Lochbohrer von Leibstadt kommt straffrei davon

Ein Monteur hat im Jahr 2008 Löcher ins AKW Leibstadt gebohrt. Das Verfahren gegen ihn hat die Bundesanwaltschaft inzwischen eingestellt. Doch folgenlos bleibt der Fall nicht.

Der Betriebsleiter zeigt eines der zugeschweissten Löcher in der Schutzhülle des Reaktors im Kernkraftwerk Leibstadt. Foto: Keystone

Der Betriebsleiter zeigt eines der zugeschweissten Löcher in der Schutzhülle des Reaktors im Kernkraftwerk Leibstadt. Foto: Keystone

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Der Fall gehört zu den skurrileren in der Geschichte der Schweizer Atomkraftwerke. Während sechs Jahren haben im AKW Leibstadt sechs Löcher mit einem Durchmesser von sechs Millimetern geklafft – unbemerkt. Und dies just in der Schützhülle, dem sogenannten primären Containment, einem hochsensiblen Bereich also, dessen Zutritt streng kontrolliert werden muss. Gebohrt hatte die Löcher ein Monteur einer externen Firma; er wollte so zwei neue Handfeuerlöscher aufhängen. Das war im November 2008. Erst 2014 entdeckte ein AKW-Mitarbeiter den Schaden – zufällig.

Zwar stellte der Vorfall kein Risiko für die Umwelt dar; es gelangten keine radioaktiven Stoffe nach aussen. Gleichwohl reichte die Atomaufsicht des Bundes (Ensi) Strafanzeige bei der Bundesanwaltschaft ein. Das Kernenergiegesetz sieht Strafen für Personen vor, die willentlich oder fahrlässig sicherheitsrelevante Teile von AKW beschädigen. Ins Visier der Ermittler geriet A., der Monteur der externen Firma. Doch das Verfahren ist eingestellt worden, und zwar bereits im August 2015, ohne dass die breite Öffentlichkeit darüber informiert worden ist. Die Bundesanwaltschaft bestätigt entsprechende Informationen des «Tages-Anzeigers». In der Einstellungsverfügung heisst es, es bestünden keine Hinweise, dass A. vorsätzlich die Schutzhülle beschädigen wollte. Auch habe er nicht fahrlässig gehandelt.

Wie gelangt die Bundesanwaltschaft zu diesem Fazit? A. musste nicht nur Handfeuerlöscher neu anbringen, sondern 137 alte Modelle austauschen. Beide Arbeiten unterlagen denselben Anforderungen, gebündelt im sogenannten Prozess S05. Sie gelten für Bereiche, die nukleartechnisch nicht sicherheitsrelevant sind – ein Fehler. Denn eine Neumontage im Bereich der Schutzhülle kann sehr wohl riskant sein. Die Bundesanwaltschaft resümiert denn auch, es sei «nicht bedacht worden, dass Tätigkeiten im Rahmen des Prozesses S05 eine Auswirkung auf die nukleare Sicherheit haben können». Ein korrektes Vorgehen gemäss Prozess S05 konnte den Vorfall «also nicht verhindern». Mit anderen Worten: Um die Brisanz seiner Arbeit wusste A. nicht.

Kontrollen offenbar verschärft

A. ist damit entlastet. Die Frage der Verantwortung stellt sich aber weiter. Die Umweltorganisation Greenpeace wirft dem Ensi vor, seine Aufsichtspflicht zu vernachlässigen. Die Atomaufsicht entgegnet, sie hätte den Fehler nur beim sogenannten Leckratentest entdecken können. Hierbei wird das Containment unter Druck gesetzt. Ein absinkender Druck zeigt an, dass die Schutzhülle undicht ist. Der Test findet nur alle zehn Jahre statt, zuletzt war dies laut Ensi im August 2008 der Fall, also noch kurz vor der fraglichen Löcherbohrung.

Die Schuld an der Bohrloch-Affäre gibt das Ensi den AKW-Betreibern, die im November 2014 deswegen eine scharfe Rüge kassiert haben: Noch nie habe es in einem Schweizer Reaktor eine Verletzung des primären Containments gegeben, kritisierte das Ensi und ortete organisatorische Mängel. Auf sein Geheiss müssen die AKW-Betreiber externe Mitarbeiter nun besser schulen und betreuen. Dieser Forderung kämen sie nach, versichern die Betreiber auf Anfrage. Verschärft haben sie eigenen Angaben gemäss auch das interne Kontrollsystem: So unterlägen heute alle Arbeiten für die Instandhaltung des AKW ­denselben Sicherheitsvorschriften wie Arbeiten im nuklearen Teil der Anlage. Aufgrund dieser neuen Vorgaben könne sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen. Greenpeace bezweifelt jedoch, dass die «gravierenden Lücken in der Sicherheitskultur» nun geschlossen sind. Der Fall und seine Aufarbeitung hinterliessen einen «fahlen Nachgeschmack».

Erstellt: 22.04.2016, 21:52 Uhr

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