«Man darf Lisa Bosia Mirra nicht als Menschenschlepperin abstempeln»

Der frühere Tessiner Staatsanwalt Paolo Bernasconi nimmt die heute wegen Menschenschmuggel verhaftete Tessiner SP-Kantonsrätin Lisa Bosia Mirra in Schutz.

Kritisiert den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen: Lisa Bosia Mirra anlässlich einer Sitzung in Chiasso.

Kritisiert den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen: Lisa Bosia Mirra anlässlich einer Sitzung in Chiasso. Bild: Keystone

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Die Tessiner SP-Grossrätin und Gründerin der Flüchtlingshilfeorganisation Firdaus Lisa Bosia Mirra ist heute in Stabio TI festgenommen worden. Ihr wird vorgeworfen, dass sie vier Migranten den illegalen Grenzübertritt ermöglichen wollte. Die 43-Jährige war laut Angaben der Tessiner Kantonspolizei für die Übernahme der vier Migranten an der Grenze verantwortlich. Bis zum Übergabepunkt auf Schweizer Boden befanden sich die vier minderjährigen Migranten afrikanischer Herkunft in einem Lieferwagen, der von einem 53-Jährigen aus dem Kanton Bern gesteuert wurde. Beide seien nun vorläufig festgenommen worden. Ihnen wird die Begünstigung eines illegalen Grenzübertritts vorgeworfen.

«Wir haben bisher keinen Kontakt mit Lisa Bosia Mirra aufnehmen können», sagt der Tessiner SP-Präsident Igor Righini auf Anfrage. Man wisse nur, was in der kurzen Medienmitteilung der Tessiner Kantonspolizei stehe. «Darüber hinaus gibt die Polizei zurzeit keine Auskunft.» Wie die Tessiner Staatsanwaltschaft heute der NZZ sagte, werde Mirra heute befragt und anschliessend würde man über die Freilassung entscheiden. Nach den Informationen des früheren Tessiner Staatsanwalts Paolo Bernasconi sei die SP-Kantonsrätin aber nicht verhaftet worden, sondern werde «nur verhört», wie er Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärt. «Die Tessiner Staatsanwaltschaft wird nun abklären müssen, ob es sich um eine illegale Einreise der afrikanischen Migranten gemäss Ausländergesetz handelt und ob Mirra dazu Gehilfenschaft geleistet hat», sagt Bernasconi weiter. Und er betont: «Man darf Lisa Bosia Mirra nicht als Menschenschlepperin abstempeln. Es war kein Menschenschmuggel, das wissen wir.» Sie sei so etwas wie die «Mutter Teresa von Como» und deshalb habe sie aus rein humanitären Gründen gehandelt.

Protestantischer Pfarrer 1974 freigesprochen

Dabei verweist Paolo Bernasconi auf einen Fall aus dem Jahre 1974. Damals wurde eine Strafanzeige gegen einen Tessiner protestantischen Pfarrer eingereicht, weil er gestanden hatte, ungefähr 400 chilenische Flüchtlinge bei illegalen Einreisen in die Schweiz geholfen zu haben. «Die Tessiner Staatsanwaltschaft hat aber das Strafverfahren eingestellt, weil der Geistliche aus humanitären Gründen geholfen hatte», so Bernasconi. Ihm seien zudem Fälle aus den vergangenen Wochen bekannt, wo die Tessiner Staatsanwaltschaft aus den gleichen Gründen eingereichten Anzeigen keine Folge geleistet hatte.

Mirra und Bernasconi kritisierten Tessiner Flüchtlingspolitik

Die SP-Grossrätin Bosia Mirra war erst am Mittwoch auf einer Medienkonferenz in Chiasso öffentlich aufgetreten. Sie hatte dabei den Umgang mit den minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen an der Schweizer Südgrenze kritisiert. Paolo Bernasconi erstellte einen Bericht zuhanden von Bundesrat und UNHCR, indem er ebenfalls die Flüchtlingspolitik im Tessin kritisiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.09.2016, 17:32 Uhr

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