Maudets Kritikerin muss schweigen

Die Radiojournalistin Laetitia Guinand fiel immer wieder mit Enthüllungen über Pierre Maudet auf. Nun ist sie krankgeschrieben.

Jetzt, da sich die Affäre um Pierre Maudet zuspitzt, hätte Laetitia Guinand, 42 Jahre jung und zweifache Mutter, einiges zu sagen. (Bild: Magali Girardin, 31.10.2012)

Jetzt, da sich die Affäre um Pierre Maudet zuspitzt, hätte Laetitia Guinand, 42 Jahre jung und zweifache Mutter, einiges zu sagen. (Bild: Magali Girardin, 31.10.2012)

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Ihre Stimme ist verstummt. Ihre Enthüllungen sind versiegt. Unter Westschweizer Journalisten sorgt das Verschwinden der Genfer Radiojournalistin Laetitia Guinand für Unruhe.

Alle wissen: Wie nur wenige hatte sie die Courage, den Staatsrat Pierre Maudet mit hartnäckigen Recherchen zu bedrängen. Laetitia Guinand recherchierte zu seiner Reise nach Abu Dhabi, über delikate Entscheide am Flughafen Genf, das aufgeblasene Sicherheitsdispositiv für den Fussball-Cupfinal, und sie enthüllte wichtige Fakten zum Mord an der Soziotherapeutin Adeline.

Maudet hatte mit Guinands kritischer Neugierde seine liebe Mühe. Sein Umfeld ebenso. Der Genfer Kommunikationsberater Eric Benjamin ging im Juni RTS-Direktor Pascal Crittin an. «Was will Laetitia Guinand? Hat sie etwa eine Rechnung offen mit Pierre Maudet?» Er könne nicht zulassen, dass die RTS zu einem Klatschradio verkomme, schrieb Benjamin Crittin in einer E-Mail. Benjamin ist Regionalvorstand der SRG Westschweiz. Maudets Auftritte feiert er auf den sozialen Netzwerken bei jeder Gelegenheit.

Pierre Maudet und andere von Guinands Recherchen betroffene Personen haben bei der Chefredaktion interveniert.

Jetzt, da sich die Affäre um Pierre Maudet zuspitzt, hätte Laetitia Guinand, 42 Jahre jung und zweifache Mutter, einiges zu sagen. Hätte, denn ihre letzte Maudet-Recherche erschien im Oktober in der Sendung «Rundschau», im Deutschschweizer Fernsehen statt im Westschweizer Radio, ihrem eigentlichen Arbeitgeber. Die Reportage erregte selbst in der Westschweiz viel Aufsehen. Nur: Das welsche Fernsehen zeigte sie nie.

Video: Maudet will nicht zurücktreten

Der Genfer will die Probleme in der FDP-Familie lösen. Video: SDA

«Laetitia Guinand ist aktuell krankgeschrieben», sagt Radio-Chefredaktor Laurent Caspary. Er dementiert Gerüchte, wonach die Chefredaktion Guinand journalistische Fehlleistungen vorwerfe. Caspary bestätigt aber, dass Pierre Maudet und andere von Guinands Recherchen betroffene Personen bei der Chefredaktion interveniert haben. Man habe ihnen «Punkt für Punkt geantwortet» und nie einen Beitrag von der RTS-Homepage genommen.

Die Situation von Laetitia Guinand sorgt bei der RTS für Unruhe.

Wegen des Umgangs mit Laetitia Guinand ist die RTS-Führung mittlerweile selbst unter Druck, intern wie extern. Dutzende Genfer Politiker, Kulturschaffende und Journalisten wandten sich mit einem «Plädoyer für die Pressefreiheit» an RTS-Direktor Crittin. In ihrem Schreiben mahnten sie die «langanhaltende und unerklärbare Stille» der Investigativjournalistin an und liessen Crittin wissen, als Bürgerin oder Bürger sei man sehr dankbar, wenn Journalistinnen wie Laetitia Guinand Missstände aufdeckten.

Gemäss einem internen Aussprachepapier sorgt die Situation von Laetitia Guinand bei der RTS für Unruhe. Journalisten deponierten bei der Chefredaktion, sie kämen von aussen immer öfter unter Druck, hätten aber keinen Schutz. Es gebe gar ein Risiko, dass die Hierarchie aufgrund äusseren Drucks Recherchen lahmlege, um hernach darüber zu schweigen. Die RTS-Führung bestätigt Druckversuche – diese nähmen sogar zu –, weist aber den Vorwurf zurück, Beiträge zurückzuhalten.

«Das Radio hat versichert, dass die Arbeit exzellent und seriös sei.»

Wann Laetitia Guinand ihre Recherchen wiederaufnimmt und ans Mikrofon zurückkehrt, ist offen. An ihrer Stelle spricht ihr Anwalt Romain Jordan. Er sagt: «Das Radio hat mir mehrmals versichert, dass die Arbeit meiner Klientin exzellent und seriös sei. Das soll es endlich allen genau so sagen.»


Gegendarstellung

In der Online-Ausgabe wurde am 29. November 2018 der Artikel «Maudets Kritikerin muss schweigen» von Philippe Reichen publiziert. Dieser Artikel unterstellt, dass ich die Journalistin Laetitia Guinand – direkt oder mit Hilfe meines Umfelds – unter Druck gesetzt hätte, um sie zum Schweigen zu bringen. Diese Vorwürfe sind unbegründet. Ich erinnere daran, dass das RTS in diesem Fall jeglichen Druck von aussen öffentlich bestritt, und dass es auf sozialen Medien kürzlich bestätigt hat, die mich betreffende Affäre sei auf RTS regulär behandelt worden. Die Sendungen und Reportagen, die meine Situation zur Sprache brachten, waren keine Gefälligkeitsbeiträge. Wenn ich mich in Bezug auf eine Sendung an den Chefredaktor des Radios RTS, Herrn Laurent Caspary, gewandt habe, dann war dies deshalb, weil Frau Laetitia Guinand mich nicht mit Informationen konfrontiert hatte, bevor sie diese veröffentlichte. Ich habe niemals versucht, irgendjemanden bei RTS direkt oder indirekt zu beeinflussen.

Pierre Maudet

Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest.

Gegendarstellung publiziert: 10. 9. 2019

Erstellt: 28.11.2018, 20:53 Uhr

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