Die Lüge als Tugend

Lügen gilt als verwerflich. Aber es gibt Situationen, in denen es ein Fehler wäre, die Wahrheit zu sagen. Gerade in der Politik.

Die lange Nase Pinocchios ist eine moralische Mahnung gegen das Lügen. Aber lügen im öffentlichen Interesse ist zuweilen ein Muss. Foto: Allstar (Disney)

Die lange Nase Pinocchios ist eine moralische Mahnung gegen das Lügen. Aber lügen im öffentlichen Interesse ist zuweilen ein Muss. Foto: Allstar (Disney)

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Zur Abstimmung über die Fernsehgebühren lasen wir im Onlinemagazin «Journal 21»: «Der Gewerbeverband lügt!» In der NZZ: «Wer lügt unverschämter? Lügenbarone hüben und drüben!» Im «Magazin» des «Tages-Anzeigers»: «Die NZZ lügt, weil die SRG gar nicht log.»

Der Vorwurf der Lüge ist inflationär, und die Politik trifft es besonders hart.

Dass aber ein Politiker lügen müsse, hat mich, noch im Amt, derart empört, dass ich gar ein Buch verfasste, um den Gegenbeweis zu versuchen. Heute, aus einer gewissen Distanz, realisiere ich, wie oft auch ich im öffentlichen Interesse die Unwahrheit sagte, ohne mir aber eines Unrechts bewusst zu sein. Die Lüge wird im Leben zwar tagtäglich gepflegt und akzeptiert, in der moralischen Diskussion aber dennoch über Gebühr geächtet.

Was überhaupt ist eine Lüge?

Eine Lüge ist das Gegenteil von Wahrheit. Aber was ist die Wahrheit? Hannah Arendt unterscheidet zwischen Vernunftwahrheiten und Tatsachenwahrheiten. Es ist also eine Tatsachenlüge, wenn Elke Heidenreich im «Literaturclub» Heidegger falsch zitiert, später aber zugibt, die Hälfte des angeblichen Zitats stamme nicht von ihm.

Wer den Kommunismus, die freie Marktwirtschaft oder eine andere Ideologie als Lüge geisselt, geht hingegen von einer Vernunftlüge aus. Er sieht seine eigene Überzeugung als einzige Wahrheit an und wünscht jeden, der ihm nicht folgt, auf den Scheiterhaufen. Lessing klärt ihn auf: «Jeder sage, was ihn Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen.»

Lüge kann nur die Unwahrheit über Tatsachen sein, die objektiv überprüft werden können. Bei komplizierteren Zusammenhängen wie der Klimaerwärmung und ihren Ursachen ist das nicht einfach, und prompt wird von «Klimalüge» gesprochen. Statt auf einer absoluten Wahrheit zu beharren, ist es viel glaubwürdiger, sich um Wahrhaftigkeit zu bemühen.

Die Grenze zwischen Tatsache und Meinung kann ohnehin nicht scharf gezogen werden. Wo wird die Schönfärberei zur Lüge? Ich habe wohl auch etwas gelogen, als ich den desaströsen Klimagipfel in Kopenhagen hoffnungsfroh lobte, um das CO2-Gesetz in der Schweiz zu retten. Jeder verheimlichte Sachverhalt wird zur Lüge, wenn die Öffentlichkeit von etwas anderem ausgeht und nicht aufgeklärt wird.

Wir belügen uns auch selbst. Wir biegen – meist unbewusst – einen Sachverhalt so zurecht, wie wir ihn gern sähen, und erleichtern so unser Gewissen. Das ist normal und menschlich, wird aber dann verwerflich, wenn die Selbstlüge weitergegeben wird. Durch Kommunikation wird sie zur Lüge. Der Populist wird also zum Lügner, wenn er gegen besseres Wissen Unwahrheiten predigt. Er ist es nicht, wenn er seine Selbst­täuschung gutgläubig vermittelt. Ein Politiker kann sich aber nicht mit Unwissen von seiner Verantwortung befreien, er muss sich um die Wahrheit kümmern. Plato beschrieb Populisten als die, «die sich mit schweinischem Behagen im Schmutze der Unwissenheit herumwälzen».

Glaubte George W. Bush an Massenvernichtungsmittel im Irak, oder log er? Die Grenzen zwischen Wissen und Verdrängen fliessen. Ich habe Italien und Deutschland als willig und zuverlässig gelobt, obwohl sie die Neat-Anschlüsse vertragswidrig nicht vorantrieben. Ich wollte so verhindern, dass die Nachbarn sich total verweigern. Die politische Aufgabe dynamisiert die Überzeugung eines Politikers. So kann es zur Pflicht werden, gegen die eigene Überzeugung mit der EU über die Personenfreizügigkeit zu verhandeln. Je ernsthafter dies getan wird, desto eher glaubt man dann tatsächlich an einen Erfolg. Ob der Rückblick zeigen wird: «Wir hätten doch wissen müssen, dass das nicht geht?»

«Jede Lüge ist eine Sünde!» Das radikale Gebot von Thomas von Aquin steht in krassem Gegensatz zur heute gelebten Moral. Die Lüge ist im Privat- und Geschäftsleben allgegenwärtig und akzeptiert, auch in der Politik.

Um unser Leben angenehmer zu gestalten, werden Tatsachen unterdrückt oder beschönigt. «Sie sehen so jung aus.» – «Wir hatten ein konstruktives Gespräch.» – «. . . in gegenseitigem Einvernehmen getrennt.» Lügen sind Schmierfett im sozialen und politischen Getriebe.

Lügen gegen die Übermacht

Wir lügen, um uns gegen Übermächtige zu behaupten. Der Informationsethiker Capurro befürwortet Lügen im Internet: Es sei sogar eine Pflicht, bei Alter, Wohnort und Geschlecht falsche Angaben zu machen, weil die sozialen Medien und Internetfirmen unsere persönliche Freiheit einschränken.

Doch die Lüge vergiftet das Vertrauen. Der damalige Rücktritt aus dem Bundesrat erfolgte nicht wegen des Telefonanrufs an den Ehemann, sondern weil dieser geleugnet wurde und Mitarbeiterinnen in die Schuhe geschoben werden wollte. Das Vertrauen im Bundesrat und in der Bevölkerung war nicht mehr da. Wie zwischen politischen oder geschäftlichen Partnern ist auch in internationalen Verhandlungen das Vertrauen rasch dahin, wenn zwischen Staaten gelogen wird. Deshalb hüten sich demokratische Staaten vor der Lüge; sie könnte ihnen nachhaltig schaden.

Zusätzlich erschweren die medialen Scheinwerfer die politische Lüge. Der Verdacht, zu lügen, schwebt ständig über der Politik, und so wird bei öffentlichen Aussagen die Vorsicht besonders gross, auch nur einen unverschuldeten Irrtum zu vermeiden. Falls aber eine Lüge geboten ist, wird sie akzeptiert. Wohlverstanden, wenn sie im öffentlichen Interesse geboten ist, nicht im Interesse des Politikers.

Zwei Tage bevor die Nationalbank den Franken vom Euro entkoppelte, verteidigte sie den Mindestkurs vehement. Das war eine Lüge. Thomas Jordan, darauf angesprochen: «Die Kommunikation ist sehr delikat. Würde man offen kommunizieren, käme es zu spekulativen Attacken auf den Mindestkurs.» Das leuchtet ein und beweist: Im öffentlichen Interesse muss zuweilen gelogen werden.

Erstellt: 10.07.2015, 22:20 Uhr

Moritz Leuenberger
Bundesrat von 1995 bis 2010

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