Mehr Schlaf, weniger Drill: So sieht die RS der Zukunft aus

Die Armee will jungen Männern einen sanfteren Einstieg ins Soldatenleben ermöglichen. Kritiker sprechen bereits von «Pfadi-Lager».

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Rund 3000 Rekruten werden jedes Jahr aus medizinischen Gründen aus der Rekrutenschule entlassen. Die Armee hat alles Interesse daran, diese Quote zu senken: Einserseits fehlen ihr zunehmend Soldaten, weil der Zivildienst «zu attraktiv» sei, wie der neue Armeechef Philippe Rebord sagt. Anderseits wurde bei jedem entlassenen Rekruten über Wochen oder Monate in Ausbildung und Ausrüstung investiert – nur um den Mann schliesslich aus den Armeebeständen zu streichen.

Um die Ausfallquote zu senken, hat die Armee das Konzept «Progress» entwickelt. Die Idee dahinter: Den Rekruten soll der Einstieg in das Soldatenleben so sanft wie möglich bereitet und die Belastung danach sukzessive gesteigert werden. Das neue Konzept wird seit mehreren Jahren in den Infanterieschulen von Colombier NE angewandt und soll nun schrittweise auf die ganze Armee ausgedehnt werden. Schulkommandant Luca Bottesi ist begeistert: «Wir wollen die jungen Männer gewinnen – und nicht ihren Willen brechen.» Von der früher in der Armee oft angewandten Doktrin, den Rekruten zu Beginn der RS möglichst scharf den Tarif durchzugeben, hält der Oberstleutnant nichts. «Den Rekruten von heute müssen Sie überzeugen und begeistern, anders geht es nicht», sagt Bottesi. Die Gesellschaft und mit ihr die Jugend habe sich gewandelt, «ob wir das wollen oder nicht».

Marschieren in Turnschuhen

Dieser Wandel zeigt sich auch in der physischen Leistungsfähigkeit der Rekruten. So bekunden viele junge Männer Mühe damit, Kampfstiefel zu tragen – weil sie im Zivilleben zumeist in Turnschuhen unterwegs sind. Die Folgen: Nach einem Marsch landen halbe Züge auf der Krankenstation mit Knie-, Fuss- oder Achillessehnenproblemen. Neu sollen die Rekruten deshalb öfter in bequemeren Schuhen unterwegs sein. «Die Turnschuhe werden im Kampfrucksack mitgeführt. Auf dem Weg zu den Ausbildungsplätzen tragen die Rekruten Kampfstiefel, auf dem Rückweg Turnschuhe», sagt Bottesi. Auch die Zugschule – das Marschieren in Formation – wird zu Beginn in Turnschuhen geübt.

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Wird die Rekrutenschule zum «Pfadilager»?




Verkürzt wurden in den ersten Wochen zudem die Marschdistanzen. Und es ist stärker als früher jedem Einzelnen überlassen, wann er einen Marsch abbrechen will – oder ob er sich in Absprache mit dem Schularzt durchbeisst. Neu ist es den Rekruten auch erlaubt, sich gemächlichen Schrittes statt im Laufschritt zu verschieben. Wenn sie sich im Halbkreis in einer sogenannten Daher-Formation versammeln, dürfen sich die Rekruten sogar auf ihren Kampfrucksack setzen – altgediente Offiziere muss es ob diesem Anblick schaudern.

Tatsächlich stiess das neue Konzept in Armeekreisen auf Widerstand, negative Auswirkungen auf Disziplin und Leistungsfähigkeit wurden befürchtet. «Progress ist ein Erfolg», hält Bottesi dem entgegen. So konnte er die Ausfallquote in seiner Schule auf rund acht Prozent senken. Armeeweit liegt sie in den Rekrutenschulen bei gut zwölf Prozent. «Früher forderte man von den Rekruten zu Beginn vollen physischen Einsatz und liess dann mit Dauer der RS nach. Wir machen es umgekehrt, was ja auch logisch erscheint», sagt der Tessiner.

Den Auftrag nicht gefährden

Das neue Konzept sieht nicht nur Änderungen im sportlichen Bereich vor. Vielmehr soll sich auch Grundsätzliches in der Rekrutenausbildung ändern. «Der Kasernenhofton ist passé», sagt Bottesi. Statt die Rekruten anzubrüllen, gebe man ihnen möglichst viele Informationen, um die Sinnhaftigkeit ihres Tuns zu erklären. Dazu gehört auch, dass die Kompanien am Morgen beim Antrittsverlesen über die Weltlage informiert werden. Tagwache sei nicht mehr vor sechs Uhr, und sechs bis sieben Stunden Nachtruhe werde in der Regel immer eingehalten.

Gibt es für Bottesi auch eine Grenze, einen Punkt, an dem die Erleichterungen das auf Hierarchie und Befehlsbefolgung basierende System Armee kippen lassen? «Unsere Leitplanken sind die Auftragserfüllung. Die Soldaten müssen bis Ende der RS gewisse Kriterien erfüllen, da machen wir keine Abstriche.» Innerhalb dieser Spannbreite gebe es jedoch verschiedene Wege zum Ziel.

«Definitiv der Wurm drin»

Gar nicht dieser Ansicht ist Willi Vollenweider, Präsident der Milizorganisation Gruppe Giardino. «Diese Massnahmen gehen komplett in die falsche Richtung», sagt der Oberleutnant a.D. Die Belastung sukzessive zu steigern, sei schön und gut, aber das habe man in der Armee schon immer so gemacht. Was letztlich zähle, sei etwas anderes: «Die jungen Männer wollen Erlebnisse, wollen an ihre Leistungsgrenze gebracht werden.» Davon würden sie noch Jahre nach der Rekrutenschule erzählen. Solche Erlebnisse schaffe man jedoch nicht, wenn man zusammen im Kreis sitze oder die Marschdistanzen verkürze. «So wird die Rekrutenschule zum Pfadi-Lager», sagt der Giardino-Präsident. Seine Organisation werde diese Entwicklung jedenfalls kritisch verfolgen. «Denn bei unserer Armee», sagt Vollenweider, «ist definitiv der Wurm drin.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2017, 10:44 Uhr

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