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Matura für alle ist ein Irrweg

Unser Bildungssystem schafft Optionen für alle Schulabgänger. Und so soll es bleiben.

Der Gymnasiallehrer Andreas Pfister forderte am 1. Dezember in einem Interview mit Redaktion Tamedia nicht nur eine Erhöhung der Gymnasialquote, sondern sogar dass «alle eine Matura machen sollen». Er hält diese Forderung für «weder naiv noch provokativ». Dagegen ist nun meine Forderung, dass alle Schülerinnen und Schüler eine Lehre absolvieren sollen, sicher provokativ und auch naiv. Denn es gibt nicht genügend Lehrstellen für alle. Und alle Gymnasiallehrkräfte müssten sich entweder umschulen oder wären arbeitslos.

Aber mit Provokationen kommen wir nicht weiter – darum braucht es Fakten: Es war gerade wieder zu lesen, dass die USA mit der Schweiz bei der Entwicklung der Berufsbildung zusammenarbeiten wollen. Drei US-Minister sowie die Tochter des Präsidenten bekräftigten, «von einem kleinen Land wie der Schweiz lernen zu wollen». Da kann doch unser Bildungssystem nicht so schlecht sein.

Wer kann am besten beurteilen, ob Matura für alle eine Option ist? Wohl die Jugendlichen selbst, daher befragte ich fünf Berufsmaturitätsklassen und eine Klasse Elektrikermonteure. Das Ergebnis: Nur eine kleine Minderheit sieht in einer Matura für alle einen Vorteil. Verblüffenderweise war der Anteil der Matura-für-alle-Anhänger bei den Monteuren etwas grösser. Als ich nach den Gründen fragte, riefen einige in die Klasse: «Lieber länger in die Schule, weil man da nichts machen muss.»

Andreas Pfister vergisst aber, dass auch in anderen Ausbildungsstufen wie Berufslehre oder Berufsmaturität selektioniert wird.

Ernsthafter: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in der Schweiz rekordverdächtig tief, sie liegt aktuell bei 3,1 Prozent. Europaweit einen der höchsten Werte hat Italien mit aktuell 31,6 Prozent. Das allein ist noch kein Beweis, dass unser duales System besser ist als das italienische Vollzeitschulsystem. Doch wenn man die Werte von Südtirol anschaut – 8,8 Prozent (2017) –, so fragt man sich, warum die Jugendarbeitslosigkeit in dieser italienischen Provinz so tief ist. Die Antwort: Südtirol hat im Gegensatz zum übrigen Italien das duale Berufsbildungssystem bis heute beibehalten.

In den kommenden Jahren müssen im Kanton Zürich massiv mehr Schüler pro Jahrgang eingeschult, beschult und ausgebildet werden. Dies entspricht vorsichtig geschätzt ungefähr 60 Klassen pro Jahrgang. Also müssen zum Zeitpunkt des Höchststandes an Schülerzahlen in allen Schulstufen rund 1000 Schulklassen mehr unterrichtet werden. Dies erfordert mehr Schulhäuser, mehr Lehrpersonen (die jetzt schon knapp sind) und vor allem mehr Geld. Geld für Visionen ist da keines mehr vorhanden.

Darum haben wir heute ein Bildungssystem, das nicht nur fördert, sondern auch eine Auswahl trifft.

Zwar anerkennt auch Andreas Pfister, Selektion sei eine sinnvolle und legitime Aufgabe des Gymnasiums. Er vergisst aber, dass auch in anderen Ausbildungsstufen wie Berufslehre oder Berufsmaturität selektioniert wird. Darum haben wir heute ein Bildungssystem, das nicht nur fördert, sondern auch eine Auswahl trifft. In diesem durchlässigen Bildungssystem landet am Schluss möglichst jede und jeder am richtigen Ort im Berufsfeld.

Nicht alle können Spitzensportler werden, nicht jede wird Schachgrossmeisterin, und nicht jeder wird Bäcker-Konditor-Weltmeister. So können und sollen auch nicht alle die Matura machen, und sollen nicht alle eine Lehre durchlaufen müssen.

* Armin Tschenett unterrichtet seit 1981 auf allen Schulstufen und ist Vize­präsident der Lehrpersonenkonferenz der Zürcher Berufsfachschulen.

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