Medienkompetenz fördern

Eine freie Gesellschaft braucht Menschen, die frei über ihre Mediennutzung bestimmen – und über das dafür notwendige Grundwissen verfügen.

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«Wir leben in einer merkwürdigen Zeitung.» Das Zitat von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1931 passt auch ganz gut zu unseren bewegten Zeiten, auch wenn die Umstände vor fast einem Jahrhundert natürlich ganz andere waren als heute. Wenn ich an den Journalismus und an unsere Medienhäuser denke, würde ich ergebnisoffen, aber positiver formulieren: «Wir leben in einer interessanten Zeitung.»

Wenn ich an die Medienpolitik denke, scheint mir «merkwürdig» recht passend. Allerdings erweckt das Wort den Eindruck einer Beschreibung aus Distanz. Tatsächlich zeichnen sich aber die meisten Stimmen in der Medienpolitik durch eine grosse Nähe oder anders gesagt durch starke Eigeninteressen aus. Daran ist an sich nichts auszusetzen, vielleicht ist es sogar normal.

Es geht auch um Macht und Pfründen

Nicht normal und auch nicht ehrlich scheint mir jedoch, dass im Diskurs fast ausschliesslich höhere Interessen wie das Funktionieren der Demokratie und der Zusammenhalt des Landes als die hauptsächliche Motivation der Akteure angeführt werden. Denn in der Medienpolitik und im Mediengeschäft, bei der Vertretung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen und mitunter auf Redaktionen geht es massgeblich auch um Einfluss und Deutungshoheit oder mit anderen Worten um politische Macht, um Positionen und Pfründen, um finanzielle Interessen und um Eitelkeiten.

Es wäre ein Gewinn, wenn der Diskurs transparenter und mit mehr inhaltlicher Substanz geführt würde. Es wäre auch nachhaltiger, weil aufmerksame Beobachter das Spiel durchschauen, es tatsächlich als «merkwürdig» empfinden und die Glaubwürdigkeit der Akteure, letztlich des gesamten Mediensystems darunter leidet.

In einer freien und aufgeklärten Gesellschaft sollten die Menschen das Medienangebot bestimmen.

Das grundlegende Interesse der Verleger ist es, einen Beitrag zur Information und zur freien Meinungsbildung der Bevölkerung zu leisten und damit ein gutes Geschäft zu machen. Dabei ist das gute Geschäft über den unbestrittenen Eigennutz hinaus von Bedeutung. Denn die Aussicht auf ein gutes Geschäft ist eine Voraussetzung für die Bereitschaft zur Investition, für die Schaffung guter Arbeitsbedingungen und damit für die Leistung von Medienqualität, im Interesse einer lebendigen Demokratie, wie wir sie in der Schweiz kennen.

Diese Medienqualität ist wiederum eine unabdingbare Voraussetzung für einen nachhaltigen unternehmerischen Erfolg, den wir – jeder auf seine Art – anstreben und wofür die meisten von uns über einen langjährigen Leistungsausweis verfügen. Der nachhaltige unternehmerische Erfolg im Mediengeschäft und speziell im Geschäft mit Massenmedien beruht am Ende auf dem Vertrauen des Publikums. Es kann über diesen Mechanismus sicherstellen, dass das Mediensystem nicht nur von Eigeninteressen geleitet wird, sondern sich am Interesse der Öffentlichkeit orientiert, die es herstellt.

Medienpolitische Priorität

Wir sollten als Medienmacher unser Publikum und die Politik samt der Verwaltung sollte die Bevölkerung nicht unterschätzen – jedenfalls nicht in der langfristigen Perspektive. Im Gegenteil sollten wir darin übereinstimmen, dass die Medienkompetenz der Menschen die absolute medienpolitische Priorität sein muss. In einer freien und aufgeklärten Gesellschaft sollten die Menschen das Medienangebot bestimmen – durch ihre bewussten Wahlen, durch ihre Nachfrage in Form der Summe ihrer individuellen Mediennutzungen.

Das ist besser, als wenn übergeordnete Instanzen über das richtige Medienangebot entscheiden. Aber es setzt voraus, dass die Menschen über Grundkenntnisse verfügen, wie Medien funktionieren, damit sie Qualität erkennen und bewusste und freie Entscheidungen treffen können. Nur wenn die Bürgerinnen und Bürger die Qualitäten der Angebote beurteilen können, werden sie auch bereit sein, dafür zu bezahlen. Die Förderung der Medienkompetenz ist darum die wichtigste und die nobelste aller denkbaren medienpolitischen Massnahmen. Es sollten sich in diesem Punkt alle einig sein, und es sollte viel Energie in diese Stossrichtung fliessen. Das ist aber leider noch nicht der Fall.

Um nicht an der Oberfläche zu bleiben, möchte ich vertiefen, worum es mir geht. Ich meine mit Medienkompetenz im vorliegenden Zusammenhang nicht den Umgang von Jugendlichen mit dem Internet und neuen Medien im Sinne von Jugendmedienschutz, wofür etwa Pro Juventute praktische Hilfestellungen bietet. Sondern es geht mir vor allem um die Rolle der Medien in der politischen Meinungsbildung.

Im gesamtheitlichen Interesse

Damit ist neben dem Mediensystem das politische System angesprochen. Ein Verständnis darüber ist nur gesamtheitlich möglich, und es setzt ein gesamtheitliches Interesse voraus.

Der erste Schritt zur Medienkompetenz setzt also ein Interesse für das politische System und für das Mediensystem und die Wechselwirkungen zwischen den beiden voraus. Dieses Interesse zu wecken und zu kultivieren, ist genauso Aufgabe der Medien selber wie der Erziehung und der Ausbildung, namentlich an den Schulen. Der zweite Schritt zur Medienkompetenz ist die Fähigkeit, zu verstehen, welche unterschiedlichen Quellen und Medienangebote es gibt, wie sie entstehen, welche Mehrwerte sie leisten und nach welchen Qualitätskriterien sie beurteilt werden können.

Der Lehrplan 21 sieht als Ziel vor, dass Schülerinnen und Schüler sich in medialen Lebensräumen orientieren können, dass sie Medien und Medienbeiträge entschlüsseln, reflektieren und nutzen können, dass sie Gedanken, Meinungen, Erfahrungen und Wissen in Medienbeiträgen umsetzen und auch veröffentlichen können, und schliesslich, dass sie Medien interaktiv nutzen sowie mit anderen kommunizieren und kooperieren können.

Schülerzeitungen bieten hervorragende Möglichkeiten, die Medienkompetenz zu entwickeln.

Die deutschsprachige Literatur zum Thema liest sich ziemlich kompliziert. Das dient der Sache nicht. Wir sollten das Thema der Medienkompetenz so einfach und praktisch wie möglich halten.

Wie gesagt, geht es darum, welche unterschiedlichen Quellen und Medienangebote es gibt, wie sie entstehen, welche Mehrwerte sie leisten und nach welchen Qualitätskriterien sie beurteilt werden können. Das ist keine einfache Materie. Es ist aber auch keine Raketenphysik. Vor allem ist es eine spannende Thematik, die einen Blick in unsere faszinierende Medienwelt erlaubt. Entsprechend praxisnah und durchaus auch spielerisch sollte sie angegangen werden.

Schülerzeitungen, ob gedruckt oder digital publiziert, bieten hervorragende Möglichkeiten, die Medienkompetenz und darüber hinaus viele weitere Fähigkeiten in einem kreativen Rahmen zu entwickeln. Natürlich ist aber der strukturierte Unterricht für eine umfassende Auseinandersetzung mit der Thematik unerlässlich.

Medienschaffende im Unterricht

Es schiene mir viel verlangt, wenn Lehrerinnen und Lehrer neben ihrer pädagogischen Aufgabe und vertieften Kenntnissen in den schulischen Hauptfächern auch noch Informatik- und Medienspezialisten werden müssten. Deshalb schlage ich vor, dass Medienkompetenz zusammen mit Medienschaffenden aus der Praxis unterrichtet und mit ihnen so viele Medienhäuser wie möglich besucht werden sollten. Unsere Türen stehen offen, und ich kann mir gut vorstellen, Wege zu finden, um Journalistinnen und Journalisten dafür zur Verfügung zu stellen.

Das Thema der Medienkompetenz ist eine gemeinsame Aufgabe allen voran der Bildungsinstitutionen, der Politik und aller Medien, seien sie privat oder öffentlich-rechtlich, gedruckt, über Radio, Fernsehen oder andere Plattformen verbreitet. Wozu ich heute aufrufen möchte, ist, der Medienkompetenz die höchste medienpolitische Priorität einzuräumen und einen runden Tisch zu bilden, um ihr gemeinsam zum gebührenden Stellenwert zu verhelfen.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung der Rede von Pietro Supino an der Dreikönigstagung des Verlegerverbands. «Tages-Anzeiger»-Karikaturist Felix Schaad hat dazu die Karikaturen gezeichnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2018, 19:52 Uhr

Pietro Supino
Der Verleger und Präsident des Verwaltungsrats von Tamedia ist Präsident des Verbands Schweizer Medien. Foto: Urs Flüeler/ Keystone

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