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«Manche Männer verletzt es, dass wir keinen Mann brauchen»

Ewa Bender und Hanna Janssen erzählen im Vorfeld der Abstimmung zum Anti-Diskriminierungs-Gesetz von ihren Erfahrungen als lesbisches Paar.

«Steh zu dir, wir tuns auch»: Hanna Janssen (links) und Ewa Bender im Büro der «Milchjugend». Foto: Andrea Zahler
«Steh zu dir, wir tuns auch»: Hanna Janssen (links) und Ewa Bender im Büro der «Milchjugend». Foto: Andrea Zahler

Ihr zeigt euch offen in den Medien. Wie viel Mut braucht das?

Janssen: Es geht so. Wir haben das richtige Umfeld – Anfeindungen von Familie und Freunden erleben wir nicht. Wir wohnen in Zürich und studieren hier. Wir wählen uns dieses Umfeld teilweise bewusst aus, teilweise haben wir Glück. Auch die Arbeit in der Milchjugend stärkt uns. Wir sagen immer: Steh zu dir, wir tuns auch. Irgendwann glaubt man das.

Bender: Wenn man gut aufgehoben ist, kann man negatives Feedback besser verarbeiten.

Hanna ist lesbisch, Ewa bisexuell. Musstet ihr das je verheimlichen?

Bender: Ich bin in einem Bündner Dorf aufgewachsen und hatte keinen Zugang zu diesem Thema. Ich kannte fast niemanden, der sich geoutet hatte, und es gab auch keine Gruppen, denen man sich hätte anschliessen können. Das hat meinen Coming-out-Prozess sicher erschwert. Am Ende habe ich mich spontan und etwas impulsiv geoutet in meiner Klasse, während eines Vortrags. Es ging um Aufklärung, und ich redete über gleichgeschlechtliche Liebe. Da tuschelten einige Mitschüler, und einer fragte sinngemäss: Warum interessiert sie das so, ist sie lesbisch? Da rief ich: «Unter anderem, Ja.» Dann war zuerst einmal Stille. Doch dann reagierte die Klasse gut. Auch meine Mutter reagierte sehr liebevoll. Während der Gymi-Zeit hatte ich eine Freundin, die sich wegen ihrer Familie nicht outen konnte. Das war schwierig.

Janssen: Wir erleben nicht unbedingt Homophobie in ihrer krassen Form, wenn wir uns bei Familie und Freunden outen. Vielmehr fühlten wir uns lange alleine damit. Ich habe mich während der ganzen Gymi-Zeit nicht geoutet. An meiner Schule in Oerlikon gab es etwa 2000 Schüler. Mit Sicherheit hatte es Queers darunter, aber die waren unsichtbar. Man schützt sich eben. Ich war meine ganzen Teenagerjahre über nicht mich selber. Jemanden spielen, die man nicht ist, führt zu viel Schmerz und Einsamkeit.

Wie war das Coming-out für euch?

Janssen: Man stellt sich das manchmal so vor: Wir sagen es der Familie und den Freunden und fertig. Doch es ist anders, wir erleben jeden Tag von neuem ein Coming-out. Überall. Wenn ich einen Raum betrete, oute ich mich. Ich entspreche dem Klischee einer Lesbe so fest, daran müssen sich die Leute jeweils zuerst gewöhnen. An der Uni und beim Arbeiten hatte ich nie Probleme. Aber wenn ich den Bus betrete, spüre ich Blicke. Noch mehr, wenn ich mit einer Frau Hand in Hand unterwegs bin. Wenn wir uns einen Kuss geben, schaue ich mich zuerst gut um. Es gibt oft Kommentare, meistens von Männern. «Darf ich mitmachen» oder «Ah, Lesben», oder sie hupen. Sie müssen einfach etwas gesagt oder gemacht haben.

Bender: Wir müssen nicht einmal Händchen halten. Es genügt schon, wenn wir zusammen in einen Laden oder in ein Restaurant gehen. Ständig machen irgendwelche Männer anzügliche Sprüche zu unserem Aussehen oder zu uns als Paar. Queers werden immer sexualisiert, irgendwie sind wir immer ein Spektakel. Wenn wir von einer Frau bedient werden, ist das kein Problem. Ich erlebe dieses permanente Coming-out weniger, da ich nicht auf den ersten Blick als frauenliebende Frau erkennbar bin. Doch immer, wenn ich auf eine neue Gruppe treffe, überlege ich, ob ich von mir erzählen soll. Bei der Arbeit etwa, während der Kaffeepause, erzählen sich die Arbeitskolleginnen, was sie an ihrem Partner mögen. Dann scanne ich alle Anwesenden und frage mich: Sind die easy? Kann ich das jetzt sagen?

Janssen: Wir betonen aber auch immer: Wir sind gern nicht normal. Es hat auch etwas Aufbauendes, zu sich zu stehen. Das ist auch der Spirit der Milchjugend. Ein Slogan von uns ist zum Beispiel: «Ich habe mein Queersein nicht gewählt. Ich hatte einfach Glück.» Eigentlich finden wir Normen doof, wir wollen uns gar nicht anpassen.

«Wir sind gerne nicht normal.»

Ewa Bender

Wer reagiert am stärksten auf euch?

Janssen: Es sind zu 90 Prozent Männer. Sie kommen einfach nicht damit klar, dass wir queer sind. Sie haben den Drang, etwas zu sagen, uns zu kommentieren. Sie fühlen sich vielleicht in ihrer Männlichkeit verletzt, weil sie denken, dass sie für uns nicht interessant sind. Ich glaube, es verletzt manche Männer, dass wir für eine Beziehung keinen Mann brauchen. Klischee-Lesben stellen die hierarchische Stellung der Männer infrage – das provoziert.

Bender: Bei jüngeren Männern sind es weniger religiöse Überzeugungen. Es hat mehr mit der Macho-Kultur zu tun.

Denkt ihr, dass ein hoher Anteil muslimischer Mitbürger zur Homophobie beiträgt?

Janssen: Wer hat denn das Referendum ergriffen? Die EDU und die junge SVP. Mit diesen ausländerfeindlichen und rassistischen Vorurteilen kann ich nichts anfangen. Wenn, dann haben wir ein Männlichkeitsproblem. Und ich sage nicht: ein Männerproblem. Sondern ein Problem mit gewissen Formen der Männlichkeit.

Bender: Der Muslim ist nicht intoleranter als der Bergbauer. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Ist «schwul» immer noch ein Schimpfwort?

Janssen: Ja, das hört man schon noch. «Schwul» oder «behindert».

Bender: Wir von der Milchjugend machen auch Schulbesuche. In der ersten Sekundarklasse haben uns die Schüler einmal zu schwulem Sex befragt, diese Frage haben wir beantwortet. Dann wird getuschelt: «Wäh, grusig, huere schwul, Mann.» In der Berufsschule ist das Klima anders. Und dort gibt es immer Schüler, die nach der Lektion ihre Sachen ganz langsam einpacken, weil sie noch reden wollen.

Janssen: Es ist wichtig, dass die Lehrperson etwas entgegnet, wenn die Schüler «schwul» als Schimpfwort benutzen. Nicht wegen dieses einen Schülers, er wird seine Meinung vielleicht deswegen nicht ändern. Aber wegen anderer potenziell Betroffener in der Klasse. Sie brauchen das ermutigende Signal, dass die Lehrperson hinter ihnen steht.

«Zuerst wollen wir die Ehe für alle, dann wollen wir die Ehe abschaffen.»

Ewa Bender

Wie oft erlebt ihr Homophobie?

Bender: Wir erleben nicht täglich Anfeindungen. Aber wir bewegen uns ja auch absichtlich in einem Umfeld, das uns wohlgesinnt ist. Wir gehen nicht in Hetero-Clubs, sondern nur an Queer-Partys. Wenn wir in eine Bar gehen, überlegen wir uns, wo wir in Ruhe gelassen werden.

Wollt ihr heiraten?

Janssen (kichert): Da kommt jetzt unser links-versifftes Gedankengut hinzu. Von daher: Nein. Wir wollen aber, dass alle heiraten dürfen. Zuerst wollen wir die Ehe für alle, dann wollen wir die Ehe abschaffen.

Janssen: Ich finde Bilder von einer Gay-Hochzeit immer wahnsinnig herzig. Aber Nein. Und Kinder will ich auf keinen Fall.

Auch SVP-Politiker befürworten mittlerweile die Ehe für alle. Findet ein Umdenken statt?

Bender: Ich bin nicht sicher. Diese Zustimmung entspringt eher einer gewissen Gleichgültigkeit. Zudem frage ich mich, ob diese Politiker dann auch Verständnis hätten für Personen, die völlig ausserhalb ihrer Vorstellungen leben.

Janssen: Absolut. Würden sie auch Personen unterstützen, die in einer Kommune leben und am Wochenende Lack-Fetisch-Partys besuchen? Eher nicht. Ich denke eben auch: Wenn Ewa und ich nicht weiss wären, wenn wir vom Schönheitsideal stark abweichen würden, wenn wir nicht an der Uni studieren würden und uns gut verteidigen könnten, dann wäre unser Leben viel schwieriger. Der Diskurs dreht sich immer um die Ehe für alle. Doch ebenso wichtig wäre zum Beispiel, dass Transmenschen Hormontherapien und Operationen von der Krankenkasse vergütet bekommen. Wer nur die Ehe für alle unterstützt, ist kein richtiger Verbündeter.

Wie wichtig ist es für euch, dass die Strafnorm erweitert wird?

Janssen: Warum ist es illegal zu sagen: «Du, Hanna, sollst sterben, weil du gay bist.» Aber es ist erlaubt zu sagen: «Gays sollen sterben.» Das ist nicht logisch.

Bender: Äusserungen, auch wenn sie nur dumm dahergesagt werden, sind der Nährboden für Gewalt. Eine Gesellschaft, die solche Äusserungen toleriert, toleriert auch Gewalt.

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