Klimabewegung: Blocher hat recht und irrt doch gewaltig

Warum die Gesellschaft auf einmal bereit ist, sich von der Klimafrage bewegen zu lassen.

Nicht nur die Jungen begehren auf: Teilnehmer einer Klimademonstration in Genf (2. Februar 2019). Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Nicht nur die Jungen begehren auf: Teilnehmer einer Klimademonstration in Genf (2. Februar 2019). Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

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Die Gletscher schmelzen schon lange, und ebenso lange warnt auch die Wissenschaft. Bereits im Jahr 2003 erlebten wir einen historischen Hitzesommer, doch ausgerechnet im Jahr 2019 bewegt das Klima auf einmal die Massen. Warum erst jetzt? Oder: warum gerade jetzt? Der trockene Sommer von 2018 hat wohl einige aufgerüttelt, so richtig Fahrt aufgenommen hat das Thema jedoch erst Monate später.

Anders als etwa bei der Fukushima-Katastrophe gibt es keine eindeutigen Auslöser; und weil wir ohne sinnfällige Erklärung offenbar nicht können, wird nun halt ein schwedisches Mädchen wie eine Wunderbringerin durch die Konferenzsäle Europas gereicht. Greta Thunberg ist Symbol und Kristallisationskeim der Klimabewegung, die entscheidende Frage lässt sich mit ihr nicht klären: Wieso ist die Gesellschaft auf einmal bereit, sich von der Klimafrage bewegen zu lassen, nachdem sie sich trotz aller «unbequemen Wahrheiten» (Al Gore) lange so unbeeindruckt davon gezeigt hat?

Die Antwort ist letztlich einfach: Nicht nur das Klima, sondern auch die Gesellschaft hat sich verändert. Lange waren es andere, direkter auf die Emotionen zielende Bedrohungen, welche die Menschen in der Schweiz, aber auch anderswo in der westlichen Welt in ihren Bann gezogen haben.

Das frühe 21. Jahrhundert lässt sich immer besser als eine Ära des erschütterten Grundvertrauens verstehen. Erst die Finanz- und dann die Eurokrise stellten die zuvor als unerschütterlich wahrgenommene Wirtschaftsordnung infrage. Die Anschläge vom 11. September 2001 und der islamistische Terror in Westeuropa trugen eine geradezu körperliche Angst bis auf die Plätze unserer Städte. Die arabischen Aufstände, der Syrienkrieg und die Flüchtlingskrise wirkten auf viele wie Vorboten einer neuen Völkerwanderung und alles zusammen als existenzielle Bedrohung der westlichen Zivilisation.

Zivilisatorisches Grundvertrauen

Diese Krisen waren deshalb so wirkmächtig, weil sie eine falsche Selbstgewissheit zerstörten, die sich nach dem Ende des Kalten Kriegs im Westen ausgebreitet hatte. Damals nahm sich die westliche Zivilisation als derart dominant und unverwundbar wahr, dass zwei einstürzende Wolkenkratzer alles infrage zu stellen vermochten.

Viele der Krisen des frühen 21. Jahrhunderts haben sich in der jüngeren Vergangenheit entschärft. Das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit macht sich heute wieder so etwas wie ein zivilisatorisches Grundvertrauen breit. Ein Vertrauen, das sich auch von einem nächsten Terroranschlag nicht so leicht erschüttern lässt. Schliesslich hat sich die falsche Selbstgewissheit der 1990er-Jahre in die positive Grunderkenntnis gewandelt: Die westliche Zivilisation lässt sich nicht so einfach in die Knie zwingen. Krisen wird es immer geben, doch sie lassen sich bewältigen.

Es ist dieses wiedergefundene Vertrauen, das Raum geschaffen hat für subtiler wirkende Herausforderungen wie den Klimawandel, die sich nicht so einfach in ein Freund-Feind-Schema pressen lassen.

Christoph Blocher nannte die Klimabewegung kürzlich eine Modeerscheinung. Er dürfte damit durchaus recht haben und sich dennoch gewaltig irren. Recht hat er mit der Vorstellung, dass sich die politisch-gesellschaft­liche Tektonik ganz ähnlich wie die Mode in Zyklen bewegt. Er irrt sich jedoch gewaltig, wenn er glaubt, politische «Modeerscheinungen» seien nach einer Saison schon wieder von gestern.

Die von den 68ern angestossene Ära der neuen sozialen Bewegungen mitsamt der ersten grossen Umweltbewegung hielt fast zwei Jahrzehnte. Der von Ronald Reagan und Margaret Thatcher geprägte Neoliberalismus danach ebenfalls.

Wenig spricht dagegen, dass sichauch die konservative Ära der Verun­sicherung nach fast zwei Jahrzehnten ihrem Ende zuneigt. Zumindest steht das wiedergewonnene Grundvertrauen für weit mehr als eine modische Laune des Moments.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.04.2019, 06:01 Uhr

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