Links und gesellschaftlich liberal – ohne Widerspruch

Die frühere Zürcher Nationalrätin Lilian Uchtenhagen ist tot. Sie war die erste Frau, die für den Bundesrat nominiert wurde. Ein Nachruf.

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Sie politisierte stets mit Stil. Auch am 7. Dezember 1983, als Lilian Uchtenhagen nach der Nomination durch ihre Partei erste Schweizer Bundesrätin hätte werden sollen, blieb sie gefasst. Sie schüttelte nur kurz den Kopf über den Coup der bürgerlichen Parteien, die sich mit Otto Stich heimlich auf einen genehmen Gegenkandidaten geeinigt hatten.

Stich war Solothurner wie sie auch, im Kader von Coop wie sie später auch. Womöglich hatte sie den Coup erwartet, denn im Unterschied zu Stich war sie Teil jener «Viererbande», die den Bürgerlichen im Parlament und den Medien das Leben schwer machte und sie auch spüren liess, wenn sie sich intellektuell überlegen fühlte.

Erste Generation der profilierten Parlamentierinnen

Die doktorierte Staatswissenschafterin aus Solothurn gehörte zusammen mit der Walliser Gabrielle Nanchen oder der Schwyzer Elisabeth Blunschy zur ersten Generation der profilierten Parlamentarierinnen in Bern. Nach der Einführung des Frauenstimmrechts war sie mit ihrer Ausbildung als Ökonomin und Staatswissenschafterin eine ideale Kandidatin der ersten Stunde, fachlich versiert in den damaligen Themen: Die Schweizer Wirtschaft stagnierte erstmals so richtig nach dem Nachkriegsboom, es galt, sie mit keynesianischen Mitteln anzukurbeln. Der Schweizer Finanzplatz hatte ausserdem ein moralisches Problem mit den Diktatorengeldern auf seinen Konten – vorab in der SP wuchs die Überzeugung, dass das Bankgeheimnis in der absoluten Form Hehler und Steuerhinterzieher begünstigte.

Zur von den Bürgerlichen verhassten Viererbande gehörten neben ihr Helmut Hubacher, ihr Sitznachbar im Bundeshaus und Parteipräsident ab 1975, Andreas Gerwig, der pfeifenrauchende, geschliffene Jurist aus Basel und der Zürcher Walter Renschler, der als VPOD-Präsident den Gewerkschaftsflügel bei Laune halten musste. Die vier modernisierten die zuvor klassische Arbeiter- und Beamtenpartei und machten sie wählbar auch für den städtischen Mittelstand, dem sie allesamt angehörten. So stieg der Wähleranteil der SP auf Bundesebene erstmals über 25 Prozent, in den Stadtparteien stiegen junge Intellektuelle auf. In Zürich etwa portierte Uchtenhagen den Juristen Moritz Leuenberger schon im Alter von 26 Jahren als Präsident der Stadtpartei.

Links und gesellschaftlich liberal – ohne Widerspruch

Die Auseinandersetzung um die Regierungsbeteiligung nach dem Stich-Manöver schwächte die SP in der Folge und verringerte ihren Wahlanteil in den achtziger Jahren deutlich, bis mit Peter Bodenmann ein ähnlich versierter Stratege wie Hubacher die Partei ab den neunziger Jahren wieder in frühere Höhen führte. Im Unterschied zu heute stärkten damals Krisenjahre die Sozialdemokratie, die bereit war, dagegen staatliche Mittel für Investitionsprogramme einzusetzen und das soziale Netz auszubauen.

Lilian Uchtenhagen galt als Linke in der Partei, gleichzeitig gehörte sie zum gesellschaftlich liberalen Flügel. Das war damals kein Widerspruch, weil etwa die Liberalisierung der Drogenpolitik ein linkes Anliegen war, während die Bürgerlichen unbeirrt auf staatliche Repression setzten. Die SP-Nationalrätin war mit dem Zürcher Psychiatrieprofessor Ambros Uchtenhagen verheiratet, der sich als Fachmann für Suchtfragen an vorderster Front für die Liberalisierung stark machte.

Lilian Uchtenhagen starb am Dienstag – einen Tag vor ihrem 88. Geburtstag – in Zürich.

Schweiz war noch nicht bereit für eine Frau im Bundesrat: Die SRF-Sendung «10vor10» berichtet rückblickend am 2. März 1993 über die Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen im Jahr 1983. (Video: Youtube; SRF Archiv) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2016, 16:47 Uhr

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