündigten. Das Paar verlor die elterliche Gewalt über alle seine acht Kinder, die in der Folge an unbekanntem Ort fremdplatziert wurden. Die Mutter sei den «Aufgaben der Erziehung und Betreuung nicht gewachsen», urteilte die Vormundschaftsbehörde von Rhäzüns; die «hygienischen und moralischen Zustände in der Wohnung» seien «unhaltbar». Die Psychiater von Beverin (wohin man die Frau verfrachtet hatte) legten nach: Die Frau sei eine «deutlich debile, willensschwache, haltlose Psychopathin», die sich einer «ordinären Sprache» bediene, und werde wohl «früher oder später der Prostitution verfallen». Die Charakterisierung des «arbeitsscheuen» Ehemanns fiel kaum schmeichelhafter aus.

Inkompetenz und Versagen

Es sind nicht nur Normen, Autorität und Zwang, von denen die Geschichte des Fürsorgewesens im ländlichen Grosskanton handelt. Es geht auch um Inkompetenz und Versagen – deren Ausmass zuweilen selbst die Zeitgenossen frappierte. Die unterdotierten Vormundschaftsbehörden in den Tälern arbeiteten oft auf jämmerlichem Niveau.

1931 konstatierte der kantonale Vormundschaftsinspektor, es gebe «tatsächlich noch Vormundschaftsbehörden, die das Einführungsgesetz zum Zivilgesetzbuch und die anderen notwendigen Gesetze nicht besitzen». 1946 schilderte der neue Vormundschaftspräsident von Churwalden das Chaos, das er bei Amtsantritt vorfand: «Eine übersichtliche Ordnung der Akten bestand nicht. Die Schriftstücke befanden sich in bunter Ordnung unter- und durcheinander in Couverts. (...) Es ist heute noch unmöglich, zu sagen, wie viele Fälle unter Kontrolle unserer Behörde stehen.» Oft wurden Menschen auf dünnster rechtlicher Basis weggesperrt. Verschlimmert wurde die Situation durch eine unrühmliche Bündner Spezialität: Eine gesetzliche Bestimmung von 1906 verbot ausdrücklich, sich in einem Entmündigungsverfahren von einem Anwalt vertreten zu lassen. Es gebe Menschen im Kanton, «die zehn und mehr Jahre bevormundet sind, ohne dass die Behörde für die Bevormundung jeweils hätte einen Grund angeben können», klagte der Anwalt und sozialdemokratische Politiker Gaudenz Canova 1930. Es würden «die heiligsten Menschenrechte in bedenklichster Weise verletzt».

Es sei ein «grosser Unterschied, ob sich Behörden früherer Jahrzehnte in ihrer Praxis nicht an damals geltendes Recht hielten, oder ob das damals geltende Recht aus heutiger Sicht als ungenügend erscheint». So heisst es im Vorwort der Studie, verfasst von SP-Regierungsrat Martin Jäger. Umformuliert: Jene, die damals die Entscheide trafen, sollten nicht pauschal verurteilt werden.

Ob das die noch lebenden Betroffenen auch so abgeklärt sehen können? «Sie und ihre Angehörigen erlitten Sanktionen, die heute auch gesetzlich als Unrecht bezeichnet werden», schreiben die Historiker weiter hinten im Buch. Ihre teils traumatischen Schicksale reichten «bis in die Gegenwart hinein».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 23:39 Uhr

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