Man kennt sich – und ist sich doch fremd

Der jüdische Tourismus hat in Arosa Tradition. Dieser Sommer verlief aber ungut. Die Gemeinde zieht jetzt ihre Lehren daraus.

Jüdische Gäste geniessen den Sommer in Arosa. Foto: Marco Hartmann («Südostschweiz»)

Jüdische Gäste geniessen den Sommer in Arosa. Foto: Marco Hartmann («Südostschweiz»)

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Der Herbst kündigt sich an in Arosa: Diese Woche geht die Hochsaison zu Ende, auch im Hotel Metropol. Das koschere Haus ist mit ein Grund dafür, dass die Bündner Feriendestination bei orthodoxen jüdischen Gästen sehr beliebt ist. Seit Jahren verbringen viele ihre Ferien hier oben. In der Regel verlaufen die Saisons so beschaulich, wie es zum ruhigen Bergdorf passt. Doch diesen Sommer herrschte Aufregung.

Alles begann mit einer kleinen Notiz und führte zu einem weltweiten Shitstorm: «An alle jüdischen Gäste», schrieb die Abwartin einer Ferienunterkunft. «Bitte gehen Sie duschen, bevor Sie den Pool benutzen.» Der Rest ist Geschichte. Das Bergdorf erhielt so viel Aufmerksamkeit wie seit langem nicht mehr.

Es ist nicht das öffentliche Interesse, das sich die Gemeinde erhofft hatte. Tourismusdirektor Pascal Jenny bezeichnet den Vorfall rückblickend denn auch als Worst Case: «Ganz Arosa wurde in die antisemitische Ecke gedrückt.» Selbst Hotels, die nichts mit dem Vorfall zu tun hatten, wurden auf Tripadvisor als rassistisch bezeichnet. Er persönlich habe über hundert Hassmails und Anrufe erhalten, sagt Jenny.

Das Schild, das am Anfang der ganzen Geschichte stand. Foto: PD

Die Gemeinde hat nun reagiert. Für Oktober, nach Abschluss der Sommersaison, kündigt sie einen Kurs an, der das gegenseitige Verständnis fördern soll. «Wir müssen uns mehr mit der jüdischen Kultur vertraut machen», sagt Tourismusdirektor Jenny. Eingeladen sind einheimische Gastronomen, Hoteliers und Ladenbesitzer, aber auch jüdische Vertreter wie etwa die Familie Levin, die das Hotel Metropol betreibt.

Ebenfalls reagiert hat der Schweizerische Israelitische Gemeindebund. Er lancierte die Sensibilisierungskampagne Likrat Public: «Jüdische Kunden besser verstehen». «Uns geht es darum, Missverständnisse und Vorurteile abzubauen – auf beiden Seiten», sagt Generalsekretär Jonathan Kreutner. Es gehe zum Beispiel darum, einem Hotelier zu erklären, weshalb religiöse Juden am Samstag keinen Schlüssel mitnehmen oder den Lift nicht benützen. «Der Knackpunkt besteht darin, dass der jüdische Gast seine religiösen Regeln befolgen kann, für den Gastgeber jedoch kein Extraaufwand entsteht.» Letzte Woche fand ein erster Kurs in Davos statt. Im Dorf, wo sich ein weiteres koscheres Hotel befindet. Schweizweit sind es nur noch zwei. In den 80er-Jahren waren es noch sechs.

Kulturelle Spannungen

Die koscheren Hotels leiden wie die gesamte Hotelbranche unter Gästeschwund. Die jüdischen Besucher bleiben nicht ganz aus, doch sie weichen auf günstigere Alternativen aus – Ferienwohnungen oder Airbnb. Die Besitzerin einer Feriensiedlung stellte kulturelle Spannungen fest. «Ich kenne einige Vermieter, die keine jüdischen Gäste mehr aufnehmen», sagt die Frau, die anonym bleiben will. Sie bezeichnet den Umgang als «gewöhnungsbedürftig». Sie selbst habe Jahre gebraucht, um «die jüdischen Bräuche» zu verstehen. Auch heute lerne sie noch dazu. «Ein jüdischer Familienvater wollte mir die gesamte Wohnung abkaufen», sagt die Frau. Allerdings nur für die Dauer des Sabbats und für einen symbolischen Betrag. Es sei ihm wichtig gewesen, den Ruhetag in der «eigenen Unterkunft» abzuhalten.

Die vielen Medienanfragen in dieser Sommersaison haben das Dorf verunsichert. Die Gemeinde schrieb in der Folge ein Mail an alle Ladenbesitzer, Gastronomen und sonstigen Gewerbetreibenden in Arosa. Darin betonte sie, dass sämtliche Kommunikation zum Vorfall nur noch über das Tourismusbüro laufen solle. Ein Maulkorb, der verhängt wurde, «um noch Schlimmeres zu verhindern», sagt Tourismusdirektor Jenny. Die Bevölkerung hält sich grossmehrheitlich an die Aufforderung und spricht nicht mehr über den Fall.

Dass das Zusammenleben von Juden und Einheimischen nicht immer im Einklang verläuft, wird zwischen den Zeilen spürbar. Eine Frau führt eine Konditorei, die gleich neben dem Metropol liegt. Sie erklärt, weshalb sie keine koscheren Produkte verkauft: «Gewinne ich die orthodoxen Juden, verliere ich Stammkunden.» Köbi Meier hingegen heisst die jüdischen Gäste willkommen. Seit 25 Jahren führt er als Kutscher Touristen durch Arosa. «Wir können froh sein, dass wir die jüdischen Gäste noch haben.» Diesen Sommer habe es wieder angezogen, rund ein Drittel seiner Gäste seien jüdisch. «Sie sind distanziert, aber freundlich», sagt Meier.

Eine kleine Parallelwelt

Im Dorf scheint derweil alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Viel Schwarz und Weiss ist auf den Strassen zu sehen: Es sind die traditionellen Kleider der orthodoxen Juden. Zahlreiche Gäste sind inzwischen abgereist. Etwa nach Jerusalem, Tel Aviv, Zürich oder Antwerpen, wo viele der streng orthodoxen Juden herkommen. Unter den Abreisenden ist auch die Familie Steinberg. Ein dunkel gekleideter Tross, der sich vor leuchtendem Alpenpanorama langsam Richtung Bahnhof bewegt. Drei Generationen, sechs Familienmitglieder und doppelt so viele Koffer im Schlepptau.

Die Familie wohnt seit Generationen in Zürich. Sie kämen nach Arosa, «weil es schön ist», sagt Vater Steinberg. Seit vielen Jahren schon. Mit der Lokalbevölkerung komme die Familie selten in Kontakt, ausser mit den Gastgebern im Metropol. Doch das sind ebenfalls Juden. Die Familie Levin führt das Hotel seit 83 Jahren nach dem koscheren Prinzip. Eine kleine jüdische Parallelwelt inmitten der von Trachten, Kuhglocken und Salsizplättli geprägten Alpenidylle. Von aussen kaum sichtbar: eine Synagoge und die Mikveh – ein Tauchbad für die rituelle Reinigung. Die Juden und die Einheimischen von Arosa: Sie kennen sich schon lange, seit zahlreichen Saisons. Dennoch sind sich die meisten fremd geblieben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2017, 21:22 Uhr

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