Luzern fühlt sich von den SBB betrogen

Den Zentralschweizern ist die Freude am Gotthard-Basistunnel vergangen. Statt sechs morgendlicher Direktverbindungen ins Tessin haben sie künftig nur noch eine.

Der Gotthard-Basistunnel ist für die Zentralschweiz kein Gewinn. Foto: Reto Oeschger

Der Gotthard-Basistunnel ist für die Zentralschweiz kein Gewinn. Foto: Reto Oeschger

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Der Fahrplanwechsel steht an – und mit ihm die volle Inbetriebnahme des längsten Eisenbahntunnels der Welt. Ab 11. Dezember wird die 57 Kilometer lange Doppelröhre von Erstfeld UR nach Biasca TI regulär für Zugkurse zwischen Nord und Süd genutzt. Derzeit fahren Personenzüge erst zu Testzwecken und in Sonderfällen durch den Neat-Tunnel. Ansonsten war die neue Verbindung unter dem Gotthardmassiv hindurch bislang dem Güterverkehr vorbehalten, seit sie Anfang Juni offiziell eröffnet wurde.

Den vollen Effizienzgewinn wird die Neat zwar erst ab Ende 2020 bringen, wenn auch der neue Ceneritunnel fertig- gestellt ist. Immerhin aber verkürzt sich die Zeit für die Reise in den Süden schon jetzt um etwa 30 Minuten. Entsprechend gross war beidseits der Alpen die Euphorie, als der Bau des Basistunnels nach zwei Jahrzehnten erfolgreich abgeschlossen werden konnte. An einen direkten Profit glaubten ursprünglich nicht zuletzt die Anrainerregionen in der Zentralschweiz und im Tessin.

Zürich und Zug gewinnen

Umso konsternierter nimmt man in der Zentralschweiz heute zur Kenntnis, was die SBB mit der Neat tatsächlich planen. Trotz Basistunnel werden die Verbindungen in den Süden ab Luzern, dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Region, nicht besser, im Gegenteil. Vielmehr soll es in Zukunft am Vormittag nur noch einen einzigen Zug geben, der die Passagiere ohne Umsteigen ins Tessin bringt. Das ist eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Status quo mit sechs morgendlichen Direktverbindungen. Deren Zahl reduziert sich über den ganzen Tag gesehen von heute 16 auf neu 7.

Die Beweggründe der SBB lassen sich in einem einzigen Satz verdichten: Luzern hat das Rennen gegen Zürich und Zug verloren. Die Bahn sei ein Massentransportmittel, und die Frühverbindungen ab Zürich würden von deutlich mehr Passagieren genutzt als jene ab Luzern, erklärt ein SBB-Sprecher. Daher wird den Zügen aus Zürich im Neat-Betriebskonzept nun der Vorzug gegeben. Wer aus Luzern anreist, muss in Arth-Goldau SZ oder Erstfeld UR umsteigen.

«Immer hat man uns gesagt: Wenn die Neat kommt, habt ihr bessere Verbindungen in den Süden.»Andrea Gmür-Schönenberger (CVP)

«Immer hat man uns gesagt: Wenn die Neat kommt, habt ihr bessere Verbindungen in den Süden – jedenfalls sicher keine schlechteren. Und das ist jetzt das Ergebnis», bilanziert die enttäuschte Luzerner CVP-Nationalrätin Andrea Gmür-Schönenberger. Auch Ständerat Damian Müller (FDP, LU) beklagt den Wortbruch seitens der SBB. Und er kündigt an, sich gegen den «absolut inakzeptablen» Fahrplan zu wehren.

Müller wie Gmür haben im Bundesparlament bereits Vorstösse eingereicht, um die SBB mittels politischen Drucks zur Umkehr zu zwingen – wenigstens auf den Fahrplan 2018 hin, da sich für 2017 kaum noch etwas ändern lässt. Die SBB missachteten die «essenzielle touristische, wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung» der Region um den Vierwaldstättersee für die Schweiz, schreibt Müller in seiner Interpellation. Die Zentralschweiz sei mit dem Tessin eng verbunden, erläutern Müller und Gmür im Gespräch: über Tessiner etwa, die in Luzern studierten oder arbeiteten, oder Innerschweizer mit Ferienhaus im Südkanton. Überdies fürchten die Parlamentarier, die Luzerner Bedürfnisse könnten auch beim künftigen Netzausbau missachtet werden.

«Nimm in Zukunft das Auto»

Für Unzufriedenheit sorgt auch das Konzept der SBB für die alte Gotthard-Bergstrecke, die nun rapide an Bedeutung einbüsst. Die bisherigen Interregio-Kurse von Zürich nach Locarno werden neu in Erstfeld enden – Göschenen etwa ist damit nicht mehr über eine Direktverbindung erreichbar. «Wer von Luzern aus einen Skiausflug nach Andermatt machen will, dem muss ich, je nach Tageszeit, vernünftigerweise raten: Nimm in Zukunft das Auto», sagt Kurt Schreiber, Präsident des Vereins Pro Bahn Schweiz. Gemäss neuem Fahrplan würde es nämlich nötig, ein erstes Mal in Arth-Goldau umzusteigen, bis Erstfeld zu fahren, dort erneut umzusteigen und in Göschenen auf die Matterhorn-Gotthard-Bahn nach Andermatt zu wechseln.

Wie es mit der Bergstrecke längerfristig weitergeht, ist offen: Die Südostbahn hat für deren Betrieb ab Ende 2017 beim Bund Interesse angemeldet; ihr Konzept wäre für die Region attraktiver als jenes der SBB.

Es obsiegte die Rentabilität

Der Fahrplan 2017 jedenfalls widerspiegelt einmal mehr den Spagat zwischen Betriebswirtschaft und Grundversorgung, der den Bundesbahnen gemäss politischen Vorgaben gelingen muss. Noch immer betreiben sie viele Linien in abgelegene Gebiete als Verlustgeschäft. Im Fall von Luzern indes obsiegte nun der Fokus auf die Rentabilität. «Und das», sagt Kurt Schreiber von Pro Bahn, «geschieht meiner Ansicht nach inzwischen deutlich zu oft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2016, 22:03 Uhr

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