Breite Allianz gegen Knatter-Töffs

Die Motorradhersteller umgehen mit einem technischen Trick die Lärmvorschriften. Nun wollen 80 Nationalräte und die Lärmliga die lauten Töffs verbieten – einmal mehr.

Geht es nach dem Willen zahlreicher Nationalräte, sollen künftig zu laute Motorräder systematisch kontrolliert werden: Polizeikontrolle im Kanton Waadt. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Geht es nach dem Willen zahlreicher Nationalräte, sollen künftig zu laute Motorräder systematisch kontrolliert werden: Polizeikontrolle im Kanton Waadt. Bild: Laurent Gillieron/Keystone Bild: Keystone

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Seit Jahren ist bekannt, dass gewisse Motorräder und Sportwagen zu laut herumfahren. 2014 hiess es in einem Bericht des Bundesamtes für Strassen (Astra), dass Motorräder systematisch mehr lärmen, als sie eigentlich dürften – und doch könne die Polizei nicht dagegen einschreiten. Wie die Astra-Untersuchungen nämlich zeigten, trickst ein Grossteil der Hersteller, um den von den Kunden gewünschten «Sound» zu erzeugen. Die Maschinen werden so programmiert, dass sie die Emissionsvorschriften einhalten, allerdings nur unter den Laborbedingungen der massgeblichen Geräuschtests.

Messungen der Kantonspolizei Zürich ergaben, dass gewisse Motorradtypen bis zu 24-mal lauter waren als erlaubt. Trotzdem lehnte vor zwei Jahren eine Allianz aus SVP-, FDP- und CVP-Nationalräten es ab, die verschärften EU-Lärmvorschriften nicht nur für frisch typengenehmigte Töffs, sondern auch rückwirkend für bereits zugelassene Motorräder anzuwenden.

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Nun stellt sich heraus, dass trotz der seit Anfang Jahr auch in der Schweiz geltenden Vorschriften sich eigentlich nichts an der Lärmsituation geändert hat. Deshalb nehmen die Töfflärmgegner einen neuen Anlauf. Der Obwaldner CSP-Nationalrat Karl Vogler und die Graubündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni haben heute je einen Vorstoss eingereicht, damit der Bundesrat «wirksame Massnahmen gegen diese offensichtlich illegalen Praktiken» einleitet. Unterstützung fanden die beiden Interpellationen bei rund 80 Parlamentariern aus fast allen Parteien. Sukkurs gibt es auch von der Lärmliga und dem Schweizerischen Städteverband (SSV).

Mitunterzeichner aus der FDP, CVP und EVP

Vogler schreibt in seiner Interpellation: «Ein einzelner Töff kann Hunderte von Menschen in ihrem Wohlbefinden einschränken. Vor allem entlang der Alpenpässe – in der empfindlichen Erholungslandschaft – ist der Lärm oft ohrenbetäubend.» Bei seiner Ratskollegin Silva Semadeni tönt es ähnlich: «Bei schönem Wetter dröhnen sie zum Vergnügen über die Alpenpässe, an Seeufern entlang, durch Täler und Dörfer. Einige fahren offenbar je lauter, desto lieber. Und sie werden immer mehr.» Immerhin sei seit dem 1.1.2016 die «Sport»-Taste, welche die Klappen bei der Auspuffanlage öffnet und so den Motorensound deutlich verstärkt, verboten. «Dieses Recht gilt nun – davon merken aber die Betroffenen nichts und werden wohl auch in Zukunft nichts merken», sagt Vogler.

Zu den über 50 Mitunterzeichnern von Voglers Interpellation gehören beispielsweise SP-Fraktionschef Roger Nordmann, GLP-Präsident und bekennender Töff-Fahrer Martin Bäumle, FDP-Nationalrat und Städteverband-Präsident Kurt Fluri, CVP-Nationalrat und Bauernverbandspräsident Markus Ritter sowie EVP-Präsidentin Marianne Streiff. Sie verlangen vom Bundesrat, Massnahmen aufzuzeigen, wie illegal abgeänderte und überlaute Motorräder härter bestraft respektive mit einfachen Mitteln erkannt und aus dem Verkehr gezogen werden können.

«Unsichtbar in Leitpfosten versteckte Messgeräte»

Da die Lärmbelästigung der Bevölkerung nach wie vor nur unzureichend erfasst würde, fragt Silva Semadeni die Landesregierung, ob sie bereit sei, tatsächliche Lärmimmissionen entlang viel befahrener Motorradstrecken auch mit neuen Messmethoden realitätsnah zu erfassen. Dabei verweist die SP-Nationalrätin auf ein Pilotprojekt in der deutschen Stadt Wermelskirchen, wo unsichtbar in Leitpfosten versteckte Messgeräte Lärmimmissionen entlang viel befahrener Motorradstrecken erfassen.

Noch expliziter wird Peter Ettler, Präsident der Lärmliga Schweiz: «Sämtliche Lärm verstärkenden Einrichtungen bei Sportwagen und an Motorrädern gehören auf Schweizer Terrain verboten.» Denn bei Sportautos im oberen Preissegment ist das Problem gleich gelagert: Mittels eines ab Werk eingebauten Knopfes lassen sich Geräuschemissionen produzieren, die weit über den europaweit für Autos geltenden Lärmgrenzwerten liegen. Die EU-Vorschriften würden im Alltagsbetrieb Umgehungsmöglichkeiten à la carte bieten, so Ettler, weshalb in einem ersten Schritt die Lärmgrenzwerte für Sportwagen und Motorräder nicht mehr ausgetrickst werden dürften. Er fordert die Polizei auf, Lärmmessfallen mit Fotoauslösern analog den Geschwindigkeits-Radarfallen zu installieren.

Kein Verständnis bei der Parlamentarischen Gruppe Motorrad

Kein Gehör für die Anliegen der Interpellanten und der Lärmliga hat SVP-Nationalrat und Mitgründer der Parlamentarischen Gruppe Motorrad Walter Wobmann: «Ich verstehe das nicht, gehen den Rot-Grünen langsam die Ideen aus?» Es sei die alte Platte, die wieder neu aufgelegt werde. «Dabei werden die Motorräder und Autos doch seit Jahren immer leiser.» Er wehre sich dagegen, dass früher legal gekaufte Autos und Motorräder nachträglich teuer umgerüstet werden sollen. «Wir werden auf jeden Fall alle entsprechenden Pläne entschieden bekämpfen», so Wobmann. Auf die Frage des «Tages-Anzeigers», warum man nicht einfach die Lärm verursachende Sport-Taste nicht ausschalte, sagt der Solothurner Nationalrat: «Die meisten Töfffahrer fahren höchstens nur ausserorts etwas lauter herum, innerorts fahren sie sowieso niedertourig, also leiser.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2016, 15:50 Uhr

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