«Man sollte ehrlich sagen: ‹Papi hat eine neue Freundin›»

Kinderpsychologin Heidi Simoni sagt, was sich mit dem neuen Unterhaltsrecht verbessert.

«Eltern sollten Selbstreflexion vorleben»: Heidi Simoni, Direktorin des Marie-Meierhofer-Instituts in Zürich. Foto: Raisa Durandi

«Eltern sollten Selbstreflexion vorleben»: Heidi Simoni, Direktorin des Marie-Meierhofer-Instituts in Zürich. Foto: Raisa Durandi

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Wenn Trennungseltern nicht allein klarkommen, helfen Sie. Was wollen Kinder in solchen Situationen?
Sie wollen verstehen, worum es geht. Und sie brauchen Zuversicht. Es gibt Eltern, die verheimlichen ihren Kindern lange, dass eine Trennung im Raum steht. Das ist für Kinder schlimm, weil sie spüren, dass etwas Gravierendes geschehen wird. Sie brauchen nicht fertige Lösungen, aber ein Signal: Wir schaffen das. Es ist eine grosse Herausforderung, sich als Vater oder Mutter richtig zu verhalten, wenn man als Mensch am Rotieren ist. Aber es ist ein Fehler, zu meinen, man schütze das Kind, indem man es schont. Tatsächlich lässt man es dann mit seinen Sorgen und Fragen allein.

Sollen Kinder in Beziehungssachen einbezogen werden?
Sicher nicht in die Irrungen und Wirrungen der Paarbeziehung. Die Eltern sollten dem Kind aber auch nicht einfach sagen: Mit dir hat das gar nichts zu tun. Denn das stimmt oft nicht. Sie sollten Selbstreflexion vorleben und beispielsweise sagen: «Ich bin jetzt traurig und wütend auf Mami oder Papi. Aber das ist unser Streit, so wie du manchmal mit deinem Freund streitest.» Unfair ist es, wenn man stockeifersüchtig ist und deshalb nicht will, dass das Kind länger beim Papi ist – jedoch so tut, als ginge es um das Kind. Wenn beispielsweise einer von beiden einen neuen Partner hat, wallen oft die Gefühle nochmals hoch. In solchen Situationen sollte man ehrlich sein und sagen: «Papi hat eine neue Freundin. Das macht mich wieder traurig, weil ich gern mit ihm zusammen wäre. Aber du darfst sie trotzdem kennen lernen. Ich komme an diesem Abend gut allein zurecht.» Es gibt widersprüchliche Gefühle und Wünsche, nicht nur bei Trennungen. Eltern sollten vor den Kindern dazu stehen.

Wenn Vater und Mutter je meinen, das Kind habe es am besten bei ihnen. Wie finden Sie heraus, wo es das Kind besser hat?
Wir reden mit dem Kind und seinen Eltern oder begleiten das Kind, wenn es mit dem Vater und mit der Mutter zusammen ist. Das vermittelt einen Eindruck der Beziehungen und zeigt etwa, ob sich das Kind beim einen oder anderen Elternteil übermässig anpasst. Eine Stärke des neuen Familienrechts ist: Weder Mutter noch Vater haben die Hoheit, zu entscheiden, was für das Kind richtig ist. So verstehe ich auch den sogenannten Zügelartikel. Der obhutsberechtigte Elternteil kann nicht mehr einfach wegziehen und das Kind mitnehmen. Allerdings darf der andere ohne weiteres wegziehen. Das wird zwar rechtlich begründet, ist jedoch mit Blick aufs Kindeswohl höchst fragwürdig.

Aber wer bekommt recht, wenn die Standpunkte weit ­auseinanderliegen?
In diesen Fällen möchte ich Begründungen hören, und zwar mit Fokus auf das Kind. Der Platz, den das Kind in diesen Begründungen hat, ist ein wichtiger Indikator. Ich bitte Eltern jeweils darum, die Vor- und Nachteile ihres Wunscharrangements aufzuzählen sowie diejenigen des anderen Elternteils. Dann wird es spannend. Manche leiten zwar – verständlicherweise – Wasser auf ihre Mühlen, lassen sich aber dennoch darauf ein und kommen zu neuen Erkenntnissen. Sie sind dann zu Kompromissen bereit. Es gibt aber Eltern, die sich schlicht weigern, sich auf diese Denkaufgabe einzulassen. Sie sind überzeugt zu wissen, was für das Kind stimmt. Das ist meistens höchst verdächtig.

«Was dem Kind in Notsituationen hilft, sind andere Bezugspersonen. Nachbarn, Gotte, Grossvater. Sie ermöglichen ein Leben neben dem Elternstreit.»

Kinder sollen vermehrt angehört werden, auch kleine. Sind ihre Aussagen konsistent?
Kinder sind beeinflussbar und von ihren Bezugspersonen abhängig. Das sind wir Erwachsenen manchmal auch – mehr, als wir uns eingestehen. Schon kleine Kinder haben aber durchaus eigene Vorstellungen. Manchmal wollen sie zwei Sachen gleichzeitig. Mehr beim Papi sein und gleichzeitig mehr auf dem Spielplatz, also bei Mami. Das ist nicht Wankelmut, sondern zeigt, dass ein Kind erst lernen muss, mit widersprüchlichen Wünschen umzugehen. Die Erwachsenen sollten sich hüten, ihm Unvereinbares zu versprechen. Wenn sie versuchen, es damit auf ihre Seite zu ziehen, ist das schlicht Manipulation.

Wie gut sind Richter darin, sich in Kinder einzufühlen?
Manche können das sehr gut, viele lassen sich darin weiterbilden. Manche Richter finden: Ich kann es super mit Kindern, ich habe selber welche. Sie reden dann aber mit dem Kind eine halbe Stunde lang über das Fussballtraining und nicht über den Kern der Sache. Andere trauen sich gar nicht zu, mit Kindern reden. Da fragt man sich: Warum können sie es mit Erwachsenen? Beides ist lernbar. Die Entschlossenheit der ­Gerichte, Kinder anzuhören, ist noch durchzogen. Wir raten Gerichten und Behörden, die Anhörungen selber durchzuführen. Denn die Person, die entscheidet, sollte einen direkten Kontakt zum Kind gehabt haben. Und das Kind sollte diese Person kennen lernen.

Was, wenn Eltern partout nicht kooperieren?
Die meisten Trennungseltern finden eine Lösung. Bei wenigen ist das Verhältnis so verkrustet, dass die Hauptarbeit darin besteht, den ehrlichen Blick auf das Kind frei zu machen. Wenn Eltern sich dauerhaft nicht verständigen können, ist das Kind in einer Notsituation. Wenn die Wogen bei einer Trennung hochgehen, ist das eine schwierige Lebensphase wie andere auch. Doch wenn der Streit chronisch wird, in Feindschaft mündet und Konflikte über das Kind ausgetragen werden, ist das eine schwere Hypothek. Was dem Kind in solchen Situationen hilft, sind andere Bezugspersonen. Nachbarn, Gotte, Grossvater. Sie können Zuversicht signalisieren und ein Leben neben dem Elternstreit ermöglichen.

Sie preisen das neue Familienrecht. Was bringt es konkret?
Das gemeinsame Sorgerecht sowie das neue Unterhaltsrecht gehen in die richtige Richtung. Die Interessen des Kindes rücken in den Vordergrund, unabhängig vom Zivilstand. Und es wird vom unhinterfragten Primat der Mutter abgerückt. Das revidierte Gesetz distanziert sich vom reinen Ernährer-Haushälter-Modell und erlaubt eine differenziertere Betrachtung dessen, was ein Kind braucht. Es gibt viele mögliche Formen des Aufwachsens und familiären Zusammenlebens. Was Kinder unabhängig davon brauchen: Erwachsene, die sich Zeit nehmen, Zuwendung und materielle Sicherheit.

«Gesetzliche und wirtschaftliche Bedingungen privilegieren immer ein Familienmodell gegenüber anderen.»

Sind Kinder heute finanziell bessergestellt?
Das neue Recht macht deutlicher, was Existenzsicherung des Kindes heisst. Es geht endlich nicht mehr um Almosen oder um eine Art Busse für das uneheliche oder verlassene Kind.

Selbstbetreuung ist gegenüber der Kita nicht vorzuziehen. So steht es im Gesetz. Bundesrichter Nicolas von Werdt sagte im TA, die Gerichte müssten nun definieren, ob und wann die obhutsberechtigte Person wählen kann, ob sie berufstätig sein oder das Kind betreuen will. Wie sehen Sie das?
Wenn die Unterhaltsregelung missbraucht wird, um ideologische Kämpfe auszutragen und sich Vorteile zu verschaffen, dann wäre das am Ziel des ­Gesetzes vorbei, das Kind besser abzusichern und die Aufwände und Möglichkeiten besser zu berücksichtigen. Fremdbetreuung ist weder per se schädlich noch gut – auch für ein kleines Kind nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass beide Eltern gemeinsam verantwortlich sind für Betreuung und Existenzsicherung, dann ist es für mich logisch, dass beide im Rahmen der Möglichkeiten erwerbstätig sind. Doch nun sind wir mitten in einer politischen Debatte. Ich vermute eben, dass die viel zitierte Wahlmöglichkeit ein Stück weit eine Illusion ist. Gesetzliche und wirtschaftliche Bedingungen privilegieren immer ein Familienmodell gegenüber anderen.

Nach dem Willen des Parlaments soll die alternierende Obhut gefördert werden. Ist das wünschenswert?
Das Arrangement sollte sich organisch in das bereits gelebte Modell einfügen. Eine Scheidung ist zwar auch eine Chance für Veränderungen und neue Lebensentwürfe. Aber im Kindesinteresse ist eine Anschlusslösung an das, was davor gelebt und als sinnvoll erachtet wurde. Von daher: Eine Betreuung durch beide Eltern im Alltag ist ganz prima, wenn sie passt. Die geografische Distanz ist aus unserer Erfahrung match­entscheidend. Ein Modell einfach überzustülpen, weil es im Trend liegt, ist nicht im Interesse von Kindern.

Viele Scheidungsväter fühlen sich von der Justiz als Zahlväter mit wenig Besuchsrecht diskriminiert. Haben sie recht?
Ist das so? Oder sind diese Stimmen einfach sehr laut? Ich denke, die Unzufriedenen sind eine Minderheit. Es gibt jedoch Rahmenbedingungen und Vorurteile, die von Vätern wie auch von Müttern nicht einfach zu überwinden sind. Das Geschlechterverhältnis kann nicht von heute auf morgen neu definiert werden. Generell erlebe ich die Rechtsprechung nicht als väterfeindlich. Aber es geht eine Weile, bis die Leitplanken des neuen Familienrechts in einer neuen Haltung und Orientierung münden. Kürzlich musste ich bei einem Obergerichtsentscheid, nicht in Zürich, sagen: So unbesehen zu entscheiden, dass ein Kind bei der Mutter besser aufgehoben ist, weil diese sich vorgenommen hat, mit dem neuen Partner traditionell zu leben, ist unzeitgemäss. Manche Richter erklären hingegen die alternierende Obhut als die einzig richtige Lösung für alle – ohne Rücksicht auf Verluste. Das Kind hat in dieser Begründung wenig Platz.

Erstellt: 09.07.2017, 21:53 Uhr

Der Zivilstand wird unwichtiger

SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga treibt den Umbau des Familienrechts mit hohem Tempo voran, seit sie 2010 das Justizdepartement übernommen hat.

Mitte 2014 trat das neue Sorgerecht in Kraft, das Vätern und Müttern die ­elterliche Sorge überträgt, unabhängig davon, ob sie ledig, verheiratet oder geschieden sind. Davor hatte bei Uneinigkeit der Trennungseltern meistens die Mutter das Sorgerecht erhalten.

Seit Anfang 2017 sorgt auch das revidierte Unterhaltsrecht für eine gewisse Gleichbehandlung. Bisher musste der Alimentenzahler bei einer Scheidung für das Kind und die Ex-Frau Unterhalt zahlen. Bei ledigen Trennungseltern hingegen fielen die Alimente nur für das Kind an. Der betreuende Elternteil, meistens die Mutter, musste für sich ­selber aufkommen. Neu wird für den Bedarf des Kindes und unter Berücksichtigung der Möglichkeiten der Eltern ein Betreuungsunterhalt errechnet.

Auch Erbrecht wird modernisiert

Weiter hat das Parlament ein Betreuungsmodell explizit im Gesetz erwähnt: die alternierende Obhut. Das Gericht muss dieses Modell, bei dem Vater und Mutter das Kind im Alltag zu ähnlich grossen Teilen betreuen, auf Antrag prüfen – auch auf Antrag des Kindes.

Modernisiert wird auch das Erbrecht, das laut Simonetta Sommaruga den vielfältigen Lebensformen nicht mehr gerecht werde. Der Bundesrat will die Pflichtteilsquoten senken, der Erblasser soll über einen grösseren Teil seines Vermögens verfügen können. Die Vorlage kommt bald ins Parlament. (bl)

Heidi Simoni

Fürsprecherin der Kinder

Heidi Simoni ist Direktorin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind mit Sitz in Zürich. Das Institut betreibt Beratung, Bildung und Forschung im Bereich der frühen Kindheit und erstellt unter anderem Gutachten im Auftrag von Gerichten und Behörden. Die 59-jährige promovierte Psychologin ist Mitglied der Kindesschutzkommission des Kantons Zürich und des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz. (bl)

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