«Man muss nicht dem klassischen Soldatenbild entsprechen»

Das US-Militär öffnet sich für Transgender. Wie geht die Schweizer Armee mit diesem Thema um? Dazu Militärpsychologe Hubert Annen.

Eine der letzten Barrieren beim Zugang zum US-Militärdienst fällt: Ab sofort sollen Transgender offen den Soldatenberuf ausüben können.

Eine der letzten Barrieren beim Zugang zum US-Militärdienst fällt: Ab sofort sollen Transgender offen den Soldatenberuf ausüben können. Bild: Ints Kalnins/Reuters

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Auf welchem Stand ist die Schweizer Armee beim Thema Transgender?
Der Umgang im Militär mit solchen Themen ist sehr pragmatisch. Wir sind eine Milizarmee und damit ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es ist völlig normal, dass da Menschen aller Facetten zusammenkommen. Bei der Rekrutierung gibt es grundsätzliche Tauglichkeitskriterien, die sexuelle Ausrichtung, oder ob jemand Transgender ist, ist kein expliziter Bestandteil davon.

War das schon früher so? Wann hat sich der Umgang mit solchen Themen geändert?
Konkret in den Jahren 2005, 2006. Damals ist eine Gruppe von homosexuellen Offizieren, die Queer Officers Switzerland, an den damaligen Chef der Armee herangetreten und hat gefordert, das Thema auf den Tisch zu bringen. Daraufhin wurde das Konzept des Diversity Management entworfen.

Was muss man sich darunter vorstellen?
Es soll beim Umgang mit unterschiedlichen Meinungen oder Einstellungen helfen. Das Diversity Management ist generell auf den gewinnbringenden Umgang mit Vielfalt ausgerichtet: Dazu gehören neben Gender auch verschiedene sexuelle und religiöse Ausrichtungen sowie unterschiedliche Herkunft.

Und wie wird das Konzept umgesetzt?
Der Befehl für das Diversity Management ist seit Anfang 2009 in Umsetzung. Bei uns in der Militärakademie werden die angehenden Berufsoffiziere darin geschult, aber auch in der Milizkaderausbildung wird dieses Thema behandelt. Es sind ja primär die Vorgesetzten, die wissen müssen, wie sie mit solchen Themen umgehen sollen. Ein Offizier in der Rekrutenschule muss einen Plan haben, wenn einer kommt und sagt, er habe Ramadan und könne den Tag durch nichts essen. Deshalb ist es wichtig, dass man in den Führungslehrgängen mit Fallbeispielen auf solche Themen eingeht.

Muss der Vorgesetzte mit einem Transgender denn anders umgehen?
Nein, aber je nach Fall würde zusammen mit dem Vorgesetzten und allenfalls unter Beizug des Psychologisch-Pädagogischen Dienstes geschaut, ob eine individuelle Lösung gefunden werden kann. Bei den wenigen Frauen im Militär müssen manchmal auch Ausnahmen gemacht werden. Grundsätzlich versucht man aber, Diversity-Themen nicht unnötig aufzubauschen und im Rahmen des normalen militärischen Ausbildungsalltags einen gangbaren Weg zu finden.

Wo sehen Sie die Vorteile der Integration aller ins Militär?
Unabhängig vom Hintergrund oder von Spezifitäten, die ein Mensch hat, bringt jeder eine bestimmte Qualität mit, die er im Idealfall zugunsten des Militärs einsetzen kann. Man muss nicht dem klassischen Soldatenbild entsprechen, damit man für unsere Armee einen wertvollen Beitrag leisten kann. Zudem ist es eine Frage der Wehrgerechtigkeit, dass alle den Dienst leisten dürfen und aufgeboten werden.

Welche Schwierigkeiten bringen Diversity-Themen mit sich?
Es ist sicher sehr anspruchsvoll für die Führung. Das sieht man nur schon, wenn es zwei oder drei Frauen in einem Zug hat, die eigene Unterkünfte und Duschen brauchen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Ausgrenzung ein Problem sein könnte. Die betroffene Person könnte in der Gruppe nicht akzeptiert werden, wenn die Unterschiede zu gross oder gewisse Attribute zu offensichtlich sind.

Wo sehen Sie bei der Schweizer Armee noch Verbesserungsbedarf in diesem Bereich?
Es hat sehr viel mit der Grundhaltung des Einzelnen zu tun. Eine gewisse Offenheit, die Akzeptanz verschiedener Meinungen ist Voraussetzung für einen respektvollen Umgang mit Transgender oder Menschen, die eine andere sexuelle Ausrichtung haben als man selbst. Das versuchen wir mit angehenden Offizieren zu trainieren. Schliesslich widerspiegelt eine Milizarmee die zivile Gesellschaft, und im Idealfall lernt man so auch etwas fürs zivile Leben. Ob die Integration dann in jedem Fall gelingt, sei dahingestellt. Indem entsprechende Weisungen existieren und das Thema Bestandteil der Führungsausbildung ist, geht die Schweizer Armee aber zweckmässig mit solchen Themen um.

Erstellt: 01.07.2016, 12:08 Uhr

Hubert Annen ist Dozent für Militärpsychologie und -pädagogik an der Militärakademie der ETH Zürich. (Bild: vtg.admin.ch)

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