«Man kann jeden Rückfall eines Straftäters verhindern»

Der forensische Psychiater Marc Graf sagt, weshalb der Preis für absolute Sicherheit vor Wiederholungstätern wie Fabrice A. zu hoch wäre.

Extrem gefährlich und aus heutiger Sicht nicht therapierbar: Fabrice A. dürfte aufgrund der Gutachten trotzdem kaum lebenslänglich verwahrt werden.

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Vergangene Woche wurde in Frenkendorf (BL) eine 64-jährige Frau erstochen. Nun zeigt sich: Der Täter hatte 1994 in Hägendorf (SO) bereits zwei Menschen getötet und wurde zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Vier Jahre nach seiner Entlassung, noch während der Probezeit, tötete er seine Ex-Freundin. Die Medien berichteten gestern Mittwoch darüber.

Am selben Tag gelangen Details aus den forensischen Gutachten eines anderen Wiederholungstäters an die Öffentlichkeit: Fabrice A., der verurteilte Vergewaltiger, der 2013 während eines Freigangs in Genf seine Sozialtherapeutin Adeline M. tötete. Die «Tribune de Genève» berichtete, Gutachter würden ihn als extrem gefährlich und derzeit nicht therapierbar beurteilen – doch ob er dauerhaft nicht therapierbar ist, lasse sich offenbar nicht sagen. Die Voraussetzungen für eine lebenslange Verwahrung sind damit nicht gegeben. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wollte von Marc Graf, Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Basel und Klinikdirektor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, wissen, warum Gutachter selbst bei diesen Tätern keine dauerhafte Untherapierbarkeit sehen.

In Frenkendorf wurde eine Frau von einem verurteilten Doppelmörder getötet. Wie bei jedem rückfälligen Täter fragt man sich: Hätte der Tod eines Menschen verhindert werden können?
(zögert) Ja.

Wie bitte?
Man kann jeden Rückfall eines Straftäters verhindern. Wenn wir bereit sind, jeden Straftäter bis zu seinem Tod einzusperren, gibt es keine Rückfälle mehr. Das gilt auch für andere Bereiche: Wenn wir jedem Autofahrer, der zu schnell fährt, den Fahrausweis auf Lebzeiten entziehen, dann würden wir die Zahl von Todesopfern im Strassenverkehr signifikant reduzieren.

Sie vergleichen Verkehrsdelikte mit Tötungsdelikten. Das ist zynisch.
Nein, ist es nicht. Alleine die Verhältnismässigkeit zeigt, dass diese Analogie nicht zynisch ist. 2014 starben 243 Menschen im Verkehr und 41 durch Tötungsdelikte. Davon wurden die meisten im häuslichen Bereich begangen, nur für einen kleinen Teil waren Wiederholungstäter verantwortlich. Es geht mir um den Mechanismus. Man könnte sehr viele Menschenleben retten, wenn man die Rechte der Autofahrer einschränken würde. Dasselbe gilt für Opfer häuslicher Gewalt und unzählige andere Bereiche. Und man hätte auch das Delikt in Frenkendorf verhindern können. Die Frage ist, zu welchem Preis.

Was extrem gefährliche Straftäter betrifft, ist das Schweizer Volk offenbar gewillt, den Preis zu zahlen. Immerhin hat es 2004 die Verwahrungsinitiative angenommen.
Das Volk besteht aus Individuen, und ein signifikanter Anteil davon ist schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Dann erwarten wir Milde, dann pochen wir auf Rechtsstaatlichkeit, machen unser Recht auf ein faires Verfahren geltend. Wenn ich aufgrund einer falschen Anschuldigung im Gefängnis bin, dann bestehe ich auf das Recht, meine Unschuld beweisen zu können. Es ist immer die Frage, welche Position wir einnehmen.

Gutachter bezeichnen Fabrice A. als extrem gefährlich und nicht therapierbar, aber trotzdem sprechen sie sich nicht für eine lebenslange Verwahrung aus. Ist diese Massnahme nicht exakt für manipulative Wiederholungstäter wie Fabrice A. gedacht?
Sie verlangen von einem Gutachter, dass er eine Empfehlung zugunsten einer lebenslangen Verwahrung ausspricht? Das wäre absolut falsch, denn ein Mediziner hat dazu weder die Ausbildung noch die Legitimation. Ob ein Verwahrter in regelmässigen Abständen neu beurteilt werden soll oder nicht, ist eine Frage der Güterabwägung. Und eine solche vorzunehmen, ist Sache des Richters und nicht des Mediziners. Ein Beispiel: Wenn ein geistig behinderter Mann in der Öffentlichkeit vor Kindern onaniert, dann stellt sich die Frage, ob er gefährlich ist oder nicht. Das ist keine medizinische Frage, sondern eine Güterabwägung. Der Mediziner kann nur sagen, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass er in Zukunft ähnliche oder schwerere Delikte begehen wird. Ob er ein Risiko für die öffentliche Sicherheit darstellt, entscheidet das Gericht. Wir liefern dafür die Grundlagen.

Und das Gesetz verlangt, dass ein Täter nur lebenslänglich verwahrt werden darf, wenn zwei unabhängige Gutachten zum Schluss kommen, dass er «dauerhaft nicht therapierbar ist». Warum geschieht das so selten?
Weil wir das schlicht nicht sagen können. Wir können nicht vorhersagen, ob ein heute gemeingefährlicher Täter auch als 75-Jähriger noch gefährlich ist. Genauso wenig wie wir mit absoluter Sicherheit sagen können, dass wir eine Krankheit therapieren können oder eben nicht. Die Medizin arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Wenn Sie an einem bestimmten Tumor leiden, kann ich Ihnen sagen, dass 80 Prozent der Menschen mit demselben Tumor innert drei Monaten sterben. Aber eine absolute Sicherheit für eine Prognose gibt es in der Medizin so gut wie nie.

Aus Sicht der Bevölkerung bedeutet der Verzicht auf eine lebenslange Verwahrung von Straftätern wie Daniel H., Markus W. oder Fabrice A., dass ihr Anspruch auf Sicherheit weniger wiegt als die Rechte des Täters. Verstehen Sie das?
Es geht nicht um die Rechte des Täters, sondern um die Rechte der Menschen. Rechte gelten für alle oder für niemanden, ohne dieses Prinzip gibt es keine Rechtsstaatlichkeit. Ich weiss, das ist schwierig zu vermitteln, aber vielleicht hilft ein Vergleich: Es gibt viele Kinder, die zu Hause misshandelt werden. Wir können diese Zahl reduzieren, wenn wir Eltern bei jedem Verdacht auf nicht adäquate Betreuung das Sorgerecht entziehen. Nur würden dann Kinder ihre Eltern verlieren, bei denen zwar ein Verdacht bestand, die ihre Kinder aber nie misshandelt hätten. Der Punkt ist, dass wir uns durchaus vorstellen können, in diese Lage zu kommen. Wenn wir über Verwahrung diskutieren, dann tun wir das aus einer Überzeugung heraus, selbst nie davon betroffen zu sein.

Die Annahme von Initiativen wie der Pädophileninitiative, der Unverjährbarkeitsinitiative und der Verwahrungsinitiative zeigt, dass das Volk mehr Sicherheit will und bereit ist, dafür ein Stück Rechtstaatlichkeit aufzugeben. Wann wissen wir, dass wir das richtige Mass zwischen Sicherheit und Rechtstaat gefunden haben?
Paradoxerweise wollen wir möglichst viel öffentliche Sicherheit, aber gleichzeitig auch möglichst viel individuelle Freiheit. Ich glaube nicht, dass es ein richtiges Mass gibt, das Pendel wird immer hin- und herschwingen. In Frankreich zum Beispiel hat man nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» den Datenschutz weitgehend aufgehoben, um die Sicherheit zu erhöhen. Der Preis ist ein gläserner Bürger, doch die Attentate vom vergangenen Wochenende konnten trotzdem nicht verhindert werden. Das zeigt: In Krisensituationen neigen wir dazu, ein fein austariertes System aus dem Gleichgewicht zu bringen, ohne uns im Klaren darüber zu sein, was wir gewinnen und was wir verlieren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2015, 20:13 Uhr

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Marc Graf ist Professor für forensische Psychiatrie an der Universität Basel und Klinikdirektor der Forensisch-Psychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Er studierte Humanmedizin in Basel und ist seit 1996 in der forensischen Psychiatrie tätig. Er ist Mitglied der Zentralschweizer Fachkommission zur Beurteilung gemeingefährlicher Straftäter.

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